Alles, was irgendwie hoch aufgestellt ist und weithin sichtbar, wird neudeutsch Landmarke genannt. Besonders im sonst nicht gerade mit Gebirgspanoramen verwöhnten Ruhrgebiet recken sich seit spätestens 2010, dem Jahr der Kulturhauptstadt Ruhr2010, eine ganze Reihe Landmarken auf hohen Höhen aus dem Dunst der ehemaligen Kohle- und Stahlregion. (Im weiteren Sinn ist natürlich auch das Wahrzeichen der Kulturhauptstadt, das Fördergerüst der Zeche Zollverein, eine Landmarke.)

Woraus sind die Halden im Ruhrgebiet?

Seit 2011 steht nun eine geschwungene Treppe, neudeutsch eine begehbare Skulptur, in Duisburgs Süden, in Angerhausen. Eine Landmarke. Auf einer Halde. Halden sind Hügel im sonst relativ flachen Ruhrgebiet, und zwar künstliche Hügel. Überreste des Kohleabbaus, um genau zu sein. Man holte ja nicht nur verfeuerbare Kohle von Untertage, sondern auch jede Menge Steine und sonstiges Nichtverwertbares. Und die mussten ja irgendwo hin: Man schaufelte also an vielerlei Orten Halden zusammen. Die Revier-Halden hießen daher eigentlich Bergehalden ("Berge", Abraum = bergmännischer Ausdruck für "taubes", wertloses Gestein).

Beliebt waren sie früher nicht gerade. Wer in der Nachbarschaft wohnte, freute sich, dass er nun nicht mehr nur aus den Industrieschloten Dreck abbekam, sondern auch noch der schwarze Staub der Halden alles durchdrang. Dann wurden sie begrünt und irgendwann in den späten 1980ern überlegte man, was man denn mit diesen Halden machen könnte.

Wieder untertage bringen, hätte all die begeistert, die unter den Bergsenkungen zu leiden haben - das sind nicht nur die, die in Löcher fallen, wenn sich plötzlich alte Schächte senken, oder diejenigen, deren Häuser Risse bekommen, weil sich der Boden bis zu 40 Meter gesenkt hat, oder die, deren Keller immer feuchter werden oder - immer öfter - ständig unter Wasser stehen, weil sich der Grundwasserspiegel leider nicht zusammen mit der Oberfläche gesenkt hat und nun knapp an der Oberfläche ist ...

Nur leider kann man die Berge-Reste nicht mehr wieder dort hin zurückbringen, wo sie hingehören. Aber da hatte man eine Idee: Wie aus all den Industriebrachen, den stillgelegten Zechen- und Industriegeländen, würde man aus den Halden Freizeitparks machen. Gesagt getan. Das Ergebnis sind mehr als 73 Halden und vier Deponien (ja, auch Mülldeponien sind nun Freizeitparks!).

Freizeitpark Angerpark: Umweltverschmutzung adé

Eine davon steht also jetzt in Duisburg-Angerhausen und inmitten des Angerparks, den man allerdings auch 2012 noch nicht richtig erkennen kann. Die Halde selbst erhielt den greulichen Namen "Heinrich Hildebrand Höhe" (Hildebrand war ein Angerhausen-Heimatforscher). Sie besteht weder aus Müll noch aus Berge-Resten, sondern zur Abwechslung aus Verhüttungs-Schlacke, das heißt im Klartext: aus verkapseltem hochverseuchten Gelände. Denn sie steht ausnahmsweise mal nicht auf einem Zechengelände, sondern auf dem einer 2005 insolvent gegangenen Zinkfabrik. Und was Zinkfabriken an Umweltgiften erzeugen, davon kann man sich nicht nur in den peruanischen Anden überzeugen, sondern auch im LWR-Museum Oberhausen, einer ehemaligen Zinkhütte.

Aber genug der Nestbeschmutzung - Tatsache ist, dass all diese Halden und "umgenutzten" Industriegelände wirklich tolle Ausflugsziele im Ruhrgebiet geworden sind (und vermutlich wird man mehr "verschmutzt", wenn man ein herkömmliches Schnitzel oder die landestypischen Fertiggerichte à la Oetker isst).

Die Landmarken auf den Halden sind dabei aber von wechselhafter Qualität. Viele kann man zum Beispiel von der S1 oder der S2 aus und auf der A43 sehen, wenn man in nach Norden schaut.

Tiger & Turtle - Magic Mountain

Nun wurde um die geschwungene Treppe im Duisburger Süden unter dem Namen Tiger & Turtle - Magic Mountain (hier jetzt abgekürzt als T&T) ein ziemlicher Aufruhr veranstaltet. Da kommt man dann schon mit ziemlich großen Erwartungen in den Duisburger Süden.

Tatsächlich ist die Halde ein offensichtlicher Anziehungspunkt in den Sommerferien. Und tatsächlich ist sie ganz hübsch, aber beileibe nicht so schön wie die Serra-Skulptur auf der Schurenbachhalde oder die Astronomie-Bögen auf Halde Hoheward.

Sie ist eine verzinkte, silbrig glänzende Achterbahn, abends weithin sichtbar beleuchtet. Und gerade weil man sie erklimmen kann, ist man dann enttäuscht (obwohl man es ja eigentlich hätte wissen müssen und eigentlich ja auch wusste), dass der Loop natürlich nicht freigegeben ist - die Naturgesetze und mit ihr die Schwerkraft sind bekanntlich auch in Duisburg nicht auszuhebeln :-)

  • Übrigens wieder etwas zum Thema deutsche Ingenieurskunst: Schon nach nicht einmal einem Jahr gibt es eine Vielzahl Rostansätze ... (was bei verzinkten Flächen so gewollt sein mag, denn dieser "Flugrost" auf Zink ist der eigentliche Schutz vorm Durchrosten. Optisch ist er hier aber sicher nicht beabsichtigt, denn T&T soll ja silbrig glänzen.)
Nicht nur wer Höhenangst hat (es sind Gitterstufen, der Horror schlechthin für jeden, der Höhenangst hat), sollte sich am Geländer festklammern. Besonders, wenn es windig ist, kann das Gerüst leicht schwanken (bei stärkerem Wind ist es sowieso geschlossen). Jedenfalls wird man durch einen sehr schönen Blick entschädigt: Gen Süden gibt es sogar Industriekultur non-museal, mit Umweltverschmutzung live durch das Hüttenwerk Krupp Mannesmann im nach ihm benannten Stadtteil Hüttenheim, das giftbraune Wolken ausspeit, so dass es (Einbildung?) überall in der Umgebung stinkt.

Logport- und Rheinaussicht: "Panoramaportal"

Übrigens gibt es am südlichen Rand der Halde einen schmalen Weg (Sackgasse!) am Flüsschen Anger entlang zu deren Mündung in den Rhein. Die Anger sieht nicht gerade wie ein naturbelassener Bach aus, die Uferweiden wachsen erst noch zu selbigen heran.

Der Endpunkt nennt sich etwas hochtrabend "Rheinportal" - Marketing ist halt heutzutage alles. Die dortige Aussichtsplattform ragt in den Rhein hinaus, verfügt aber leider nicht über eine Bank. Bänke zum Ausruhen gibt es jedoch reichlich auf den 650 Metern Weg zum "Rheinportal". Und man hat dort eine Sicht auf das östliche Container-Terminal des Logports Duisburg - dem Führer des Portalkrans kann man fast in die Augen schauen, wenn er mit Laufkatze und Spreader herumhantiert und Container transportiert.

Tipp Tiger Turtle Mountain

Fazit: Der Tiger & Turtle - Magic Mountain ist nicht magisch und auch kein tagesfüllender Ausflugstipp, sondern

  • ein Ziel für einen Abstecher, wenn man sowieso in der Gegend ist (zum Beispiel für eine Hafenrundfahrt in Duisburg oder auf dem Weg zum Lehmbruckmuseum (dort auch viele Kinderangebote!) oder Legoland (Letzteres kann man sich auch schenken) und
  • ein Leuchtturm fürs Auge in der Nacht und
  • etwas für die Anwohner, ein kleiner Ausgleich für die erlittenen Leiden als Nachbarn von Stahl- und Zinkfabrikation.

Infos zu Tiger & Turtle - Magic Mountain in Duisburg-Wanheim/Angerhausen

  • Adresse: Heinrich Hildebrand Höhe im Angerpark, Duisburg-Wanheim-Angerhausen.

  • Öffnungszeiten: Ja, tatsächlich es gibt Öffnungszeiten, allerdings ist das Gerüst derzeit ganztägig und -nächtig offen. Aber es gibt feste Regeln und nach all den Erfahrungen mit Kunst und so weiter im öffentlichen Raum auch eine strikte Videoüberwachung für selbige, nicht nur für Vandalismus. Bei Unwetter, Gewitter, Starkwind, Schnee und Eis ist Tiger & Turtle geschlossen; eine Sirene zeigt das unmissverständlich an.
  • Anfahrt: Kaiserswerther Straße oder Ehinger Straße, 47249 Duisburg. ÖPNV: Straßenbahn 903, Haltestelle “Berzelius”. Sehr gut per Rad erreichbar - eine knappe halbe Stunde vom Hbf entfernt, und T & T ist auch für Radfahrer ohne Ambitionen bei der Tour de France sehr gut zu bewältigen, es geht erstaunlich gemächlich hoch.
  • Zur Einstimmung: Aussichten von Tiger & Turtle.
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