
- Werther-Tracht, ab 1788 als Zeichen der Sympathie mit den Idealen der Aufklärung getragen - frei
Die Interimsherrschaft der Fürstenwitwe Anna Amalia, stellvertretend für ihren unmündigen, erstgeborenen Sohn neigt sich dem Ende zu. Im September 1775 wird Carl August zu Sachsen-Weimar volljährig sein und die Regierungsgeschäfte des kleinen Fürstentums übernehmen. Der von Christoph Martin Wieland erzogene Prinz absolviert Bildungsreisen, die auch der Brautschau dienen. Mainz, Straßburg, Paris sind wichtige Stationen. Am 11. November 1774 weilt der Prinz in Mainz. Dort wird ihm der junge Johann Wolfgang Goethe vorgestellt. Carl August lädt ihn spontan nach Weimar ein.
Carl August besucht "Werther"-Autor in Frankfurt
Im Zuge seiner Vermählung mit der hessischen Prinzessin Louise weilte Carl August im Herbst 1775 am Fürstenhof zu Darmstadt. Er hatte zu seinem achtzehnten Geburtstag, am 3. September 1775, die Amtsgeschäfte von seiner Mutter übernommen. Den Besuch in Darmstadt nimmt der Thronfolger zum Anlaß für ein zweites Zusammentreffen mit Goethe in dessen Heimatstadt Frankfurt am Main.
Zur Herbstmesse 1774 war der Roman „Die Leiden des jungen Werther“ erschienen, und dieses Werk schlug ein wie eine Bombe, machte Goethe übernacht bekannt. Goethe charakterisiert sein Schaffenswerk so: „Allerhand neues habe ich gemacht. Eine Geschichte des Titels: „Die Leiden des jungen Werther“, darinn ich einen jungen Mann darstelle, der mit einer tiefen reinen Empfindung, und wahrer Penetration begabt, sich in schwärmende Träume verliert, sich durch Spekulationen untergräbt, biss er zuletzt durch dazutretende unglückliche Leidenschafften, besonders eine endlose Liebe zerrüttet, sich eine Kugel vor den Kopf schießt.“
Goethe will dem Schlendrian entfliehen
Carl August, bekennender „Werther“-Fan, ließ sich im Elternhaus des populären Autors im Großen Hirschgraben in der Frankfurter Altstadt melden. Knebel fädelte dieses Treffen ein. Im Rahmen dieses Besuchs erneuerte Thronfolger Carl August seine Einladung an den jungen Juristen und Literaten: er lud ihn zu einem Besuch in sein Fürstentum ein, zu einem Besuch in die Residenzstadt Weimar.
Was kann einen hochbegabten Sohn aus bester großbürgerlicher Familie, einen Bürger der Freien Reichsstadt Frankfurt am Main – Messe- und Finanzplatz, Krönungsstadt der Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation – dazu bewegen, diesen Standort gegen eine kleine Residenzstadt in einem durch Erbteilungen miniaturisierten Herzogtum einzutauschen? Es war der Vater Johann Caspar, zu dem der inzwischen berühmte Sohn ein eher zwiespältiges Verhältnis hatte. Goethe lebt vom Geld des reichen Vaters, der auf eine juristische Ausbildung seines Sohnes größten Wert legt. Die juristische Tätigkeit in der eigenen Kanzlei im elterlichen Haus am Hirschgraben, die ihm sein Vater eingerichtet hat, langweilt den Sohn. Schon im Sommer 1773 notiert der junge Goethe: „Und so träum ich denn und gängle durchs Leben, führe garstige Prozesse schreibe Dramata, und Romanen und dergleichen. Zeichne und poussiere und treibe es so geschwind es gehen will.“ Er möchte sich vom „Gängelband“ des ständig moralisierenden Vaters lösen. Einzig nach Schreiben ist ihm zumute: „Wenn ich jetzt keine Dramata schriebe, ich ginge zu Grund.“ Noch in Frankfurt beginnt er 1775 mit dem „Egmont“, beendet die erste Fassung seines „Urfaust“; verlobt und entlobt sich mit der Offenbacher Bankierstochter Lili Schönemann. Goethe´s Urteil über seine Vaterstadt war hart: „Frankfurt bleibt das Nest . . . wohl um Vögel auszubrüten . . . ein leidig Loch. Gott helf aus diesem Elend, Amen.“
Ungeachtet des Erfolgs seines „Werther“ ist sich Goethe darüber im klaren, daß dieser ihn finanziell nicht in die Lage versetzten würde, eine Existenz als freier Schriftsteller durchzuhalten.
Ein Bürgerlicher in fürstlicher Umgebung
Vater Johann Caspar warnt seinen Sohn davor, die Einladung des Weimarer Herzogs anzunehmen, sagt für „Bürgerliche in fürstlicher Umgebung“ das Schlimmste voraus. Als ob er richtig liege, läßt der Herzog, der Goethe Geleit nach Weimar zugesagt hatte, nichts von sich hören. Goethe saß blamiert auf gepackten Koffern. Der Vater versucht die Situation zu entschärfen und drängt den Sohn zu einer Italienreise. Der tritt die Reise gen Süden tatsächlich an. Er kommt bis Heidelberg. Dort erreicht ihn der Staffettenbrief des Weimarer Kammerherrn von Kalb. Der Wagen nach Weimar wartet in Frankfurt. Goethe kehrt um.
Am frühen Morgen des 7. November 1775 erreicht Goethe die Residenzstadt Weimar. Es wurde ein langer Aufenthalt!
Quelle:
- Sigrid Damm, Christiane und Goethe. Eine Recherche. Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 2001.
