Trudi Canavan: Interview mit der australischen Fantasy-Autorin

Trudi Canavan im Interview - Jörn Käsebier
Trudi Canavan im Interview - Jörn Käsebier
Trudi Canavan spricht im Interview über ihr neues Buch „Sonea - Die Heilerin", die Faszination der Magie und ihr nächstes Buchprojekt.

Die Bücher von Trudi Canavan schaffen es in Deutschland regelmäßig in die Top Ten der Bestsellerlisten. Aktuell ist sie dort mit „Sonea – Die Heilerin“ vertreten. Die Australierin (geb. 1969) stellte diesen Fantasy-Roman auf einer Leserreise durch Europa vor. Jörn Käsebier traf sie in Berlin für Suite101.de.

Suite101.de: Frau Canavan, in der Sonea-Trilogie erfahren wir viel über Gesellschaftsformen, vor allem in Sachaka. Was fasziniert Sie daran?

Trudi Canavan: Sachaka ist ein Reich im Niedergang. Mithilfe der schwarzen Magie, die sie selbst höhere Magie nennen, konnten die Sachakaner ihre Nachbarländer erobern und dominieren. Wie beim Römischen Reich „romanisierten“ sie ihre Nachbarn, die dadurch sehr mächtig wurden und ihre Unabhängigkeit zurückerkämpften. Doch die Sklaverei übernahmen Kyrilia und Eleria nicht, während sie in Sachaka weiter bestand.

Suite101.de: Dann gibt es da noch die Rebellen, angeführt von den Verräterinnen …

Trudi Cancavan: Ja, die stellen eine Anomalie dar. Wie sie entsteht, habe ich in „Magie“ beschrieben. Eine kleine Gruppe Frauen, die Magie ausüben kann, hat sich in ein geschütztes Tal zurückgezogen und erweitert dort ihre magischen Fähigkeiten, was der Gruppe dabei hilft zu überleben. Sie wollen eine Gesellschaft der gleichberechtigten Geschlechter schaffen, ohne Sklaverei. Doch die Frauen sind überzeugt, dass die Männer die Sklaverei wieder einführen würden, sollten sie zu viel Einfluss gewinnen, daher führen die Frauen ein recht striktes Regiment bei den Rebellen.

Suite101.de: Würden Sie Ihre Bücher unter feministischer Fantasy einordnen?

Trudi Canavan: Feminismus ist nicht die wichtigste Frage in den Büchern. Ich habe zuvor von anderen Gesellschaftsformen gelesen, in denen Frauen den Ton angeben. Richtig überzeugt haben sie mich nicht, denn jede politische Form hat ihre Fehler und Schwächen. Und die sind es, die eine Gesellschaft interessant machen. Für mich ging es aber nicht darum, in der Sonea-Trilogie zu zeigen, dass Frauen die besseren Herrscher sind. Ich vertausche nur gern die gängigen Rollenbilder, lasse etwa die Frauen Männer diskriminieren.

Suite101.de: Warum haben Sie sich entschieden, den Handlungsstrang mit den Drogen in die Geschichte einzubauen? Gab es dafür reale Vorbilder, wie die Räumung eines Stadtviertels vor den Olympischen Spielen in Barcelona, die Sie für „Die Gilde der Schwarzen Magier“ inspirierte?

Trudi Canavan: Die Idee zur Geschichte um die Droge Feuel kam mir bei der Recherche zu organisiertem Verbrechen. Bereits in „Die Gilde der Schwarzen Magier“ gibt es ja die Diebe, die allerdings nicht einfach eine weitere Diebesgilde in der Fantasy-Literatur sein sollten. Sie sind stattdessen die Bosse der Unterwelt. In der Sonea-Trilogie kämpfen sie um die Vorherrschaft in Imardin und Feuel spielt dabei eine wichtige Rolle. Das Vorbild für Feuel ist Opium. Im 19. Jahrhundert wurde es in London benutzt, um Menschen davon abhängig zu machen, die man beeinflussen wollte.

Suite101.de: Gegen Fäuel hilft nicht einmal Magie. Auch Magier geraten unter den Einfluss der Droge.

Trudi Canavan: Das stimmt, die Droge scheint das Gehirn dauerhaft zu schädigen. Allerdings reagieren die Menschen unterschiedlich stark darauf, ähnlich wie im wirklichen Leben.

Suite101.de: Wie weit entwerfen Sie ein Buch? Auf Ihrer Homepage steht, dass für Sie die ersten vier bis sechs Kapitel die am schwierigsten zu schreibenden sind.

Trudi Canavan: Ich schreibe ein Buch chronologisch, also vom ersten bis zum letzten Kapitel. Überhaupt bin ich eine sehr planvoll vorgehende Autorin, entwerfe die Handlung von Kapitel zu Kapitel und versuche, dabei im Blick zu behalten, dass die handelnden Personen etwa gleich große Anteile erhalten. Die ersten Kapitel sind aber wirklich die schwersten, zumal ich weiß, dass ich sie am Ende umschreiben muss. Vor allem die Einführung neuer Personen bedeutet viel Arbeit. In „Sonea – Die Hüterin“ war es Lorkin, in „Sonea – Die Heilerin“ ist es Lilia, die ich genauer vorstellen will. Wenn ich mit dem Schreiben des Buches fertig bin, haben die neuen Figuren ihre Eigenheiten entwickelt. Daher gehe ich danach noch einmal über den Text und achte darauf, dass das auch deutlich wird.

Suite101.de: Sie twittern, haben einen eigenen Blog – da geht schnell viel Zeit für drauf. Wie stellen Sie sicher, dass Sie auch zum Schreiben kommen?

Trudi Canavan: Meine Routine besteht grob gesagt darin, dass ich morgens E-Mails checke und Blogs lese oder einen eigenen Eintrag verfasse. Am späten Vormittag oder frühen Nachmittag beginne ich mit dem Schreiben. Ich schreibe in Blöcken von einer Stunde, da mein Rücken mich danach zu einer Pause zwingt. Abends setze ich mich dann vor den Fernseher, lese ein Buch oder gehe meinen Hobbys nach wie Stricken, Nähen oder Malen.

Suite101.de: Der dritte Band der Sonea-Trilogie erscheint im Herbst im Original und im Frühjahr 2012 auf Deutsch. Werden Sie ein weiteres Mal zu Sonea, Lorkin und den anderen zurückkehren?

Trudi Canavan: Das will ich nicht ausschließen. Nach der „Gilde der Schwarzen Magier“ wollte ich zunächst auch keine Fortsetzung schreiben, doch dann hatte ich die Ideen für „Magie“ und die Sonea-Trilogie.

Suite101.de: Das heißt, Sie werden sich zunächst einem anderen Projekt zuwenden?

Trudi Canavan: Ja, nächstes Jahr werde ich mit einer neuen Reihe beginnen. Darin wird es um ein ganzes Universum von Welten gehen. In jeder dieser Welten ist die Magie unterschiedlich stark ausgeprägt. Ein Zauberer, der mächtig genug ist, in andere Welten zu reisen, könnte auf einem Planeten festsitzen, weil die Magie dort nicht stark genug ist, im die nötigen Kräfte zu verleihen. In einer anderen Welt hingegen könnte er deutlich an Macht gewinnen. Die Welten unterscheiden sich auch in ihren Gesellschaftsformen und der technischen Entwicklung. In einer werden Maschinen von Magie angetrieben, in einer eher mittelalterlichen Welt ist Magie hingegen als Hexerei verschrien und daher verboten. Eine Gruppe von Reisenden, die über Pläne von den Welten verfügt und weiß, wie stark dort jeweils die Magie ist, reist von Welt zu Welt und treibt erfolgreich Handel.

Suite101.de: Drachen, Zwerge und Vampire sucht man in ihren Büchern bislang vergeblich. Bleibt das so?

Trudi Canavan: Es gibt bereits sehr viele Autoren, die tolle Bücher mit Fantasy-Rassen geschrieben haben. Ich interessiere mich mehr für Magie, dafür wie sie Gesellschaften verändern könnte, wenn es sie wirklich gäbe. Für mich ist Magie eine Quelle, die Menschen anzapfen können und nutzen, um ihr Wissen zu erweitern. Manchmal geht es vielleicht auch anders herum: Im neuen Buch wird es eine Figur geben, die einst ein Mensch war, dann jedoch in ein Buch aus menschlicher Haut verwandelt wurde. Wer darin liest, dem entzieht das Buch Wissen.

Jörn Käsebier - Bei Suite101.de betreute Jörn Käsebier zweieinhalb Jahre die Ressorts Wirtschaft & Geld sowie Sport als Redakteur, solange es ...

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