Trifft ein Stoiker auf einen Epikureer, dann könnte es heiß hergehen. Obwohl beide peinlichst um ihren Seelenfrieden bemüht sind, werden alle guten Vorsätze über Bord geworfen. Stoische Prämeditation, die gedankliche Vorwegnahme möglichen Übels, ist ebenso unnütz wie auch das Schönreden durch den Epikureer, das erfolgreiche Überstehen der Begegnung werde Glücksgefühle höchsten Ausmaßes nach sich ziehen. Nach einer Schlacht mit Worten werden die Kontrahenten erschöpft wieder von dannen ziehen und jeder wird für sich den Sieg proklamieren. Den neutralen Beobachter aber wird womöglich das Gefühl beschleichen, der Streit sei irgendwie übertrieben, wenn nicht gar überflüssig. Doch wieso ist das so? Sind vielleicht die Lehren der beiden antiken philosophischen Schulen gar nicht einmal so grundverschieden, wie es den Anschein hat? Bevor die große Versöhnung ausgerufen wird, sollen erst einmal die einzelnen Schulen und ihre Lehren in den Grundzügen skizziert werden.
In der Lust liegt das Glück des Epikureers
Epikureer und namentlich der Gründer der Schule, Epikur von Samos (341–271 v. Chr.), sind in die Geschichte als die Hedonisten bzw. Genussmenschen schlechthin eingegangen. Bei genauem Hinsehen wird durchaus offensichtlich, dass sie ihren Ruf in erster Linie durch eine bewusste Pflege ihres Images erwarben, weshalb sie im Gegensatz zu den Stoikern peinlichst auf die Geschlossenheit ihrer Schule achteten. Mehr noch, ihr Hedonismus wurde von Geschichtsschreibern, aber vor allem ihren Gegnern einseitig mit Vergnügungssucht fälschlicherweise gleichgesetzt. Klar wird dies, wenn man sich den entscheidenden Satz Epikurs vergegenwärtigt: „Wenn wir nun sagen, Lust sei höchstes Gut, dann meinen wir nicht die Lüste der Prasser und des Genießens, ... sondern das Freisein von körperlichem Schmerz und seelischer Aufregung.“ Letzteres gilt ihm als Unlust und bedarf der Vermeidung.
Hiefür entwickelten die Epikureer ausgefeilte Strategien und Taktiken. So solle zum Beispiel durch die bewusste Entbehrung später eine umso größere Freude bewirkt werden. Ablenkungsstrategien bei Schmerzen oder die Flucht vor Unangenehmem, wie der gesellschaftlichen Verantwortung, gehören ebenso zum Repertoire. Auf der anderen Seite stehen Gaumenfreuden, Lustknaben aber auch geistig-philosophische Ergüsse auf ihrer Tagesordnung. Über all dem steht gleichwohl die Tugend der Mäßigung. Letzten Endes sind die aktiv erlebte Lust und Abwendung der Unlust aber nur Mittel zum Zweck, der in der beständigen Lust liegt. Um von der Lust im Handeln zu unterscheiden, nennt Epikur diesen Zustand auch Ataraxie. Das Wort kann mit Unerschütterlichkeit übersetzt werden und gibt den von ihm im Zitat angeführten seelisch-körperlichen Zustand wieder, bei dem sich Glück einstellt.
Die stoische Tugend als Mittel zum Glück
Auf der anderen Seite stehen die im selben Zeitalter vorzufindenden Stoiker. Zwar gab es deren Lehrer und Lehrmeinungen viele, doch eines ist allen gemeinsam: Erhaben stehen sie über den äußeren Gütern. Sie fürchten weder das Schicksal noch die Götter. Für sie zählt nur die Tugend als einziges Gut, über das sie verfügen können. Und sie können dies, denn Tugend ist nichts anderes als die Einsicht in die wahren Wertverhältnisse, nämlich dass nichts als die Tugend und eben diese Einsicht zählt. Diesen Zirkel nennen sie Autarkie im Sinne der Selbstgenügsamkeit. Sie gereicht ihnen zur Ataraxie, also der Unerschütterlichkeit. Diese äußert sich in der Apathie, dem Freisein von Affekten. Somit wäre das bekannte Tripel autarkia, ataraxia, apathia vollständig aufgezählt. Wenn nur die Einsicht an Wert hat, dann erklärt sich, wieso die äußeren Dinge die Stoiker nicht anfechten können.
Stoiker gehen in ihrer Anthropologie davon aus, dass Affekte erst entstehen, wenn Menschen den Dingen einen Wert beilegen, den sie von Natur aus nicht haben, und sich so emotional hineinsteigern. Ein natürlicher Trieb ist in ihren Augen niemals ein Affekt, erst wenn man ihn aufbauscht, treten die zu meidenden Leidenschaften auf. Hieraus folgt ihr Grundsatz des naturgemäßen Lebens. So soll der natürliche Trieb unangetastet belassen und einfach nur befolgt werden und diese Einsicht gilt als Leistung der den Menschen durch Natur verliehenen Vernunft. Im Ergebnis stellen sich die sogenannten Eupathien ein, also moderate Gefühle der Freude, Freundschaft, Vorsicht usw.. Ein vollkommener stoischer Weise lebt somit tugendhaft und vernunftgeleitet im Einklang mit der Natur und ist sich seines affektfreien Glücks sicher. Nach Außen, im alltäglichen Handeln, unterscheidet er sich kaum von anderen Menschen, lediglich seine innere Haltung und die Deutung der Umstände machen den Unterschied aus. In psychologischen Termini ausgedrückt: Der kognitive Akt der Vergleichgültigung federt die Reize der Umwelt ab und gewährleistet so die emotionale Stabilität.
Das Glück des Anderen ist ... eigenes Glück
Die Wetteiferer des Glücks liegen gar nicht mal soweit auseinander, jedenfalls bei ihrer Auffassung, was den Zustand des Glücks ausmache. Bereits die bei beiden Schulen vorzufindende Ataraxie als Telos (Ziel) verdeutlicht dies. Die epikureische Lust als passiver Zustand wird zumindest auch in diesem Sinne gebraucht, wenn sie nicht gerade als Mittel zum Zweck dient. Wenn die Epikureer hin und wieder aber auch den Weg, also die aktiv erlebte Lust, als Ziel deuten, dann verschwindet auch dieses Trennungsprinzip. Die Trennlinie muss in der Anschauung über die menschlichen Fähigkeiten zur Erlangung des Glücks gesucht werden. Während die Stoiker durch ihren Vernunftspruch alle Affekte ausschalten zu können glauben, sehen die Epikureer in der schlichten Verleugnung der Unlust kein ausreichendes Mittel zu ihrer Abwendung und verwerfen den stoischen Weg. Da ihre aktiv angegangene Herbeiführung der Lust aber kein Freibrief zum ungezügelten Ausleben von Leidenschaften ist, unterscheiden sich die dann eintretenden Gefühle wohl kaum von den ebenso affektfreien Eupathien der Stoiker, die ja alles andere als Empfindungslosigkeit bedeuten.
Letztlich muss die auf beiden Seiten betriebene scharfe Abgrenzung als der Versuch gewertet werden, die gemeinsamen Ziele und nicht zwingend unterschiedliche Lebenspraxis durch eine unterschiedliche Terminologie zu vertuschen. Die ist aber verständlich, denn nur durch Schärfung des eigenen Profils kann man die eigene Schule gegen die Konkurrenz behaupten. Freilich sind die Gefühle eines Epikureers intensiver und seine Glückssuche eine aktive, dennoch kommt ihm der Stoiker mit seiner restriktiven Methode von der anderen Seite entgegen und so treffen sich beide in der Tugend.
Quelle und Lesetipp:
- Malte Hossenfelder, Die Philosophie der Antike: Stoa, Epikureismus und Skepsis (2. Auflage); aus der Reihe: Wolfgang Röd (Herausgeber), Geschichte der Philosophie, Band II, C. H. Beck, München 1995
