
- Wahre Schätze - alte Schriften und Manuskripte - Vincenzo Pascale
"Salz kommt aus dem Norden, Gold aus dem Süden und Silber aus dem Land des weißen Mannes. Aber das Wort Gottes und die Schätze der Weisheit sind nur in Timbuktu zu finden." Diese Worte stammen von dem Geheimnis umwitterten Wüstenvolk der Tuareg.
Ebenso geheimnisvoll wie dieses Volk ist die besagte Wüstenstadt mitten in der Sahara. Abseits von fast jeglicher Zivilisation schlummert dort ein Schatz, dessen Ausmaß man schwer greifen und begreifen kann. Denn einst hat in Timbuktu das Wissenszentrum der islamischen Welt gelegen. Dort, mitten in der Sahara, befand sich eine der größten und bedeutendsten Universitäten der Menschheit. Abgeschieden und in unwirtlicher Umgebung der Wüste fristen noch heute hunderttausend verloren geglaubte Manuskripte arabischer Gelehrter ihr Dasein. Es ist das verschollene Wissen der arabischen Welt.
Das Zentrum der arabischen Wissenschaft mitten in der Sahara
Vor ungefähr 900 Jahren errichteten arabische Gelehrte inmitten der Wüste eine Universität, ein Zentrum der Forschung. Im Zuge dessen entstanden zahlreiche Bibliotheken. An einer der vielen Karawanenwege durch die Sahel (arabisch: Ufer) gelegen, war Timbuktu eine der Umladestationen am Südrand der Sahara gewesen, ein Umschlagplatz für Sklaven, Felle, Elfenbein, Salz, Gold und Wissen.
Mit der Zeit wurden zahlreiche Manuskripte und Bücher aus der ganzen Welt unter der sengenden Sonne in die Wüstenstadt gebracht. Timbuktu, eine der ältesten Universitätsstädte der Welt, erblühte vor fast 1000 Jahren zur Metropole des Wissens der ganzen arabischen Welt. Im 13. Jahrhundert beheimatete Timbuktu bereits an die 100.000 Einwohner. Darunter befanden sich auch viele Kopisten, die sich in der Wüstenstadt niedergelassen hatten. Diese schrieben die Schriften ab, bevor sie in andere weit entfernte Städte und Länder verbracht wurden. Das Geschäft mit der Vervielfältigung florierte, der Tauschhandel mit dem niedergeschriebenen Wissen erfuhr reges Interesse.
Alte Schriften und Manuskripte bergen sensationelles Wissen
Timbuktu war zur damaligen Zeit das Zentrum des Wissens schlechthin. Sie war eine Stadt der vielen Bibliotheken und beheimatete unter anderem Sammlungen von Schriften revolutionärer Entdeckungen aus der Astronomie, der Medizin, der Mathematik, der Physik und der Militärwissenschaften. In Europa hingegen wurde von der katholischen Kirche zur gleichen Zeit manche wissenschaftliche Bestrebung im Keim erstickt und geniale Köpfe oftmals als Ketzer verfolgt.
Die Araber erfanden vor Leonardo da Vinci das erste Fluggerät
Diese alten Schriften waren nicht nur damals spektakulär. Nein, sogar heute könnte deren Inhalt für Aufsehen sorgen und so manche als erwiesen geglaubte Errungenschaft der abendländischen Kultur ins Wanken bringen. In diesen zahlreichen Manuskripten ist beispielsweise von der Erfindung des ersten Flugapparats die Rede. Dieses wurde von Abbas Ibn Firnas im arabischen Teil Spaniens bereits um 870 n. Chr. entworfen, also sogar lange Zeit vor Leonardo da Vincis ersten Entwürfen eines Fluggeräts. Und es ist zu lesen, dass das Fernrohr von einem arabischen Wissenschaftler namens Alhazen im 10. Jahrhundert gebaut wurde, der noch dazu die moderne Optik begründet hatte. Bereits 800 Jahre vor den Europäern, also vor dem Franzosen Jean-Francois Champollion (1790 - 1832 n. Chr.), hatte Abu Bakr Ahmad Ibn Wahshiyah den Code der ägyptischen Hieroglyphen geknackt. Bislang galt der Franzose offiziell als erster Mensch, dem es gelungen ist, die Hieroglyphen zu entschlüsseln. Und Al Idrisi hatte um 1150 n. Chr. als Erster einen Atlas geschaffen, in dem Indien und China geographisch bereits abgebildet waren.
So könnte es noch eine lange Zeit weiter gehen. Eine sensationelle Erfindung und Entdeckung jagt die nächste. All das und noch viel mehr ist in diesen alten Manuskripten niedergeschrieben.
Der wahre Schatz Timbuktus ist das Wissen
Lange Zeit war die weit entfernte und sagenumwobene Stadt mitten in der Wüste für Europäer unerreichbar. Es hatten sich Legenden von märchenhaftem Reichtum der Stadt gebildet. Es hieß, dass die Dächer und Straßen Timbuktus aus purem Gold seien. Timbuktu war zum Mythos geworden.
Als der deutsche Historiker und Naturforscher Heinrich Barth am 7. September 1853 Timbuktu erreichte, fand er nichts von all dem vor, sondern nur einen verfallenden Wüstenort. Doch er erkannte den wahren Schatz, den dieser entlegene Ort barg. Und so begann er für die Dauer seines achtmonatigen Aufenthalts die alten Manuskripte zu erforschen und zu studieren. Für lange Jahre geriet Timbuktu dann in Vergessenheit.
Verschollene Bibliotheken des Islam tauchten 2004 auf
Als dann am 3. Mai 2004 ein Artikel in der “New York Times” über die verschollenen Bibliotheken Timbuktus erschien, war die Fachwelt wie elektrisiert. In diesem Artikel war zu lesen, dass viele spektakuläre und verloren geglaubte Schriften noch immer dort vorzufinden seien. Die Nachfahren der Gelehrten hatten die kostbaren Manuskripte von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Und so sei bis heute das wertvolle Vermächtnis der arabischen Welt bewahrt worden.
Zahlreiche Experten machten sich darauf hin nach Timbuktu auf, um diese schier fantastischen Behauptungen der „New York Times“ zu verifizieren. Doch in Timbuktu angekommen stieß man auf eine Mauer des Schweigens. Die Einwohner Timbuktus hatten Jahrhunderte lang das Vermächtnis ihrer Ahnen gehütet und vor Fremden versteckt. Und nun sollten sie dieses jedem Unbekannten, der sich als Forscher ausgab, offenbaren und es somit in Gefahr bringen? Doch mit der Zeit gelang es den „Experten“ das Vertrauen einzelner Bewohner Timbuktus zu gewinnen und einen Blick auf das eine oder andere Manuskript zu erhaschen. Und das Wenige, was sie zu sehen bekamen, war schon eine Sensation.
Auf Auktionen erzielen einzelne Seiten der Manuskripte Höchstpreise
Mittlerweile gilt die Existenz der verborgenen Manuskripte als gesichert. Und Wissenschaftler arbeiten bereits daran die Erkenntnisse der alten Schriften auszuwerten. Doch nun drohen die alten Schriften tatsächlich für die Nachwelt verloren zu gehen. Eine einzelne Manuskriptseite aus Timbuktu erzieht auf Auktionen in London und anderen renommierten Auktionsplätzen der Welt leicht ein paar tausend Dollars. Und bedenkt man, dass viele Einwohner Timbuktus nicht einmal das Notwendigste zum Leben haben, sind die hundert Dollar, die eine Manuskriptseite auf dem Schwarzmarkt bringt, eine leichte Versuchung. Und Dank der Globalisierung und der Gier der westlichen Welt wird nun erneut die Kultur Afrikas und des Orients ausgebeutet und zerstört.
Quellen
- "Söhne der Wüste: Durch die Sahara, Heinrich Barth am Ziel", aus der Sendereihe "Terra X", ZDF
- "Edle Manuskripte aus Timbuktu", NZZ Online, Februar 2006
- Zeitschrift Horizonte, Ausgabe 2/2004 – Heinrich Bauer Zeitschriften Verlag KG, Hamburg
