Trends elektronischer Musik - Vocaloid versus Melodyne editor

sasakure.UK (Creator von Vocaloid-Str Hatsune Miku) und VJ-Team onom+kmd, Eröffnungsparty, 9.9.2011, View, Dortmunder U, Japan Media Arts Festival (JMAF) - Vera Kriebel, 9.9.2011
sasakure.UK (Creator von Vocaloid-Str Hatsune Miku) und VJ-Team onom+kmd, Eröffnungsparty, 9.9.2011, View, Dortmunder U, Japan Media Arts Festival (JMAF) - Vera Kriebel, 9.9.2011
Digitale Musik: Was ist Vocaloid? Warum floppt Vocaloid in Europa und Amerika? Lösung: Weg von Stimmensynthetisierung - hin zu Bearbeitung realer Stimmen.

Beim Japan Media Arts Festival in Dortmund stolperte der nichtsahnende Laie in Sachen elektronischer Musik über Hatsune Miku, eine virtuelle J-Pop-Sängerin und ein japanischer Megastar. Sie begeistert die Japaner nicht nur als visuelle Projektion, sondern auch durch ihre so genannte Vocaloid-Stimme, eine künstlich und digital erzeugte Stimme. Ist das so innovativ und sensationell, wie es angekündigt wird und wie es selbst für den Electro-Pop-Fan klingt?

Sprachsynthese: Was heißt Vocaloid?

Yamaha stellte Vocaloid, einen Software-Synthesizer, 2003 vor. Vocaloid und das Folgemodell Vocaloid2 ermöglichen es durch Sprachsynthese künstlichen Gesang zu erzeugen, der dem einer menschlichen Stimme ähnelt. Sprachsynthese oder Stimmensynthetisierung ist die künstliche Erzeugung der menschliche Sprech- oder Gesangsstimme. Der Programmierer gibt bei Vocaloid lediglich Liedtext, Melodie und bestimmte Gesangseigenschaften vor.

Urheberrechtlich werden die künstlichen Vocaloid-Gesänge übrigens genauso behandelt wie andere durch einen Synthesizer erschaffene Klänge.

Die Vocaloid-Stimmen selbst sind zwar elektronisch, beruhen aber auf Gesangsaufnahmen echter Sänger, leihen sich also sozusagen deren Stimme. Führend ist hier Crypton Future Media. Problem ist zum einen, dass bisher keine bekannten Sänger bereit waren, dem Vocaloid-Synthesizer ihre Stimme zu leihen. So liegt auch der Stimme Hatsune Mikus eine echte menschliche Stimme zugrunde, allerdings die einer weitgehend unbekannten japanischen Laiensängerin, die über ein Casting ausgewählt wurde.

Vocaloid: Musikalischer Frankenstein?

All dies klingt aufregend nach Frankensteins Monster oder Fausts Homunculus - und ein wenig ist es das auch. Die Enttäuschung ist aber groß, wenn man sich Vorstellungen von Hatsune Miku bei Youtube anhört oder wenn man bei der Eröffnungsfeier des Japan Media Arts Festival in Dortmund live dabei war bei der Show von sasakure.UK, dem Schöpfer von Hatsune Miku.

Da ist zwar ausgefeilte und beeindruckende Technik, aber mit einem singenden Homunculus hat Hatsune Miku mit ihrem piepsigen Manga-Stimmchen wenig gemein. Musik mit Gesang, der durch die Vocaloid-Stimmen erzeugt wurde, ist vor allem in Japan ein Hype. Das Ergebnis ist einfach für europäische Ohren alles andere als überzeugend. In Europa oder Amerika spielen so künstlich erzeugte Stimmen keine Rolle.

State of the art: Stimmbearbeitung Avox-evo (Antares) und Melodyne editor (celemony)

Yamahas Vocaloid ist heute out und international nicht mehr "state of the art". Derzeit geht es nicht mehr um Synthetisierung von Stimmen, sondern um möglichst einfache Bearbeitung von realen Stimmen. Zwei Produkte sind im professionellen Bereich Marktführer: das Antares Vocal Toolkit Avox-evo und der Melodyne editor von celemony.

Der Melodyne editor ist eine Art Revolution im gesamten Audio-Bereich durch die Möglichkeit, jegliches Audio-Material durch simple, grafische Maus-Manipulation nahezu unhörbar in Tonhöhe, Länge, Volumen, Timing und Resonanzkörper-Verhalten (Lunge, Kehlkopf, Rohrlänge, Gitarren- oder Piano-Korpus und so weiter) zu bearbeiten. Die Ideen von Yamaha (Formant-Manipulation statt Wellenlängen-Kopien) sind dort eingeflossen, aber man hat sich von der Vorstellung befreit, erst eine menschlich-akustische Stimme als Vorlage aufnehmen zu müssen.

Synthetische Cher - Der Vocaloid-Tod

Getrennt haben sich Yamahas Ideen und die internationalen Entwicklungen (zumeist deutscher Toningenieure) nach einer Produktion von Cher aus 2000 ("Do you believe"), deren gealterte Stimme durch Synthetisierungs-Korrektion dermaßen steril-metallisch klang, dass dies faktisch den internationalen Tod Vocaloids bedeutete. Yamaha musste danach sein Produkt auf das verspielte Japan konzentrieren. Der Rest der Welt wendet sich seitdem lieber verstärkt den natürlichen Stimmen zu.

Electro-Pop-Sängerin Hatsune Miku wird also wohl auch weiterhin ein japanischer Star bleiben.

(Artikel in Kooperation mit Vera Kriebel)

Klaus Lohmann - Ich bin seit Ende der Achtziger in der IT-Branche tätig, seit 1999 als selbstständiger IT-Berater. Vor allem in den ...

rss