Tisch mit 12 Stühlen - Mahnmal für 11 Widerstandskämpfer

Mahnmal Tisch und 12 Stühle - Silke Schlüter
Mahnmal Tisch und 12 Stühle - Silke Schlüter
Ein Mahnmal im Hamburger Stadtteil Niendorf-Nord erinnert an den Widerstand Hamburger Bürger gegen den Nationalsozialismus: "Tisch mit 12 Stühlen".

Auf einer kleinen Grünfläche im Hamburger Stadtteil Niendorf-Nord - unmittelbar an einem schmalen Fußweg zur gleichnamigen U-Bahn-Station - steht ein großer, ovaler Tisch mit einer blank polierten Granitplatte. Zwölf gemauerte Stühle gruppieren sich um diesen Tisch. Die steinerne Sitzgruppe dient nicht etwa als öffentlicher Picknick-Platz – es handelt sich hier um ein Mahnmal zum Gedenken an den Widerstand Hamburger Bürger gegen den Nationalsozialismus. Entworfen wurde es im Jahr 1985 vom Düsseldorfer Künstler Thomas Schütte (*1954), die Einweihung erfolgte 1987.

Der Installation dieses Mahnmals ging eine Idee des Ortsausschusses Niendorf voraus. Die Mitglieder hatten der Eimsbütteler Bezirksversammlung im Jahr 1981 empfohlen, im Bebauungsplangebiet Niendorf 37 elf Straßen in der Nähe des U-Bahnhofes Niendorf-Nord nach Personen zu benennen, die im Widerstand gegen das Dritte Reich gestorben sind. Dieser Empfehlung folgend kam es in den Jahren darauf zu entsprechenden Widmungen im Quartier: Georg-Appel-Straße, Bacher-Weg, Kurt-Ledien-Weg, Hanne-Mertens-Weg, Ernst-Mittelbach-Ring, Thürey-Straße, Reinhold-Meyer-Straße, Margaretha-Rothe-Weg, Joseph-Norden-Weg, Rudolf-Klug-Weg und Kurt-Schill-Weg.

Im Kurt-Schill-Weg entstand 1987 das Mahnmal „Tisch und 12 Stühle“. Elf dieser Stühle tragen auf ihren Rückenlehnen die Namen der Widerstandskämpfer, die sich insbesondere im Hamburger Raum für ihre Ideen stark gemacht haben. Der zwölfte Platz an der Tafel blieb unbeschriftet – er soll den interessierten Besucher dazu auffordern, sich dazu zu setzen und der Männer und Frauen zu gedenken, die im Kampf gegen den Nationalsozialismus ihr Leben verloren haben: Georg Appel, Clara und Walter Bacher, Rudolf Klug, Curt Ledien, Reinhold Meyer, Hanne Mertens, Ernst Mittelbach, Joseph Norden, Margaretha Rothe, Kurt Schill und Paul Thürey. Sie sollen hier nun im Einzelnen kurz vorgestellt werden.

Die 11 Widerstandskämpfer in Hamburg

  • Der Elbfischer Georg Wilhelm Appel (*1901) war überzeugtes SPD-Mitglied. Er kritisierte den Krieg und machte seinen Missmut auch innerhalb der Armee deutlich. Appel wurde im Mai 1944 wegen „Wehrkraftzersetzung“ in St. Nazarine hingerichtet.
  • Dr. Walter Emil Bacher (*1893) und Clara Bacher (*1989): Dr. Bacher war jüdischer Abstammung und aktiver Sozialdemokrat. Der Lehrer und seine Frau mussten 1942 in ein „Judenhaus“ umziehen und wurden kurz darauf als politisch und rassisch Verfolgte ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Von dort gingen sie 1944 auf einen Transport in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Clara Bacher verstarb unterwegs, ihr Mann vermutlich wenig später im Lager.
  • Dr. Kurt (Curt) Heinrich Ledien (*1893) war jüdischer Abstammung. Der studierte Jurist verhalf nach seiner Pensionierung jüdischen Familien zur Auswanderung oder versuchte, durch Ausstellung von Attesten über Transportunfähigkeit ihre Deportation nach Polen zu verhindern. 1943 kam Ledien nach einem kurzen Aufenthalt in einem jüdischen Arbeitslager in das Gestapo-Gefängnis in Hamburg-Fuhlsbüttel und von dort aus in das Konzentrationslager Neuengamme, wo er im April 1945 ermordet wurde. Gemeinsam mit Reinhold Meyer und Margarethe Rothe war Curt Ledien Mitglied der Hamburger Widerstandsbewegung „Weiße Rose“.
  • Die Schauspielerin Hanne Hermine Mertens (*1909) äußerte sich öffentlich gegen den Krieg und den Nationalsozialismus. Sie geriet in Konflikt mit der Gestapo und landete wegen „Wehrkraftzersetzung“ 1945 in der Gestapo-Haftanstalt Fuhlsbüttel. Von dort aus wurde sie in das Konzentrationslager Neuengamme überführt und im April 1945 gehängt.
  • Ernst Friedrich Ludwig Mittelbach (*1903) war Berufsschullehrer in Hamburg. Weil er für die Arbeit einer Widerstandsgruppe Geld gespendet sowie „feindliche Rundfunksendungen“ (BBC London) gehört haben sollte, wurde er 1942 festgenommen und zwei Jahre später von dem in Hamburg tagenden Volksgerichtshof wegen Hochverrats zum Tode verurteilt.
  • Reinhold Meyer (*1920) war Buchhandlungsgehilfe und Juniorchef des Treffpunktes „Agentur“, der als einer der markantesten Sammelpunkte des Widerstandes gegen Hitler galt. Meyer war ebenfalls Mitglied der Hamburger Widerstandsorganisation „Weiße Rose“. Wegen „hochverräterischer Unternehmungen“ wurde er 1943 verhaftet und kam ein Jahr später im Polizeigefängnis um.
  • Joseph Norden (*1870) war Rabbiner in Myslowitz und veröffentlichte historische und religiöse Schriften. Er gehörte der Weltvereinigung für das liberale Judentum an. Nach seiner Pensionierung kehrte er 1939 in seine Heimatstadt Hamburg zurück und übernahm dort die Betreuung der Rabbiner-Gemeinde – bis zu seiner Deportation nach Theresienstadt im Juli 1942. Dort starb er ein Jahr später.
  • Rudolf Klug (*1905) war Lehrer an einer Hamburger Schule und Mitgründer der proletarischen Volksheimjugend. 1928 trat er dem Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD) bei, 1931 der Interessengemeinschaft oppositioneller Lehrer (IOL). Weil ihn die KPD für die Bürgerschaftswahl aufstellte und Klug sich öffentlich gegen die Gleichschaltung der Gewerkschaften gewandt hatte, wurde er Anfang der 30er Jahre aus dem Schuldienst entlassen. Er setzte seine Arbeit als Widerstandskämpfer in antifaschistischen Lehrergruppen fort und wurde mehrfach verhaftet, unter anderem wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“. Klug wurde Soldat, um auch in der Wehrmacht antifaschistische Arbeit leisten zu können. Er nahm Kontakt zu sowjetischen Kriegsgefangenen und norwegischen Widerstandskämpfern auf und wurde vom Kriegsgericht 1944 zum Tode verurteilt.
  • Margaretha Rothe (*1919) schloss sich schon früh der Widerstandsbewegung an und machte nach dem Abschluss ihres Medizin-Studiums auf den Freiheitssender Deutschland aufmerksam. Sie ließ Zettel mit der Aufschrift „Gegen Hitler und Krieg“ drucken und wurde als Mitglied der Hamburger Widerstandsorganisation „Weiße Rose“ 1943 verhaftet. Nach Gefängnisaufenthalten in Cottbus und Meusdorf verstarb Margaretha Rothe nach einer schweren Erkrankung.
  • Paul Thürey (*1903) und Magda Thürey (1899) waren Mitglieder der KPD und der Widerstandsorganisation Bästlein-Jacob-Abshangen (BJA). Der gelernte Schlosser und Maschinenbauer Paul Thürey versorgte als Betriebsvertrauensmann der Industriegruppe Metall die BJA-Leitung mit Meldungen über die Stimmung der Arbeiter. Er gab illegales Material an seine Kollegen weiter und hörte ausländische Rundfunksender ab. 1942 wurde er im Zuge einer Verhaftungswelle von BJA-Mitgliedern von der Gestapo festgenommen. Im Rahmen der Hamburger Kommunistenprozesse wurde er 1944 wegen „Hochverrats“ zum Tode verurteilt und mit dem Fallbeil hingerichtet. Als Lehrerin kritisierte seine Frau Magda das autoritäre Schulsystem. Aufgrund ihrer Mitgliedschaft in der KPD wurde sie 1933 aus dem Schuldienst entlassen. Sie richtete sich einen Seifenladen ein, der unter dem Namen „Waschbär“ zum illegalen Treffpunkt der BJA-Gruppe und Zwischenlager für Druckschriften, Flugblätter und Terminpläne der Widerstandsorganisation wurde. Magda Thürey wurde 1943 verhaftet und starb wenig später – aufgrund von Nahrungsentzug und brutaler Behandlung – im Gefängnis.
  • Kurt Erich Cäsar Schill (*1911) war ab 1939 bei der Reichsbahn dienstverpflichtet. Das KPD-Mitglied verfasste Flugblätter mit Berichten aus Konzentrationslagern und über die laufenden Kriegsvorbereitungen. 1944 wurde der engagierte Widerstandskämpfer verhaftet und kurz darauf im KZ Neuengamme auf Befehl Heinrich Himmlers gehenkt. Übrigens : Der ehemalige Hamburger Innensenator Ronald Schill ist Kurt Schills Enkel.

Silke Schlüter - (Freiberufliche) Journalistin seit 1995 Tätigkeitsfelder: Redaktion, Online-RedaktionProdukt- und Marken-PRStartUp-Beratung in ...

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