
- Torte mit Stäbchen - Sabine Hornfeck
In China isst man dann wohl Torte mit Stäbchen, sinniert Inge vor ihrer Abreise nach Schanghai. Und das versucht sie auch mit ihrer Klassenkammerdin, eine Exilchinesin, die Inge in die chinesische Kultur einweist. Ihr Privatunterricht in Brandenburg macht sich bezahlt, denn als die Familie Finkelstein nach der Progromnacht 1938 aus dem Nazideutschland nach Schanghai flieht, treffen sie auf eine sehr fremde Welt und Kultur. In der chinesischen Metropole ist alles fremd. Kultur, Essen, Schrift und Gerüche und besonders für die Eltern ist der Anfang schwer.
Leichter fällt es Inge, sich anzupassen. Mit Wissbegierde und Abenteuerlust behauptet sie sich in der neuen Welt und fühlt sich bald im Osten wie im Wesen zu Hause. Doch auch in Schanghai ist die Familie nicht sicher, denn die Achsenmächte – die faschistischen Regierungen Deutschlands, Italiens und Japans – vertreiben die Alliierten aus China.
Susanne Hornfeck schreibt anregend, dramatisch und engagiert
Susanne Hornfeck hat ein atemberaubendes Zeitzeugnis geschrieben. Jüdische Familien versuchten dem Nazideutschland zu entkommen. Das war nicht leicht, denn die meisten Länder hatten ihre Grenzen geschlossen und schickten Flüchtlinge wieder nach Hause, wie es den Passagieren der St. Louis geschah. Nur in Schanghai konnten flüchtige Juden aufgenommen werden, und dort überlebten viele von ihnen die Grauen der Naziherrschaft.
Die letzten Zeitzeugen sterben. Deshalb hat Hornfeck ein noch unbekanntes Thema zur Geschichte des Nationalsozialismus und seiner Rassenpolitik gewählt und verfolgt den Weg einer jüdischen Immigrantenfamilie in Schanghai. Dieses so ganz andere Zeitzeugnis ist spannend. Erzählt wird die Odyssee aus der Perspektive der jungen Inge, die die neue Welt entdeckt und entschlossen erobert.
Die Autorin erzählt anregend, bildhaft und schafft mit jedem Satz Atmosphäre. Angst und Bedrohung sind handgreiflich zu spüren, das Buch ist voller liebevoller Details und Anekdoten.
„Torte mit Stäbchen“ ein einzigartiges Zeitzeugnis, welches der Leser fesseln wird. Denn nicht nur eine fremde Welt, Bedrohung und Liebe gibt es hier. Das Buch ist spannend, hält den Leser im Atem und entführt in verschiedene Welten. Gleichzeitig ruft die Autorin zu Mitmenschlichkeit und Zivilcourage auf; sie zeigt Menschen, die sich unter den grausamsten Bedingungen beistehen, sich gegenseitig Mut machen und kämpfen. Hornfeck hinterlässt nicht nur ein Zeitzeugnis zur Situation deutscher Juden unter der Herrschaft der Nazisten, sondern auch die Folgen der Imperialismus und Kolonialismus. Sie vermittelt anschaulich das tägliche Leben im Schanghai der 30 und 40er Jahre. Lesegenuss vom Feinsten und dramatisches Zeitzeugnis.
Susanne Hornfeck: Torte mit Stäbchen. Eine Jugend in Schanghai. 380 Seiten. Broschiert. Deutscher Taschenbuch Verlag 2012. 12.95 €.
