Trumpf Maschinenbau schrieb deutsche Wirtschaftsgeschichte

Autobiografie von Trumpf-Chef Leibinger - Murmann Verlag
Autobiografie von Trumpf-Chef Leibinger - Murmann Verlag
Berthold Leibinger machte aus der Maschinenbaufabrik Trumpf ein internationales Unternehmen der Hochtechnologie. Autobiografie als Wirtschaftshistorie.

Anfangs, in den Zwanziger Jahren, ließ Christian Trumpf in seiner mechanischen Werkstatt biegsame Wellen für Vorsatzgeräte herstellen, verwendbar für Zahnärzte und Druckereien. Einige Jahre später produzierte die schwäbische Firma Trumpf die ersten elektrischen Blechhandscheren. Heute ist das Ditzinger Familienunternehmen Trumpf eine weltweit führende Gruppe der Fertigungs- und Medizintechnik mit 8000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 1,66 Milliarden Euro (2008/2009) in den Geschäftsfeldern Werkzeugmaschinen, Elektrowerkzeuge, Lasertechnik, Elektronik und Medizintechnik.

Die Nibbel-Maschine – Beginn einer schwäbischen Erfolgsgeschichte

Namensgeber Christian Trumpf, der die Stuttgarter Werkstatt der Julius Geiger GmbH 1923 erworben hatte, lebt längst nicht mehr. Ein Auszubildender der 50er Jahre, der spätere Maschinenbauingenieur Berthold Leibinger, hatte die für die Erfolgsgeschichte der Firma bedeutende "Nibbel-Maschine" zum millimetergenauen Stanzen von Blech entwickelt. Leibinger übernahm immer mehr Verantwortung im Hause Trumpf, nach und nach auch Gesellschafteranteile. Heute gehören alle Trumpf-Geschäftsanteile ihm und seiner Familie, der über 80jährige ist noch im Aufsichtsrat tätig, Tochter Dr. Nicola Leibinger-Kammüller und Sohn Peter Leibinger übernahmen die Geschäftsführung.

Memoiren eines Unternehmers der Nachkriegsgeneration

Berthold Leibinger könnte man als typischen schwäbischen Wirtschaftsboss der Nachkriegszeit bezeichnen: Tüftler, Erfinder, Macher, Familienmensch mit ausgeprägtem Gemeinsinn, bodenständig, konservativ, bescheiden, eigenwillig, wagemutig, humorvoll, vorsichtig, großzügig, gebildet, einerseits von praktischem Verstand und Profitorientierung, andererseits von hohem Werteethos und moralischen Vorstellungen geprägt, alles andere als ein Traumtänzer. Die Memoiren, die er als 80jähriger in einem angesehenen Hamburger Verlag für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik veröffentlichte, atmen auf jeder Seite diese Mischung aus Pfiffigkeit, Intelligenz und Bauernschläue.

Wirtschaftswunder und Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg

Die erste Hälfte des Buches, das unter dem Titel "Wer wollte eine andere Zeit als diese" erschien, ist spannend wie ein Krimi im Wirtschaftsmilieu, nur braver; sie handelt von den ersten beiden Jahrzehnten des deutschen Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg. Hier erzählt ein Unternehmer die Abenteuer seiner Jugendjahre als Konstrukteur, und da sein persönlicher Aufbruch zu neuen Ufern einer lukrativen Produktion in seiner Branche, dem Maschinenbau, zeitgleich mit dem deutschen Wirtschaftswunder und dem aufkeimenden Bewusstsein eines 'Wir sind wieder wer' handelt, gelang dem Memoirenschreiber ein beispielhafter Wurf.

Der Lebensbericht des Berthold Leibinger

Das Tüpfelchen auf dem "i" dieser stilistisch außergewöhnlich reichen, geradezu literarischen Biografie ist Leibingers Entscheidung, sein Privatleben mit der Unternehmensgeschichte zu verbinden, ein mutiger Schritt, wodurch ein haltbarer Spannungsbogen entsteht. Den roten Faden, der sich durch die Jahrzehnte der Trumpf-Historie zieht, bilden die dezent, aber offen geschilderten autobiografischen Erlebnisse im Elternhaus des Autors, von seiner Schulzeit in Korntal, seinen Lehr- und Studienjahren sowie der Zeit als junger Trumpf-Konstrukteur im Ländle und in den USA. Ohne Scheu vor Voyeurismus erzählt Leibinger von seiner Verliebtheit, von der Familiengründung, den Ups and Downs eines Familienlebens, das von der Geschäftstüchtigkeit und Umtriebigkeit des Vaters geprägt ist, vom Aufwachsen und den Interessen der Kinder, von der Schwierigkeit, deren Begabungen, Neigungen und Charaktereigenschaften nutzbringend und zufriedenstellend ins Unternehmen Trumpf einzubinden – oder auch nicht, im Falle einer Tochter, die beruflich lieber etwas anderes machen wollte.

Familiengeschichten als Wirtschaftsgeschichte

Leibinger beschreibt seine Gedanken, Gefühle und Pläne, auch sein gelegentliches Scheitern auf sympathische Weise, er bleibt sachlich und uneitel, ohne seinen großen Stolz über das Erreichte zu verstecken. Dabei vermischen sich die Kategorien ständig, ein Kunstgriff, der erheblich dazu beiträgt, das Opus lesbar zu machen – während man gedanklich noch bei der Familie Leibinger hängt, geht es bereits um Betriebsrat, Arbeitszeiten, Mitarbeiterbeteiligung, kurz danach schon um Literatur und Musik. Berthold Leibinger ist der klassische Prototyp des gebildeten 'Vaters' in einem bürgerlichen Familienbetrieb.

Berthold Leibingers Engagement für den VDMA, BMW, BASF

Der zweite Teil der Leibinger-Memoiren ist hauptsächlich für Wirtschaftsinsider aus Baden-Württemberg interessant, für Leute, die sich vor allem über die detaillierte Unternehmensgeschichte von Trumpf informieren wollen, und für diejenigen, die aus der Feder eines Zeitzeugen und Beteiligten von innen heraus mehr über die Strukturen des deutschen Wirtschaftslebens mit Branchen- und Industrie-Verbänden, Aufsichtsräten, etc. erfahren möchten. Denn Leibinger engagierte sich zunehmend ehrenamtlich, als Präsident des Verbandes deutscher Maschinenbauindustrie (VDMA), auch in diversen Aufsichtsräten, z. B. bei BMW und BASF. Die Verpflichtung, sich für das "Gemeinwesen" einzusetzen, gilt ihm als Selbstverständlichkeit. Dafür bekam er viele akademische und politische Auszeichnungen.

Internationale Bachakademie und Deutsches Literaturarchiv Marbach

Heute, als 80jähriger, widmet sich Berthold Leibinger seinen geistigen Leidenschaften – Musik und Literatur –, jedoch auf seine ganz persönliche Art, als ein Mann, der gerne Fäden zieht: Er ist Vorstandsvorsitzender der Internationalen Bachakademie und Vorsitzender des Freundeskreises des Deutschen Literaturarchivs in Marbach e. V.

Berthold Leibinger: Wer wollte eine andere Zeit als diese. Ein Lebensbericht. Mit zahlreichen Abbildungen. Murmann Verlag 2010. Gebunden. 333 Seiten. 24,90 Euro

Andrea Reidt, Freie Journalistin, Foto Monika Werneke

Andrea Reidt - Die Freie Journalistin Andrea Reidt sammelte vielfältige Erfahrungen in ihrem Beruf. Am allerliebsten schreibt sie ...

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