
- Familie Kuhne zieht an einem Strang. - Ulrike Schnabel
Im beschaulichen Prießnitz bei Leipzig schmiegen sich Fachwerkhäuser an die Straße, stehen ein paar Bauernhöfe und am Ende des Dorfes ein Schlösschen, in dem der hiesige Kindergarten einquartiert ist. Direkt gegenüber liegt der Hof von Familie Kuhne, und nur wenige Meter neben dem Kindergarten ziehen ihre zotteligen Hochlandrinder über die Weiden. Ursprünglich kommen diese Kühe aus Schottland, mit ihrem langen Fell und den gewaltigen Hörnern sind sie in den Highlands gut vor Wind und Wetter geschützt.
Ein Hauch von Schottland
Seit die Kühe Anfang der 90er-Jahre auf Kuhnes Hof Einzug gehalten haben, weht auch durch das kleine Prießnitz ein Hauch von Schottland. „Wir mussten natürlich die Heimat der Kühe kennen lernen“, erklärt Kathrin Kuhne. „Und als wir in Schottland ankamen, hatten wir das Gefühl, dass wir dort nach Hause gekommen sind. Wir haben uns sofort in das Land verliebt, wir gehören dorthin.“
Da aber der Hof Lutz und Kathrin Kuhne in Deutschland hält, haben sie sich ein Stück Schottland nach Prießnitz geholt. Auf der weißen Kellertür wurde mit wenigen Strichen eine typische Highlandszene gezeichnet, mit Hochlandrindern, Dudelsackspielern und den Bergen im Hintergrund. Der riesige Kopf ihres ersten Bullen hängt präpariert in der Küche, Bilder an den Wänden erinnern an etliche Highland Games, an denen die Familie teilgenommen hat.
Schottland lebt auf jeder Ecke des Hofes und ist ein Teil des Lebens der Kuhnes. Sie richten ihre eigenen Highland Games auf ihren Wiesen aus, laden zum schottischen Volkstanz ein und sind gemeinsam mit ihren Freunden als MacGregor-Clan seit sieben Jahren bei den Highland Games in Machern dabei.
„Inzwischen haben Lutz und ich unsere Plätze in der Mannschaft unseren beiden Söhnen überlassen“, erklärt Kathrin Kuhne. Trotzdem wird es sich das Ehepaar nicht nehmen lassen, auch dieses Jahr wieder nach Machern zu fahren, um dort ihre Hochlandkühe zu präsentieren und die Gäste mit Burgern und Gulasch zu versorgen. Denn die Kühe sehen nicht nur niedlich aus, sie schmecken auch fantastisch, so Kathrin Kuhne.
Kraftzehrende Disziplinen
MacAno, der eigentlich Daniel Nehring heißt, sitzt währenddessen auf der Treppe eines kleinen Hauses im Leipziger Süden. Vor ihm stecken zwei Heugabeln im Boden, liegen ein prall gefüllter Strohsack und zwei Eisengewichte im Gras. Gerade noch hat er trainiert, nun genießt er die letzten Strahlen des Sommers und schöpft neue Kraft. Auch er bereitet sich auf die Highland Games in Machern vor. „Vor allem die wirklich anstrengenden Disziplinen wie den Famers Walk kann ich nur zwei oder drei Mal hintereinander trainieren, dann brauche ich eine Pause“.
Mit den beiden Gewichten, die jeweils 50 Kilogramm wiegen, ist er die mit den Heugabeln abgesteckte Strecke gelaufen. „Wer den größten Weg zurücklegt, der hat bei den Spielen gewonnen.“ Einem koffergroßen 90 Kilogramm schweren Stein will er sich nachher widmen. Im Wettkampf muss er ihn über mehrere Meter weit schleppen und anschließend auf ein Podest wuchten.
Anders als bei den Kuhnes hat nicht die Liebe zu Schottland Daniel Nehring zu den Highland Games gebracht. Er kannte den Chef der Leipziger Gruppe Mandragora Celtic Warriors, der ihn zum Training und zu den Spielen in Machern eingeladen hat. Inzwischen trainiert Daniel Nehring seit drei Jahren jede Woche bis zu vier Stunden. Er trägt den schwarz-weiß karierten Kilt und das schwarze T-Shirt von Mandragora und fühlt sich in Kilt und Gruppe pudelwohl. „Das Teamgefühl ist das Besondere bei den Highland Games. Man kämpft gegeneinander, man kämpft miteinander. Wenn man beim Einmarsch alle Mannschaften sieht und dabei die Dudelsackspieler hört, da macht es Klick in der Mannschaft. Dann geht es los, auf zum Siegen. Die Spiele setzen unheimlich viele Endorphine frei.“
Herzliche Stimmung bei den Highland Games in Schottland
Das besondere Miteinander bei den Highland Games fasziniert auch die Kuhnes. „Nur leider verändert sich die Stimmung in Deutschland“, bedauert Lutz Kuhne, der auch viele Spiele in Schottland miterlebt hat. „In Schottland helfen sich die Teilnehmer gegenseitig und feuern sich an. Die Mentalität der Schotten ist eine ganz andere, man ist dort kulanter. Deutsche sind eher verbissen und wollen unbedingt gewinnen. In Schottland dagegen ist man miteinander, wenn einer gewinnt, wird trotzdem gemeinsam gefeiert. Das verliert sich hier in Deutschland.“
Kuhnes Mannschaft, der MacGregor-Clan gehört seit Jahren zu den Favoriten bei den Highland Games in Machern, Kathrin Kuhne ist die ungeschlagene Meisterin im Gewichtsweitwurf. Die Gruppe trainiert intensiv, der älteste Sohn Martin trat bereits in Schottland an und begeisterte die Einheimischen mit seinem Können. „Die konnten es gar nicht fassen, dass ein „German boy“ einen Baumstamm wie ein Profi werfen kann“, berichtet seine Mutter nicht ohne Stolz.
Ohne Vertrauen in das Team geht es nicht
Die Mandragora Celtic Warriors haben sich in den vergangenen Jahren vom letzten Platz zum guten Mittelfeld hochgekämpft. „Bei den Wettkämpfen zählt eben nicht nur Kraft, sondern auch die Technik und das Vertrauen im Team“; erklärt Daniel Nehring, als er wieder aufsteht und hinter das Häuschen zum 90 Kilogramm schweren Findling schlendert. „Vor allem beim Baumstammslalom muss man sich aufeinander verlassen können. Genauso beim Rollen des Whiskyfasses, das fast einen Zentner wiegt.“
Auch wenn Lutz und Kathrin Kuhne inzwischen nicht mehr auf dem Kampffeld stehen, die Liebe zu Schottland wird sie nie mehr loslassen. Die Heimat hinter sich zu lassen und nach Schottland ziehen, das ist der Lebenstraum der beiden. Ihr Sohn Andreas will später den Hof mit den Hochlandrindern übernehmen. „Dann haben wir vielleicht Zeit auszuwandern“, hofft der Familienvater. Die Zeit bis dahin verkürzen sie sich mit den Highland Games in Machern und genießen dort das Flair des Hochlandes.
