Tuatara, uralte Brücken-Echse Neuseelands

Auf Neuseelands Inseln leben letzte Zeitgenossen der Dinosaurier

Tuataras, in freier Natur eine kostbare Seltenheit - Willowbank Wildlife Reserve
Tuataras, in freier Natur eine kostbare Seltenheit - Willowbank Wildlife Reserve
In der Abgeschiedenheit des Südpazifiks haben prähistorische Reptilien überlebt, die sich seit der Zeit der Dinosaurier vor Jahrmillionen nicht mehr verändert haben.

Die Ansammlung von Inseln Neuseelands, die abgeschieden im Südpazifik liegen, ist berühmt für ihre einzigartige Natur. Allein über 80 Prozent der reichen neuseeländischen Pflanzenwelt gibt es nirgendwo sonst auf der Welt. Doch das ist bei Weitem nicht alles, denn zwischen all dem eigenartigen Grün haben seltsame Wesen aud längst vergangenen Zeiten überlebt.

Down Under: Wahre vergessene Welt voller Exoten und Spezialisten

In nahezu vollständiger Abwesenheit von Säugetieren konnte sich eine Vogelwelt konkurrenzlos und unangefochten entwickeln, die reich an Exoten und Spezialisten ist. Nicht alle dieser außergewöhnlichen Lebensformen wie der Moa sind ausgestorben. Nach wie vor werden die Regenwälder und Bergpässe der Landschaften Down Under bevölkert von dem schwersten, dem frechsten und dem bestgetarnten Papagei der Welt (Kakapo, Kea und Kaka). Die Lebensräume, die von der Tiefsee kurz vor den Küsten über subtropische Strände, Regenwald-Täler, Tiefland-Gletscher und Vulkanfelder bis zu stattlichen schneesicheren Gebirgszügen reichen, beherbergen über diese Exoten hinaus noch eine weitere Tierart ohne Gefieder, die so alt ist wie die Dinosaurier und Neuseeland zur wahren vergessenen Welt macht.

Tuatara, lebendige Erdgeschichte des Mesozoikum in Neuseelands Abgeschiedenheit

Tuatara sind die einzigen heute noch lebenden Exemplare der Ordnung der Sphenodontidae – auch Brückenechsen genannt – die sich wahrscheinlich vor rund 225 Millionen Jahren während des Trias entwickelt haben und weltweit verbreitet waren. Im frühen Mesozoikum waren Tuatara noch nicht so einzigartig, sondern gehörten zu einer Verwandschaft, die den Dinosauriern sowie den heutigen Reptilien und Vögeln nahe steht. Seitdem Menschen auf der Erde leben, gibt es Tuatara nur noch in Neuseeland, doch sie sind mittlerweile aus ihrem ursprünglich flächendeckenden Verbreitungsgebiet auf vereinzelte vorgelagerte Inseln zurückgedrängt worden. Allerdings sind auch diese weitestgehend naturbelassenen Schutzräume in Neuseelands Abgeschiedenheit keine uneinnehmbare Festung.

Tutukaka? Poor Knights? Stuart Island? Oder sind Tuatara doch reif für's Museum?

Allerdings muss man nicht die Reservatsinsel Stuart Island oder das Poor Knights Islands Marine Reserve vor der Tutukaka Coast besuchen, das als Tauchparadies weltberühmt ist, um leibhaftig lebende Zeitgenossen der Dinosaurier zu Gesicht zu bekommen. Denn Henry wohnt mitten in Invercargill, einer der größeren Städte am unteren Ende der Südinsel. An der Rückseite des Southland Museums befindet sich ein Beobachtungsraum, der umgeben ist von den Glasfronten mehrerer riesiger Terrarien. Hier werden Exemplare dieser prähistorischen Reptilienart gehalten und sogar erfolgreich gezüchtet: Im Juli 2008 kam es zu einer produktiven Zusammenkunft zweier Urechsen, die zusammen über 180 Jahre alt sein dürften. Elf der zwölf von Tuatara-Weibchen Mildred gelegten Eier wurden erfolgreich im Incubator ausgebrütet. Scheinbar fühlte sich Henry erst jetzt reif für die Sicherung der Nachkommenschaft – vermutlich nicht einmal er selbst weiß, bis in welches Alter ein männlicher Tuatara für Nachwuchs sorgen kann.

Invercargills Henry ist unangefochtenes Oberhaupt der Tuatara

Henry ist mit seinen 54 Zentimetern Länge der größte bekannte Tuatara, unangefochtenes Oberhaupt der Echsenfamilie des Museums und nachweislich sehr alt. Als er vor 35 Jahren auf Stephens Island gefunden und nach Invercargill gebracht wurde, war er ausgewachsen, was bei den langsam wachsenden Tuataras Jahrzehnte dauern kann. Sein Alter wird auf über 130 Jahre geschätzt. Damit könnte er tatsächlich dem österreichischen Naturkundler Reischek begegnet sein, der von 1877 bis 1889 in Neuseeland inklusive der vorgelagerten Reservatsinseln forschte. Männliche Tiere können – soweit bekannt – bis zu einem Kilogramm schwer werden und ernähren sich von allem Beweglichen, was in ihr mit zahnartigen Auswüchsen des Kiefers versehenes Maul passt: Eidechsen, Insekten, Frösche, Würmer und sogar kleine Vögel. Dafür kommen sie auch, einmal gesättigt, mehrere Monate ohne Nahrungszufuhr aus. Die Weibchen werden nur halb so groß und schwer und legen mehrere Eier in kältegeschützten Erdhöhlen ab, wo nach 11 bis 15 Monaten die Jungtiere schlüpfen.

Eine weitere Eigenheit ist das zurückgebildete dritte Auge auf der Stirn, das besonders bei Jungtieren noch erkennbar ist und später unter dem soliden Schuppenkleid verschwindet. Wer kann das sonst schon von sich behaupten? Fraglich, ob diese Vorrichtung vor Millionen von Jahren in der Tierwelt verbreiteter war als heute. Eine Informationstafel verrät, dass das zusätzliche Auge zur Bestimmung der Jahreszeit mittels Messung des Tageslichtes dienen könnte – tieferer Sinn unbekannt.

Tuatara sind nicht das beste Haustier, da nachtaktiv und scheintot

Tuatara sind nachaktiv und wie alle Reptilien wechselwarm. Sie verbringen den Tag in ihren erdnahen Bauten oder liegen unbeweglich in der Sonne. Wer Henry im Museum von Invercargill besucht, kann sich glücklich schätzen, ihn wie versteinert im Klee vor seiner Höhle liegend anzutreffen, während er sich seinen Rückenkamm aus borstigen Federstümpfen im Kunstlicht wärmt. Nichts verrät dem Beobachter, ob das Tier noch lebt – keine Bewegung, keine Regung, nicht einmal Atemzüge sind am schuppig grünen Leib zu erkennen. Je nach Temperatur und Drosselung des Herzschlags kann die Atmung auf zeitweise nur ein einzigen Atemzug pro Stunde heruntergefahren werden. Henry ist somit oft scheintot und eben nicht gerade der geborene Entertainer der neuseeländischen Tierwelt.

Führt die Bedrohung durch Predatoren zum Ende einer Erfolgsgeschichte?

Auch wenn sich der Bauplan dieser prähistorischen Reptilien über Erdzeitalter hinweg offensichtlich als erfolgreich erwiesen hat, wird auch die Population an Tuataras immer mehr bedroht durch vom Menschen eingeschleppte Räuber wie Katze, Hund und Frettchen, die die beiden Hauptinseln Neuseelands unsicher machen. Wären nicht bereits einige kleine vorgelagerte Reservatsinseln aufwendig von solchen importierten Predatoren bereinigt worden, um den Lebensraum dieser einzigartigen Kreaturen zu bewahren, wären Henry und sein Clan in Invercargill wohl bald alles, was in Neuseeland aus der Zeit der Dinosaurier übrig bliebe.

FxReid Ständiger Autor Australien&Ozeanien-Reisen, © FxReid

Felix Reid - Ständiger Autor im Ressort Australien- & Ozeanien-Reisen; Freier Autor für unterhaltsame Golfsport-Beiträge; Ghostwriter ...

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