
- "Zugereister" Waschbär - Stefanie Abel, pixelio
Der bekannteste und größte Einwanderer kam auf seinen eigenen vier Pfoten über die Alpen und hatte damit einen vergleichsweise kurzen Weg hinter sich: Für "Problembär" Bruno bot der neue Lebensraum jedoch keine Zukunft. Weniger medienwirksam, dafür aber wesentlich erfolgreicher siedeln sich die Angehörigen mancher kleinerer Spezies in Deutschland an. Die "Völkerwanderung" in der Tierwelt geht nicht selten auf menschliche Einflussnahme zurück.
Leider nicht mehr wegzudenken: Eingeschleppte Schädlinge
Es ist ein natürlicher evolutionärer Prozess, dass sich die Fauna im ständigen Wandel befindet: Unter sich laufend ändernden Umweltbedingungen ist mal die eine, mal die andere Spezies erfolgreicher, Arten sterben aus oder ziehen sich zurück, neue Arten entstehen und erobern neue Lebensräume. Dieser über Jahrtausende stattfindende Prozess erfuhr in den letzten Jahrhunderten eine ungeahnte Beschleunigung: Durch die Mobilität und die Globalisierung des Handels brachten die Menschen mit ihren Schiffen und Flugzeugen - meist unbeabsichtigt - auch "blinde Passagiere" mit. Ein bekanntes Beispiel ist die Wanderratte, die bereits im 18. Jahrhundert aus Asien eingeschleppt wurde und durch ihre extreme Anpassungsfähigkeit die europäische Hausratte beinahe ganz verdrängt hat. Sie wird schon als heimische Spezies wahrgenommen und von ihr stammen die Laborratten und damit auch die als Haustiere gehaltenen Farbratten ab. Nicht zuletzt dank ihrer enormen Fortpflanzungsrate und ihrer Fähigkeit, Giftköder zu vermeiden gilt sie vor allem in Großstädten als schwer zu dezimierender Schädling. Ein weiterer berüchtigter Schmarotzer: der Kartoffelkäfer. Er kam Ende des 19. Jahrhunderts mit Schiffen aus den USA und hat sich seither fast über die ganze Welt verbreitet. Hauptgrund für seinen Erfolg war das Fehlen von Fressfeinden: Sein auffälliges Streifenmuster wirkt auf die Vögel in seiner neuen Heimat abschreckend. Er sorgte für so manchen Ernteausfall, wurde zunächst mit groß angelegten Absammelaktionen, später dann mit DDT mehr oder wenig erfolgreich bekämpft und war in den 50er Jahren sogar als "Ami-Käfer" Gegenstand antiamerikanischer Propaganda in der ehemaligen DDR. Heutzutage stehen jedoch weit weniger bedenkliche wirksame Pestizide zur Verfügung. Eine ähnliche "Karriere" wie der Kartoffelkäfer hat auch die Reblaus hinter sich. Vor etwa 50 Jahren begann sich ein weiterer Schädling zum Leidwesen aller Hobbygärtner in Deutschland auszubreiten: Die spanische Wegschnecke kam zusammen mit Gemüselieferungen von der iberischen Halbinsel und trat dank ihrer Resistenz gegen Trockenheit einen Siegeszug an. Auch hier fehlen die Fressfeinde, wenn man von einem bei uns eher seltenen Haustier, der indischen Laufente, absieht. Für wenig Begeisterung hierzulande sorgen die kleinen Pharaoameisen, die oft in Krankenhäusern zu finden sind und dort Krankheitserreger verbreiten können.
Aus der Gefangenschaft entflohen: Exoten in Deutschland
Der "Austausch" von Organismen zwischen den Kontinenten lässt sich nicht mehr vermeiden: Allein mit dem Ballastwasser von Schiffen, das im Starthafen aufgenommen und im Zielhafen abgelassen wird, werden täglich Millionen von Kleinstlebewesen importiert. Neben der Reise mit Schiffen und Flugzeugen bieten sich weitere Möglichkeiten für Tiere aus Asien und Amerika, in Europa Fuß zu fassen: Sie wildern ungewollt aus Zoos und Pelztierfarmen aus oder werden von Menschen sogar absichtlich ausgesetzt. So konnten sich einige Populationen von Exoten aus fernen Ländern etablieren, die mit den hiesigen Gegebenheiten zurecht kommen - darunter auch größere Tiere und sogar Säugetiere. Beispiele dafür sind Marderhunde, amerikanische Nerze (Minks) und Waschbären. Letztere bewohnen als Kulturfolger auch große Städte wie Kassel. Um verwilderte Haus- oder Zootiere handelt es sich auch bei Schmuckschildkröten, Chileflamingos (NRW), Nandus (Mechlenburg-Vorpommern) und bei den Halsbandsittich-Schwärmen in Wiesbaden und Köln. Eingeführte Tierarten können ihre eigene ökologische Nische besetzen und somit die Tierwelt bereichern, sie können sich aber auch übermäßig vermehren und enorme Schäden verursachen, wie zum Beispiel die Kaninchen in Australien.
Buchtipp zu diesem Thema:
Mario Ludwig, "Invasion - wie fremde Tiere und Pflanzen unsere Welt erobern", Ulmer Verlag 2010
