
- DVD-Cover zu Valerie - Eine Woche voller Wunder - Bildstörung
Denkt man an tschechische Filme, fallen einem häufig "Pan Tau", "Der Zauberer Rumburak" oder "Die Märchenbraut" ein. Neben zahlreichen Märchenproduktionen, darunter auch die mittlerweile kultigen "Drei Nüsse für Aschenbrödel", erinnern diese Filme und Serien viele Erwachsene an ihre Kindheit und gelten auch heute noch als kleines, nostalgisches TV-Highlight. Jaromil Jireš' Verfilmung des surrealistischen Kultklassikers "Valerie – Eine Woche voller Wunder" von Vítezslav Nezval richtet sich in erster Linie an ein erwachsenes Publikum, auch wenn der Film das Erwachsenwerden der jungen Valerie thematisiert - in seiner ganz eigen Art und Sprache.
Erwachsenwerden zwischen Religion, Vampiren und sexuellem Erwachen
Die junge Valerie (bezaubernd:Jaroslava Schallerová) lebt seit dem Tod ihrer Mutter bei ihrer strenggläubigen Großmutter (Helena Anýzová). Als eines Nachts ein Dieb ihr ein Paar Ohrringe stiehlt, erwacht Valerie rechtzeitig und verfolgt ihn durch das Dorf, welches in dieser Nacht seltsam fremd wirkt. Sie verliert die Spur des Diebes, prägt sich sein Gesicht jedoch gut ein. Am nächsten Tag feiert ein Trupp Schausteller, darunter der Dieb, in Valeries Dorf ein rauschendes Hochzeitsfest und plötzlich ist es mit der Idylle vorbei. Valerie erblickt eine grauenhafte Fratze, die sie aus der Menge heraus angrinst. Damit beginnt auch die Veränderung von Valeries Großmutter. Mit Schrecken stellt das junge Mädchen fest, dass Vampire, lüsterne Priester und Dämonen im Dorf ihr Unwesen treiben.
Für Valerie alles andere als einfach, denn das Mädchen hat mit der ersten Regelblutung und ihrem erwachenden sexuellen Verlangen zu kämpfen.
"Valerie – Eine Woche voller Wunder": "Alice im Wunderland" trifft "Die Märchenbraut"
Jaromil Jireš ist mit "Valerie - Eine Woche voller Wunder" ein außergewöhnlicher Film gelungen, der sich schwer in Worte fassen lässt. Valeries Erwachsenwerden inszeniert er als poetisches und düsteres Märchen und spart nicht an Horrorelementen, die Filmliebhabern bekannt vor kommen werden: Der König der Vampire beispielsweise erinnert stark an Friedrich Wilhelm Murnaus Film "Nosferatu". Tatsächlich ließ sich Vítezslav Nezval, einer der Hauptvertreter der tschechischen Avantgardebewegung, für seinen 1935 erschienen Roman "Valerie a týden divu" von dem Stummfilm-Klassiker inspirieren. Auch Elemente von Lewis Carolls "Alice im Wunderland", den allerersten "Fantomas"-Filmen und dem Schauerroman "Der Mönch" von Matthew Lewis lassen sich im Roman aufspüren. Vítezslav Nezeval vermischt diese Elemente mit einer Menge Surrealismus, erotischen Momenten und romantischen Details.
Der Autor starb 1959. Zehn Jahre später griff Jaromil Jireš im Zuge der New Wave-Bewegung des tschechischen Kinos auf "Valerie a týden divu" zurück. Der Regisseur hielt sich eng an die literarische Vorlage und schuf einen Film voller Symbolik und Metaphern, der trotz verwendeter Märchenstoffe den sexuellen Subtext nicht außen vor lässt. Komplett frei von Sozialkritik ist der Film jedoch nicht. Die Kritik an kirchlichen Strukturen und Praktiken ist verzerrt und zynisch in den Film eingearbeitet.
Inspirierendes Meisterwerk der Filmkunst
Doch um sämtliche Anspielungen, Symbole und Rätsel des Films "Valerie – Eine Woche voller Wunder" zu entschlüsseln, muss man ihn mehrfach ansehen.
"Valerie – Eine Woche voller Wunder" inspirierte auch seinerseits die britische Autorin Angela Carter. Nach einer Vorführung des Films in London schrieb sie zwei Kurzgeschichten der Märchensammlung "The Bloody Chamber", in Deutschland unter "Blaubarts Zimmer" bekannt. Diese wiederum begeisterten Regisseur Neil Jordan für seinen Film "Zeit der Wölfe". Aufmerksamen Filmliebhabern werden auch hier diverse Parallelen zwischen "Zeit der Wölfe" und "Valerie – Eine Woche voller Wunder" erkennen, sei es in der bildlichen Umsetzung oder beim Soundtrack.
"Valerie – Eine Woche voller Wunder“: Ein cineastisches Gesamtkunstwerk
Jaromil Jireš' filmisches Meisterwerk hat auch nach 40 Jahren nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Noch immer faszinieren die märchenhaften wie düster-poetischen Bilder, die Symbole und Metapher geben immer wieder neue Rätsel auf. Der von Luboš Fišer komponierte Score unterstreicht die träumerische Atmosphäre des Films, so dass "Valerie – Eine Woche voller Wunder" als Gesamtkunstwerk bezeichnet werden kann.
Dieser außergewöhnliche Film darf in keiner Sammlung fehlen! Das Label Bildstörung veröffentlichte 2010 eine umfangreiche Deluxe-Edition von "Valerie – Eine Woche voller Wunder" auf DVD. Der Film erstrahlt in neuer Bildqualität, die tschechische Tonspur ist mit deutschen Untertiteln unterlegt, damit die Zuschauer den ganzen Zauber Valeries unsynchronisiert genießen können. Daneben bietet die DVD umfangreiches Bonusmaterial zur Entstehungsgeschichte, Interviews und einem Audiotrack zum alternativen Soundtrack. In dem 64-seitigem Booklet erläutern Literatur- und Filmwissenschaftler Hintergrundinformationen zur literarische Vorlage, der Umsetzung und Interpretationsmöglichkeiten von "Valerie – Eine Woche voller Wunder". Der DVD liegt außerdem als besonderer Leckerbissen für Fans die CD mit dem original Soundtrack von Luboš Fišer bei.
Diese DVD ist ein herausragendes Meisterwerk, Prädikat: Besonders wertvoll!
Leider ist die Deluxe Edition von "Valerie – Eine Woche voller Wunder" momentan vergriffen. Eine Neuauflage ohne den Soundtrack ist aber geplant, einen Termin gibt es leider noch nicht.
Valerie – Eine Woche voller Wunder (Bildstörung: Drop Out 008)
CZ 1970, 73 Min.
Regie: Jaromil Jireš
Darsteller: Jaroslava Schallerová, Helena Anýzová, Petr Kopriva, Jirí Prýmek, Jan Klusák
Kamera: Jan Curík
Musik: Luboš Fišer
Vertrieb: Alive
Veröffentlichungsdatum: 13.08.2010
Sprache: Tschechisch (Dolby Digital 2.0) mit deutschen Untertiteln
Bonusmaterial: Separate Soundtrack-CD mit der Filmmusik von Luboš Fišer, Zusätzliche optionale Audiospur mit der Filmmusik von The Valerie Project, Audio-Kommentar vom Peter Hames & Daniel Bird, ”Waking Valerie” - Dokumentation über die Entstehung des Films (ca. 20 Min.), ”Valerieholics” - Andy Votel, Trish Keenan, Gregory Week & Joseph A. Gervasi im Interview (ca. 12 Min.), Musikclip zum Track “Valerie” von Broadcast, 64-seitiges Booklet mit Texten von Giuseppe Dierna, Andy Votel, Peter Hames, Joseph A. Gervasi, Tanya Krzywinska und Daniel Bird
Weblinks
"Valerie – Eine Woche voller Wunder" auf Bildstörung.tv
Promotion-Trailer zu "Valerie – Eine Woche voller Wunder" auf YouTube.de
