
- Cover Choral am Ende der Reise - Fischer Verlag
Ein Mosaik, komponiert aus den Biografien der Titanic Musiker. Ein Mosaik, das sich über halb Europa und fast ein Jahrhundert erstreckt. „Choral am Ende der Reise“, auch ein Choral ist ein Mosaik aus Stimmen, selbst in seiner ursprünglichen Bedeutung als einstimmiger Chorgesang, ist er doch immer ein Mosaik aus einzelnen Stimmen aus Menschenstimmen. Gelungen ist der Choralgesang dann, wenn aus dieser Vielstimmigkeit ein einziger, eigener Klang entsteht. Ist Eric Fosnes Hansen dieser Klang in seinem Titanic Roman gelungen?
Die Titanic als Hansens Laboratorium für das Mosaik seiner Welt
Wieso eigentlich musste Hansen 1990 noch einen Titanic Roman zu den vielen hinzufügen, die schon auf dem Markt waren? Bringt er neue Aspekte in die Titanic Diskussion, wirft er neue Fragen auf? Nein, eigentlich nicht. Hansen benutzt die Titanic als Arche für das Mosaik seiner Geschichte, als Arche, deren Schicksal, insbesondere deren Ende, den meisten Menschen genauso bewusst ist, wie das der Arche Noah.
Was beherbergt diese Arche, diese fünf Tage lang, bis zum – für den Leser absehbaren – Untergang? Sie beherbergt Hansens Laboratorium aus fünf Musikerbiografien, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Ähnlich ist ihnen nur die Gebrochenheit der Lebensläufe.
Jason der Kapellmeister der Titanic und Alex, sein Adlatus
Das Bild von der Arche, die der Sintflut trotzt, aus der Bibel im Elternhaus, begleitet Jason Coward den Kapellmeister des Titanic Orchesters durchs Leben. Und auch das oben erwähnte Mosaik thematisiert Hansen im Lebenslauf des Jason Coward: „Der einzelne ist nur ein Teil, nur ein Stein in einem großen Mosaik. Und dieses Mosaik ist der Boden der Zukunft. (...) Das schönste Muster, das Herrlichste und Wahrste in diesem Mosaik ist die Wissenschaft.“ So doziert Jasons Vater, ein Arzt und Wissenschaftler vor seinem kleinen Sohn Jason, der nach dem Tod der Eltern an diesem hohen Anspruch zerbricht.
Erst nach einem Absturz vom Medizinstudenten in die tiefste Londoner Gosse findet Jason als Geiger, Schiffsmusiker und Kapellmeister zusammen mit seinem russischen Freund Alex einen eigenständigen Weg. Auch wenn ihm dieser Weg immer als unzulänglich, diese Aufgabe als allzu trivial erscheint, stabilisiert ihn die Verantwortung für die anderen Musiker doch so weit, dass er ein geregeltes Leben führt und nicht den ihm innewohnenden Selbstzerstörungstendenzen nachgibt.
Im Pianisten Spot zeichnet Hansen eine gebrochene deutsche Wunderkindkarriere
Leo Lewenhaupt – so heißt Spot mit bürgerlichem Namen – stammt aus dem Hause eines strengen württembergischen Kleinadligen, der seinen Sohn gemeinsam mit der Mutter in die Rolle des genialen Wunderkindes drängt. Leo übt Geige und Klavier, reitet, fechtet und versucht den Ansprüchen der Eltern wie der Umwelt gerecht zu werden, während er nachts seiner eigentlich gefühlten Berufung nachgeht und komponiert.
In Paris, wo er zum Geigenvirtuosen ausgebildet werden soll, wagt er endlich den Sprung hinein in seine Berufung als Komponist und scheitert an der „Neuen Musik“. So endet eine hoffnungsvolle Musikerkarriere als Pianist in Schiffskapellen.
David Bleiernstern gibt in Choral am Ende der Reise den jugendlichen Liebhaber
Man vermeint Schnitzler zu lesen, wenn man der Geschichte des jungen Wiener Juden David Bleiernstern in Choral am Ende der Reise folgt: „David durchleidet den Tag. Als er sich nach der letzten Stunde ins Freie schleppt, steht sie dort, am Tor.“
Eine pubertär schwärmerische Liebesgeschichte baut Hansen zu einem Sittenbild der Wiener Gesellschaft vor dem Ersten Weltkrieg aus. David ordnet dabei sein ganzes Leben der Liebe zu Sofia unter, der Tochter einer mondänen Wiener Dame der Gesellschaft. Sofia dagegen strebt eine Künstlerkarriere an, will sich weiterentwickeln, Erfahrungen sammeln und in Kunst umsetzen. David gibt ihr all seine Liebe, hat aber sonst nichts zu geben, wie ihm sein Freund Hannes klarzumachen versucht: „Sofia fühlt sich nicht zu dir hingezogen, solange du nichts hast, was dir selbst gehört, eine innere Spannung, ein Stück Erfahrung, die du selbst gemacht hast.“
David flieht aus Wien und landet wegen einer Erkrankung des zweiten Geigers als gerade 18-jähriger im Titanic Orchester.
Petronius Witt der Bassist der Titanic...
... heißt eigentlich Petronio Vitellotesta (Kalbskopf) nach seinem Urgroßvater, der den Namen durch einen unrühmlichen Vorfall erworben hat, bei dem er seine Frau mit einem aufgesetzten Kalbskopf erschrecken und bestrafen wollte. Petronio ist anders als die Kinder aus dem Dorf, er hält sich abseits, verweigert die Schule und die Ausbildung und er kann „sehen“: Menschen, „schöne Menschen“ nennt er sie, die die anderen nicht sehen. Mit 12 Jahren brennt er mit einem Puppentheater durch, wird Puppenspieler, Musiker, verpasst den Einstieg in ein bürgerliches Leben und wird schließlich der verschrobene Bassist des Titanic Orchesters.
Eric Fosnes Hansens Mosaik der Europäischen Gesellschaft
Die eklatante soziale Ungerechtigkeit der britischen Gesellschaft, bei gleichzeitiger geradezu messianischer Gläubigkeit an Fortschritt und Wissenschaft, deutsche Kleinstaaterei und deutscher Kleingeist im Gegensatz zur Weltläufigkeit der Pariser Künstlerboheme, Bürgertum, jüdisches Bürgertum und Künstlerszene im kaiserlich-königlichen Wien, ländlich archaisches Italien und durch den Brief von Alex an seinen Bruder auch noch einen Abstecher ins vor- und frührevolutionäre Russland, all das verwebt Hansen in sein Mosaik der europäischen Gesellschaft auf dem Weg vom 19. ins 20. Jahrhundert. Freilich können es nur Schlaglichter sein, die sich mit einem kleinen Ausschnitt der beleuchteten Gesellschaften befassen, aber Hansen gelingt es, dem Leser auf dieser Reise den Eindruck eines europäischen Gesamtkunstwerkes zu vermitteln. Seine Arche Titanic bringt dem Leser ein Mosaik aus Einzelschicksalen, das mehr vielleicht, als viele schwergewichtige Geschichtsbände, Verständnis für, Einfühlungsvermögen in diese Zeit erzeugt. Choral am Ende der Reise ist eine Einstiegsdroge in eine Unzahl von erforschenswerten Themengebieten in der Literatur, ebenso sehr wie in der Musik oder der Geschichte. Ja, Hansen ist es gelungen einen eigenen Klang für seinen Choral aus Worten und Bildern zu finden.
Eric Fosnes Hansen: Choral am Ende der Reise. Fischer Verlag, Erscheinungsjahr des Originals: 1990. Taschenbuch, 512 Seiten, Euro 9,95
