
- Filmplakat Turkish Star Wars - Jeremy Rall
Die Türkei ist nicht unbedingt als großes Filmland bekannt. Dennoch versucht man sich immer wieder an Werken, die auf Hollywoods Erfolgswelle mitschwimmen wollen. Besondere Berühmtheit, jedoch erst 20 Jahre später, hat dabei Dünyayi Kurtaran Adam (1982) erlangt – der nach seiner Entdeckung durch Fans von Der Mann, der die Welt rettet in Turkish Star Wars umbenannt wurde.
Es war einmal vor langer Zeit – George Lucas' Krieg der Sterne
Zu Beginn der 80er Jahre hatte George Lucas mit seinem Sternkrieger-Epos Star Wars bewiesen, dass wenig Erfolg versprechende Konzepte Geld abwerfen können. Viel Geld. Dank ausgefeilter, zur damaligen Zeit herausragenden Techniken und Special Effects, unverbrauchten Jungdarstellern, klassischen Heldenreise-Motiv und einer der ersten großen Merchandise-Kampagnen hatte Lucas sich die Lizenz zum Gelddrucken erarbeitet. Verständlich, dass dies auch auf andere Filmemacher und Medienschaffende attraktiv wirkte.
Diese bilderbuchhafte Erfolgsgeschichte sprach sich schließlich sogar bis zum Bosporus herum. Dort suchten und fanden sich Erotik-Regisseur Çetin Inanç und Arzt und Zirkusartist Cüneyt Arkin – letzterer schrieb das Drehbuch zum türkischen Gegenschlag und hielt sich dabei strikt an Lucas-Erfolgsformel: Banale Story, unverbrauchte Gesichter, bahnbrechende Effekte. Der Haken: Woher Geld nehmen, wenn nicht stehlen? Eine rhetorische Frage. Um dieses Problem zu umgehen, griff man nämlich auf äußerst kreative Weise erneut auf George Lucas‘ großes Vorbild zurück: Man klaute einfach. Nicht etwa die Idee. Nein, gleich den ganzen Film, mit Haut und Haaren.
Trash à la carte: Murat, ein Kung-Fu-Türke, rettet die Welt
Nach einer Raumschlacht stranden die beiden Starfighter-Asse Murat (Cüneyt Arkin) und Ali (Aytekin Akkaya) auf einem fiktiven Wüstenplaneten. Dort gilt es das unterdrückte Volk von einem 1000 Jahre alten Hexer zu befreien, der regelmäßig Plastik-Skelettkrieger, Klopapiermumien und rosa Plüschmonster auf die unterdrückten Bürger hetzt. Um diesen Kampf bestehen zu können, benötigen die Helden aber das gezackte Pappmaché-Schwert der Götter. Letztlich enttarnt Murat die List des bösen Zauberers und betritt den Ring für eine epische Backpfeifen-Schlacht, die selbst Bud Spencer wie einen Kirchenchorknaben aussehen lässt.
Handlungstechnisch beschränken sich die Parallelen zu Star Wars auf ein frappierend ähnliches Setting (Tatooine, der Wüstenplanet) und einige detailverliebte Déjà-Vus (z.B. die Mos Eisley Kantina). Das könnte man soweit ja noch durchgehen lassen, aber der Ideenklau und damit der Winterschlussverkauf beginnt ja gerade erst.
Çetin Inanç und Cüneyt Arkin – Gelegenheit macht Diebe
Inanç und Arkin waren, als sie das Drehbuch in Händen hielten, davon überzeugt mit dem Westen und Lucas konkurrieren zu können. Nun war da immer noch das fehlende Geld. Trotzdem hielt man an dem Wunsch fest, ein Stück vom Kuchen zu bekommen. Kurz: Man nahm es sich einfach.
Die mit dem mickrigen Budget von einer halben Millionen Dollar ausgestattete Produktion konnte sich keine Raumschlachten leisten, so viel war klar. Also setze man Ali und Murat mit Motorradhelmen auf dem Kopf in einen schwarzen Raum vor eine Leinwand, auf der der Kampf um den ersten Todesstern aus Star Wars gezeigt wurde. Dazu spielte man den Score von Kampfstern Galactica oder Flash Gordon. Jetzt mussten sich die beiden Darsteller in ihren improvisierten Cockpits nur ein wenig durchrütteln lassen – und die Illusion war (alles andere als) perfekt. Apropos Musik: Jede Heldentat des Mannes, der die Welt rettet untermalte man stilsicher mit dem Indiana Jones-Theme – ein nie dagewesenes Crossover von Star Wars und Indiana Jones, das John Williams sicher auch sehr interessant gefunden hätte – hätte man ihn gefragt.
Wo man schon dabei war, bediente man sich weiter bei Moonraker, Ben Hur, Planet der Affen und Lautlos im Weltraum, um nur einige Filme zu nennen. Die wohl bekannteste Szene ist jedoch eher eine Hommage an Rocky mit Silvester Stallone – Murat trainiert in der Wüste für den großen Kampf, wobei er Sand verprügelt, bierkästen-große Felsbrocken durch die Gegend kickt, die bei Aufprall explodieren, und sich Quader an die Beine bindet, um anschließend wie ein Gummiball (dank aufgestellter, leider nicht ganz unsichtbarer Trampoline) durch die Gegend hüpft. Doch: Der Erfolg des Films blieb überraschend aus – und damit auch mögliche Sequels wie Die Klopapiermumien schlagen zurück oder Die Rückkehr der osmanischen Ohrfeige.
Turkish Star Wars – Später Ruhm und weltweite Wirkung eines Internet-Phänomens
Außerhalb der Türkei erschien Der Mann, der die Welt rettet erst mit aufkommender Verbreitung des Internets auf dem Radar der Cineasten – worauf er sogleich den heute gängigen Titel Turkish Star Wars erhielt. Der bis dato nie synchronisierte Film wurde von Trash-Fans liebevoll übersetzt – wobei man darauf achtete, die bissigen One-Liner möglichst detailgetreu zu erhalten.
Der Klassiker:
Ali: "Do you think you are the man who saves the world?"
Murat: "As much as you think you are a womenizer."
Der Sohn des Mannes, der die Welt rettet – Das Erbe eines Klassikers
Die Popularität des Phänomens Turkish Star Wars ging soweit, dass 2006 ein offizieller Nachfolger – Dünyayi Kurtaran Adamin Oglu – Der Sohn des Mannes, der die Welt rettet, oder (dieses Mal offiziell) Türken im Weltall produziert wurde. Leider fehlte, wie zu erwarten, der besondere Charme des Originals, zumal man dieses Mal ganz bewusst die Genre-Schublade Komödie/Parodie angepeilt hatte. Zumindest kehrte Cüneyt Arkin ein weiteres Mal als Murat auf die Leinwand zurück – jedoch nicht mehr astralkörperfrei wie noch 1982.
Inzwischen finden sich massenhaft Clips auf Youtube und anderen Videoportalen, die sich mit dem Film selbst, der türkischen Kampfkunst Amarok und der Spezialtechnik des Mannes, der die Welt rettet, der osmanischen Ohrfeige, auseinandersetzen. Die angesprochene Trainingsszene in der Wüste gilt inzwischen als kleine Berühmtheit und zählt zur Sparte Internet-Phänomene wie das Star Wars Kid oder Grup Tekkan. Auch der Einfluss auf die hiesige Trash-Szene ist nicht zu leugnen, wie etwa Werke der Gosejohann-Brüder zeigen (Captain Cosmotic, Operation: Dance Sensation).
Der Junge, der die Welt rettet – Das vielleicht letzte Kapitel der türkischen Trilogie
Im vergangenen Jahr ist in Anlehnung an den Film in Deutschland ein Drehbuch mit dem Titel Der Junge, der die Welt rettet entwickelt worden, welches von einem jungen Schüler in unserer heutigen Realität handelt, der dem türkischen Bruce Lee Cüneyt Arkin nacheifert und auf dem Weg zum Erwachsenen haarsträubende Abenteuer erlebt – inklusive Klopapiermumien und Ohrfeigen-Gewittern. Ein neuer Anwärter auf den Titel "Schlechtester Film aller Zeiten"?
