Thriller von P. J. Parrish – Das Gebeinhaus

Die Jagd auf einen Serienkiller endet für alle Beteiligten tragisch

Parrish: Das Gebeinhaus - Knaur Verlag
Parrish: Das Gebeinhaus - Knaur Verlag
Eine junge Polizistin gerät in ihrem ersten Fall an ein Serienkiller, der vom indianischen Mythos des Windigo besessen ist. Spannender Auftakt einer neuen Krimi-Reihe.

P.J. Parrish ist das Pseudonym der Schwestern Kelly Nichols und Kris Montee. Ihre Krimis um den Ermittler Louis Kincaid sind in den USA Bestseller. Nach sieben Kincaid-Büchern haben sie eine Nebenfigur aus der Reihe, Louis’ Freundin Joe, zur Hauptfigur einer neuen Reihe erkoren. Ihren Einstand gibt Joe mit „Das Gebeinhaus“. In einer Rückschau erzählt sie ihrem Geliebten von den traumatischen Ereignissen, die sie als frischgebackene Polizistin durchstehen musste.

Das Gebeinhaus: Ein Serienmörder in der Provinz

Joette „Joe“ Frye beginnt 1975 ihren Polizeidienst in Echo Bay, einem beschaulichen Provinznest in Michigan. Kapitalverbrechen gibt es hier nicht, Unfälle oder Beschwerden gehören zur Polizeiroutine. Als ein menschlicher Knochen im Wald gefunden wird, entwickelt sich ein Fall, der das Leben aller Beteiligten folgenschwer für immer verändert. Joe, die es als Anfängerin und als einzige Frau doppelt schwer hat, sich gegen ihre Kollegen durchzusetzen, entwickelt ein Gespür für die richtige Fährte. Sie entdeckt geheimnisvolle indianische Symbole, die mit dem Mord zusammenhängen und vermutet als Erste, dass es sich um einen Serientäter handelt. Als sich ihre These bestätigt, wird ein Bundespolizist hinzugezogen, der Joe bei der Ermittlungsarbeit als gleichberechtigte Partnerin einbezieht. Als sie den mutmaßlichen Täter verhaften, ahnen sie nicht, dass das erst der Auftakt zu einem blutigen Drama ist.

Das Gebeinhaus: Überzeugende Charaktere

P.J. Parrish erzählt nicht nur eine spannende Geschichte, sondern besitzt auch die Gabe, interessante und überzeugende Charaktere zu schaffen. Joe ist eine junge Frau, die mit Leidenschaft Polizistin ist, die das Talent besitzt, die wichtigen Details zu erkennen und Zusammenhänge herzustellen. Sie ist stark und mutig. Eigenschaften, die sie nötig hat, um sich gegen den Sexismus ihrer Kollegen durchzusetzen und die Belastungen und Gefahren ihrer Arbeit zu verkraften. Ihre Stärke lässt sie letzten Endes auch die Konfrontation mit dem Serienkiller überstehen. Trotz ihrer grauenhaften Erlebnisse bleibt sie weiter Polizistin, auch wenn ihre Beziehung daran zerbricht.

Der Krimi bleibt dicht an der Hauptperson, die Kollegen und der Täter erhalten aber ebenfalls Profil. Es gibt den verbissenen Macho-Kollegen, den bedächtigen Chef, den aufgeschlossenen FBI-Ermittler, zu dem Joe eine enge, beinah amouröse Bindung entwickelt, der Partner, der trotz aller Liebe erst an zweiter Stelle nach ihrem Job steht.

P. J. Parrish schafft einen Krimi mit Atmosphäre

„Das Gebeinhaus“ spielt im Herbst und Winter in Michigan, dem Nordosten der USA. Man spürt beim Lesen praktisch die Kälte, sieht die Schönheit der Landschaft vor sich. Sehr eindrücklich ist das Leben in der Provinz wiedergegeben, der latente Sexismus der Zeit und die fremdartige Welt der Indianer, in deren Geschichte und Mythologie Parrishs Buch einen kleinen Einblick gibt.

Das Gebeinhaus: Spannung bis zum Schluss

P.J. Parrish gelingt es, über 570 Seiten die Spannung zu erhalten. Anfangs steht die Ermittlungsarbeit der Polizei im Vordergrund, der Leser macht sich gemeinsam mit Joe an die Identifizierung der Opfer und auf die Suche nach dem Täter und seinem Motiv. Dann wechselt Parrish kurz in die Perspektive des Täters, ohne dass dadurch seine Identität verraten wird. Als nach der Hälfte des Buches feststeht, wer der Serienkiller ist, wird aus dem Whodunit ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem Killer und den Cops. Die Provinzpolizisten sind mit dem Fall überfordert und begehen einen verhängnisvollen Fehler. Am Ende steht Joe dem wahnsinnigen Killer gegenüber, der sie zum würdigen Gegner und Opfer erkoren hat.

Ethische Fragen in Das Gebeinhaus: Gut und Böse, Opfer und Täter

Parrishs neuer Krimi überzeugt nicht nur mit einer spannenden Handlung, mit einer eindrucksvollen Hauptperson, gut gezeichneten Charakteren, stimmungsvollem Ambiente. Wie jeder gute Krimi stellt er auch moralische Fragen. Der Indianer Ahanu sagt zu Joe, dass es „das Böse“ zwar gibt, aber dass jeder die Veranlagung zum Guten und zum Bösen in sich hat und sich entscheiden kann. In „Das Gebeinhaus“ stehen alle Beteiligten irgendwann vor dieser Entscheidung, Opfer werden zu Tätern, Täter zu Opfern.

P. J. Parrish: Das Gebeinhaus Knaur 2009. Taschenbuch, 576 Seiten. Euro 8,95.

Brigitte Grahl, Brigitte Grahl

Brigitte Grahl - Nach meinem Studium der Germanistik und Publizistik an der FU habe ich als freie Journalistin bei Print- und Online-Medien ...

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