Tobias Hill – Verborgen

Tobias Hill - Verborgen Buchcover - C. Bertelsmann Verlag
Tobias Hill - Verborgen Buchcover - C. Bertelsmann Verlag
Tobias Hills Roman ist vordergründig ein Thriller, auf den zweiten Blick eine raffiniert konstruierter Roman über Terrorismus, Idealismus und Ignoranz.

Ben Mercer, ein junger britischer Archäologe, lässt sich nach seiner gescheiterten Ehe ziellos in Griechenland treiben. In Metamorphosis arbeitet er in einem Restaurant, wo er zufällig seinen Studienkollegen Eberhard trifft, der an Ausgrabungen in Sparta teilnimmt. Ben arbeitet seit längerem an seiner Doktorarbeit über Sparta und besorgt sich einen Platz bei der Ausgrabung. Dort trifft Ben auf eine verschworene Gruppe von jungen Leuten, die ihm mit Ablehnung und Feindseligkeit begegnen. Aber Ben, der ewige Außenseiter, will unbedingt dazugehören. Durch seine Liebesbeziehung mit Natsuko findet er Kontakt zur Gruppe, die ein Geheimnis verbindet. Je tiefer die Ausgrabung in die Geheimnisse des antiken Sparta eindringt, desto tiefer wird Ben in die Gruppe involviert. Ben erfährt schließlich, welch schreckliches Geheimnis das alte Sparta und die Gruppe verborgen halten.

Sparta: Staatsterror als Regierungsform

Das antike Sparta wurde von einer Minderheit regiert, die von Kindheit an für den Krieg ausgebildet wurden. Die Arbeit wurde von Sklaven, den Heloten, verrichtet. Die um ein Vielfaches größere Zahl der Heloten wurde durch Terror unterdrückt. Gruppen von jungen Spartanern, die Krypteia, töteten nachts Sklaven zur Abschreckung. Der Kriegerstaat, der Terror zum Staatsmittel machte, hinterließ kaum Zeugnisse seiner Existenz. Geblieben sind Worte wie "spartanisch" und "lakonisch", die in unseren Sprachgebrauch eingegangen sind. Tobias Hills Roman spiegelt das historische Vorbild thematisch, formal und stilistisch.

Verborgen: emotional und sprachlich "spartanisch"

Der spröde Stil von "Verborgen" entspricht dem Sujet, er ist karg, in Gefühlen, Psychologie und Drama. Zwischen Protagonist und Nebenfiguren herrscht immer eine Distanz, bis hin zu feindseliger Ablehnung. Das Wetter - Hitze, kalter Wind und Regengüsse - ist so unwirtlich wie die Menschen. Dass Tobias Hill auch Poet ist, zeigt sich nur in der Beschreibung von Orten und Dingen, die sehr sinnlich spür- und sichtbar werden: „Eine Allee knolliger Palmen, deren Stämme in Efeu gehüllt waren wie in militärische Wintermäntel."

Verborgen: Sparta in Antike und Moderne

Tobias Hill nimmt Sparta als Synonym für Terrorismus, die Herrschaft Weniger über Viele durch Angst und Gewalt. Auf zwei Erzählebenen setzt er sich mit Sparta auseinander. Einmal gibt es das gegenwärtige Geschehen im modernen Sparta. Bens Doktorarbeit über das antike Sparta ist die zweite Ebene, sie ist die Interpretationsgrundlage für die erste Ebene. Ohne diese zweite Ebene liest sich "Verborgen " nur wie ein mäßig spannender Thriller, was eine grobe Unterschätzung des Stoffes wäre. Nicht in die Tiefe gehen ist ein Fehler, den auch die Hauptfigur begeht. Ben gibt sich mit dem zufrieden, was er an der Oberfläche sieht.

Verborgen: Hässliche Wahrheiten werden ausgegraben

Ben ist kein Held, er ist nicht mal sympathisch. Unter seiner sanften Oberfläche verbirgt sich eine dunkle Seite, Wahrheiten, die er nicht ausgraben möchte. Ben bleibt sich lieber fremd und auch bei anderen besitzt er keine Menschenkenntnis. Ben ist ein guter, aber distanzierter Beobachter. Er glaubt an nichts, sein einziges Ideal ist das antike Sparta. Aber je mehr er von Sparta ausgräbt, desto klarer wird ihm, dass er Sparta falsch eingeschätzt hat. Ebenso ergeht es ihm mit der Gruppe. Sie erscheint ihm begehrenswert, er will unbedingt dazu zu gehören. Das nutzen die anderen aus, die ihn schnell durchschauen. Und Ben lässt sich benutzen, was er sieht, hinterfragt er lieber nicht. „Die Welt wird nicht bedroht von den Menschen, die böse sind, sondern von denen, die das Böse zulassen.“ Am Ende kommt alles Verborgene ans Licht und beschert Ben hässliche Wahrheiten: über Sparta, über die Gruppe und über sich selbst.

Verborgen: Vorzeichen des Schreckens

„Verborgen“ ist kein klassischer Thriller, obwohl der Plot danach klingt. Vielmehr ist er eine Reflektion über Terror. Er nimmt sich viel Zeit, bevor die Haupthandlung startet. Die Spannungskurve wird immer wieder unterbrochen von Erinnerungen und der Doktorarbeit, in der er von der 3. zur 1 Erzählperson wechselt. Unterschwellig verströmt „Verborgen“ ein Gefühl von Bedrohung und Unheil. Gegen Ende mehren sich die unheilkündenden Symbole wie der Schakal, der für Anubis, den Gott der Totenriten steht, eine Judaspuppe wird verbrannt, Ben hat schreckliche Träume. Selbst im Alltag lauert der Schrecken, wenn z.B. jemand ein Ei aufschlägt und es fast ausgebrütet ist: “Nach dem Blut stieg der Fötus selbst nach oben. Er war groß, fast geburtsreif, die Haut schon mit nassen Federstoppeln besetzt. Seine Gestalt war zu einem Fleischfetzen geworden, die Symmetrie herausgeschlagen…“. Das Ende des Buches ist purer Terror.

Verborgen: der Leser muss sich durch viele Schichten graben

„Verborgen“ entfaltet seinen Reiz nur dann, wenn der Leser sich die Mühe macht, in die vielen Schichten des Romans hineinzusteigen. Vieles lauert unter der Oberfläche, ist verschüttet und kommt ans Licht. Was ausgegraben wird, aus der Erde, aus der Geschichte, aus der Gruppe und aus der Hauptperson, ist hässlich und abstoßend. So ergeht es auch den politischen Idealen: am Anfang versprechen sie ein begehrenswertes Utopia, am Ende münden sie in Terror. Tobias Hills "Verborgen" macht deutlich: Terror ist kein Mittel zum Zweck. “Das Monster ist die Botschaft selbst.“

Tobias Hill. Verborgen. C. Bertelsmann. Oktober 2011.Gebunden. 416 Seiten. 22,99 €

Brigitte Grahl, Brigitte Grahl

Brigitte Grahl - Nach meinem Studium der Germanistik und Publizistik an der FU habe ich als freie Journalistin bei Print- und Online-Medien ...

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