Trend zur Müllverbrennung

Rasanter Anstieg von Abfallverbrennungsanlagen in Deutschland

In der Abfallwirtschaft lässt sich derzeit ein Trend zur Verbrennung von Müll feststellen, statt seiner Vermeidung oder einer sinnvollen Wiederverwertung

Wir Deutsche sind wahre Weltmeister, wenn es um die Trennung von Abfällen geht. Gewissenhaft werden die Folien vom Papier, das Glas von den Dosen und der Kompost vom Restmüll getrennt, fein säuberlich in die unterschiedlichen Behältnisse gepackt und gewissenhaft der Müllabfuhr übergeben oder zu den Sammelstellen gebracht. Diese Haltung hat sich angesichts des drohenden Müllnotstands in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts herausgebildet - geboren aus der Einsicht, dass nur noch das, was absolut nicht wieder zu neuen Produkten aufbereitet werden kann, auf der Deponie oder in der Müllverbrennungsanlage landen soll.

Müllverbrennung bisher

Die Müllverbrennungsanlagen - in den achtziger Jahren noch wahre Giftschleudern - wurden auf Druck einer engagierten Bevölkerung parallel mit hochkarätiger und teurer Rauchgasreinigungstechnik ausgestattet, die die Anfang der neunziger Jahre eingeführten Grenzwerte lässig zu unterschreiten vermochte.

Ehrbarer Grundsatz führt zu Boom bei Müllverbrennungsanlagen mit Billig-Technik

Ab dem Jahr 2005 gilt nun europaweit ein Deponieverbot: Der Restmüll darf nicht mehr auf Deponien gekippt werden, sondern er muss komplett verwertet werden. Dieser eigentlich ehrbare Vorsatz führt derzeit zu einer wahren Goldgräberstimmung in der Abfallwirtschaft. Findige Planer und Betreiber überziehen die Republik nun landauf landab mit neuen Müllverbrennungsanlagen. Es gibt allerdings zwei Auffälligkeiten bei diesen neuen Anlagen: Sie heißen meist nicht mehr Müllverbrennungsanlagen sondern nennen sich nun beschönigend „Ersatzbrennstoff-Kraftwerke“. Und sie sind nicht mehr mit der besten Filtertechnik ausgestattet, sondern mit der billigsten, um gerade eben die inzwischen längst veralteten Grenzwerte einhalten zu können.

"Ersatzbrennstoffe" als Mogelpackung

Eigentlich gibt es sie gar nicht, die „Ersatzbrennstoffe“ – den Begriff kennen weder die Bürger in der Nähe solcher Standorte, noch das Gesetz. Aber immerhin wissen die PR-Abteilungen der Anlagenbetreiber, was gemeint ist. Nämlich vor allem Kunststoffe, die aber nicht auf ihren Schadstoffgehalt hin, sondern auf ihren Brennwert hin aussortiert wurden. Was den Müll also letztlich zum “Ersatzbrennstoff” macht, ist einzig die Frage, wie gut er im Müllofen brennt.

Mehr Verbrennungsanlagen als Abfälle

Dieser gefährliche Trend ist umso weniger verständlich, wenn man bemerkt, dass es in Deutschland bereits heute mehr Müllverbrennungskapazitäten gibt als Abfall. Laut dem Abfallkonzern Remondis sind die Kapazitäten der schon in Betrieb befindlichen EBS-Anlagen sind mit 2.553.000 Tonnen pro Jahr jetzt schon immens. Parallel dazu sind aber noch weitere Anlagen mit 9.983.000 Tonnen Jahreskapazität in Planung, im Genehmigungsverfahren oder sogar bereits im Bau. Zusammen mit den ebenfalls geplanten oder in Bau befindlichen “klassischen” Müllverbrennungsanlagen ergibt sich die gigantische Summe von 20.476.000 Tonnen an neuen jährlichen Kapazitäten für die Verbrennung von Müll in Deutschland.

Insgesamt fielen jedoch laut Bundesumweltministerium in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2005 nur 18.222.000 Tonnen Hausmüll an (einschließlich hausmüllähnlicher Gewerbeabfälle). Aufgrund bewussterer Einkaufsgepflogenheiten, besserer Recycling-Möglichkeiten und einer gewissenhafteren Produktion wird der anfallende Müll außerdem von Jahr zu Jahr weniger.

Dies bedeutet, würde man künftig auf das Recycling komplett verzichten und alle heute in Betrieb befindlichen Müllverbrennungsanlagen abschalten, hätte man mit der Fertigstellung der geplanten und in Bau befindlichen Anlagen noch immer eine Überkapazität von mehr als 2 Millionen Tonnen pro Jahr; damit wird dem internationalen Müll-Tourismus Tür und Tor geöffnet.

Nachhaltige Abfallwirtschaft sieht anders aus und richtet sich mit intelligentem Stoffstrommanagement auf die Vermeidung von Abfällen anstatt ihrer massenhaften Verbrennung. Es bleibt zu hoffen, dass diese Erkenntnis recht bald bei den politisch Verantwortlichen ankommt, bevor Deutschland zum Müllofen Europas mutiert.

Peter Engert, Peter Engert

Peter Engert - Als Drogenberater hat er einige Jahre in der Schweiz verbracht, für eine Vortragsreihe zur Drogenpolitik war er mehrere Monate in Irland, ...

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