Tipps für die Urlaubslektüre: neuere deutsche Romane

B. Vanderbeke: Das lässt sich ändern - Piper Verlag
B. Vanderbeke: Das lässt sich ändern - Piper Verlag
Neun Bücher deutschsprachiger Autoren und Autorinnen werden kurz vorgestellt, die eine anspruchsvolle und trotzdem unterhaltsame Lektüre versprechen.

Vom Kurzroman für die Reise bis zum umfangreichen Werk – wer im Urlaub nicht nach ausgesprochen „leichter“ Kost oder Krimis verlangt, könnte sich durch diese neueren zeitgenössischen Romane anregen lassen. Sie erzählen geradlinig oder perspektivenreich von heutigen und früheren gesellschaftlichen und seelischen Zuständen und Entwicklungen.

Kurzromane: Vom Flughafen und von den achtziger Jahren

Das Buch zum Flug (oder zum Zug), „Flughafenfische“ von Angelika Overath, spielt im Transitraum eines internationalen Flughafens. Dort ist zur Unterhaltung der Wartenden ein riesiges Aquarium aufgebaut. Zwischen Wasserbewohnern und Flughafengästen entstehen Berührungen, die den Leser zum Staunen und zum Nachdenken bringen.

Auch kurz und unterhaltsam ist das neue Buch von Birgit Vanderbeke, „Das lässt sich ändern“. Es entführt uns in die Welt der achtziger Jahre mit reichlich Zitaten von Ton Steine Scherben und den Ärzten. Ein wenig nostalgisch und sehr optimistisch verfolgt es den Weg eines ungleichen, aber glücklichen Ehepaars ins ländliche Idyll und reflektiert gesellschaftliche Entwicklungen.

Pubertät, ein schwieriger Vater, Kriegstrauma und Kinderwunsch

Beate Rothmaier hat mit „Fischvogel“ einen Roman über ein Mädchen geschrieben, das, nicht Fisch, nicht Vogel, eine schwierige Entwicklungsphase durchmacht und während eines Sommers durch das Dickicht seiner Widersprüche einen eigenen Weg ins Leben findet.

Um ein schwieriges Vater-Tochter-Verhältnis geht es in Liane Dirks‘ Roman „Vier Arten, meinen Vater zu beerdigen“. Die Ich-Erzählerin schildert, wie der Hamburger Frisörsohn in den zwanziger Jahren aufwächst, zum Koch wird, fabuliert, trinkt, seine Kinder missbraucht und schließlich verschwindet. Er stirbt auf Barbados, und indem die Tochter sein Leben erzählt, kann sie mit ihm abschließen, ihn endgültig beerdigen.

Michael Kleeberg führt uns in seinem Buch „Das amerikanische Hospital“ nach Paris. In diesem Krankenhaus treffen zwei Menschen zusammen, die sich in ihrer jeweiligen Lebenskrise gegenseitig stützen lernen. Der Amerikaner mit dem posttraumatischen Belastungssyndrom und die Französin, die eine erfolglose Sterilitätsbehandlung über sich ergehen lässt, werden allmählich vertraut miteinander und erkennen, dass nicht alles machbar, aber manches Leiden heilbar ist.

Heimischwerden in einer fremden Kultur?

Ein Gastarbeiterschicksal in der Schweiz schildert Melinda Nadj Abonji in „Tauben fliegen auf“. Hin- und hergerissen zwischen der alten und der neuen Heimat, anpassungsbereit und widerständig, behaupten sich die Mitglieder der ungarischen Familie Kocsis aus Serbien in einem Dorf am Zürichsee, rasant erzählt aus Sicht der Tochter.

Ein richtig großer Roman aus mehreren Perspektiven ist Ursula Krechel mit „Shanghai fern von wo“ gelungen. Sie zeichnet die Schicksale jüdischer Bürger nach, die während der Nazizeit nach China entkommen konnten und sich dort unter schwierigsten Umständen durchschlagen mussten. Das Buch öffnet die Augen dafür, dass es neben den europäischen, kalifornischen oder lateinamerikanischen Orten des Exils auch dieses Shanghai gab, das einigen Verfolgten das Überleben ermöglichte.

Biografische Romane über Lasker-Schüler und Kleist

Zum Schluss sei literarisch Interessierten ein biografischer Roman und eine Erzählung empfohlen, die auf der Basis historischer Quellen Künstler-Schicksale sehr einfühlsam schildern. Kerstin Decker versetzt sich in die Dichterin und Zeichnerin Else Lasker-Schüler, die die Grenze zwischen Fantasie und Realität ständig fließend hielt, und folgt ihr von Wuppertal über Berlin und das Exil in der Schweiz bis nach Jerusalem, wo sie 1945 starb.

Tanja Langer hat den Versuch unternommen, die letzte Nacht von Henriette Vogel und Heinrich von Kleist 1811 am Kleinen Wannsee zu schildern. Zwei, denen "auf Erden nicht zu helfen war", inszenieren ihren gemeinsamen Suizid wie eine Theaterszene. Die Erzählung "Wir sehn uns wieder in der Ewigkeit" ist ein poetischer Beitrag zum Kleistjahr 2011.

Angelika Overath: Flughafenfische. Luchterhand 2009. Hardcover, 176 Seiten. 17,95 Euro.

Birgit Vanderbeke: Das lässt sich ändern. Piper Verlag2011. Hardcover, 160 Seiten. 16,95 Euro.

Beate Rothmaier: Fischvogel. DVA. Hardcover, 224 Seiten. 17,95 Euro.

Liane Dirks: Vier Arten meinen Vater zu beerdigen. Ki&Wi 2002. Hardcover, 244 Seiten. 19,90 Euro.

Michael Kleeberg: Das amerikanische Hospital. DVA 2010. Hardcover, 240 Seiten. 19,99 Euro.

Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf. Jung und Jung 2010. 314 Seiten. 22,00 Euro.

Ursula Krechel: Shanghai fern von wo. btb Verlag 2010. Taschenbuch, 512 Seiten. 10,99 Euro.

Kerstin Decker: Mein Herz – niemandem. List 2010. Taschenbuch, 480 Seiten. 9,95 Euro.

Tanja Langer: Wir sehn uns wieder in der Ewigkeit. dtv 2011. Taschenbuch, 234 Seiten. 9,90 Euro.

Ruth Lisa Knapp, Ruth Lisa Knapp

Ruth Lisa Knapp - Nach dem Studium der Germanistik, Anglistik und Philosophie war ich als Lehrerin im In- und Ausland tätig, später als ...

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