"Turboabitur" in acht Jahren

Überfordert die Reform des Gymnasiums unsere Kinder?

Acht Jahre Gymnasium: Keine übereilte Reform sondern Aufschließen zu unseren Nachbarn. Wir brauchen eine Bildungsdebatte und Ganztagslehrer.

Die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre ist beschlossen, der „Point of no Return" überschritten. Alle Bundesländer haben die Schulzeit des Gymnasiums auf acht Jahre verkürzt oder werden im nächsten Jahr damit beginnen. Inzwischen ist die Debatte über die Frage, „wie" die Reform durchgeführt werden soll, in vollem Gang. Die Abkürzung „G 8" steht dabei nicht mehr nur für die Verkürzung der Schulzeit auf acht Jahre, sondern auch für den Begriff „Turboabitur".

Turboabitur in acht Jahren?

In den meisten anderen Industriestaaten gilt schon lange eine Schulzeit von zwölf Jahren, sogar in der ehemaligen DDR und in Folge in den ostdeutschen Bundesländern konnten die Schüler das Abitur schon immer in acht Jahren erwerben. Nun endlich so schnell zu sein, wie der Rest der Welt und langsam mit der Reduzierung der Schulzeit anzufangen, gilt vielen als „Turbo-Reform". Nun, aus Sicht einer Schnecke ist auch langsam manchmal schnell.

Drei Konstanten der Bildungspolitik

Die größten Sorgen machen sich die Kritiker der nun angegangenen Reform dabei über die Überforderung der Schüler. Dabei gehen sie, wie selbstverständlich, von drei Grundvoraussetzungen aus, die schon seit Jahrzehnten die Bildungsdebatte in Deutschland bestimmt haben:

Möglichst viele Schüler sollen Abitur machen

Unter dem Stichwort „Chancengleichheit" wird angestrebt, dass die Schulform des Gymnasiums gleichsam für alle, auf jeden Fall aber für so viele Schüler wie möglich die adäquate Schulform bildet. Jede zusätzliche Anforderung an zukünftige Abiturienten wird damit eine Belastung und Herausforderung für sehr viele Schüler und nicht nur für Begabte und besonders Fleißige. Das deutsche Abitur ist eine Art „Volksabitur" und ein Schulabschluss für Jedermann geworden.

Schule findet vormittags statt

Zweitens findet Schule grundsätzlich vormittags statt. Das Beispiel anderer Länder, die ihre Kinder schon seit Jahrzehnten nicht nur vormittags, sondern auch nachmittags in die Schule schicken, wird abgelehnt oder nur sehr halbherzig angenommen. Dabei geht es erst in zweiter Linie um die Kinder und Schüler. Wie die Debatte über die Ganztagsschule zeigt, liegt das größte Problem darin, den Lehrerberuf so umzugestalten, dass er ein Präsenzberuf für den ganzen Arbeitstag wird. Lehrer verstehen sich selbst als Berufstätige, die nur einen Teil, nicht einmal den größten, ihrer Arbeitszeit, mit Schülern verbringen. Mehr Zeit als dem unmittelbaren Unterricht und der Betreuung widmen sie anderen Dingen. Unterrichtsvor- und -nachbereitung einschließlich der Korrekturen finden zuhause statt, nicht in der Schule. Dazu kommen erhebliche Stunden, die in Gremiensitzungen und Konferenzen verbracht werden. Die Einführung der Ganztagsschule hat daran auch bisher nichts geändert. Oft stellen Ganztagsschulen heute nur eine Schülerbewahranstalt mit der Möglichkeit, ein Mittagessen einzunehmen, dar.

Gymnasium bildet nicht

Drittens gibt es in Deutschland immer noch keinen Anstoß für eine Bildungsdebatte. Schule wird als der Ort verstanden, an dem Wissen zu vermitteln ist. Bildungsansprüche werden nicht erhoben. Ob dieses Wissen studien- oder gar lebenstauglich macht, wird nicht nachgefragt, schon gar nicht überprüft. „Non scholae sed vitae discimus", nicht für die Schule, für das Leben lernen wir, lautete der Anspruch, den das humanistische Gymnasium an Lehrer und Schüler bis zur Mitte der 70er Jahre richtete. Spätestens seit der 68er Bewegung gibt es einen Bildungsanspruch in Deutschland und einen entsprechenden Bildungsauftrag an das Gymnasium nicht mehr. Im Gegenteil, alles, was nicht sofort und eindeutig einen „Nutzeffekt" nachweisen kann, gilt als reaktionär, unmodern und überflüssig. Früher waren Lehrer an einem Gymnasium umfassend gebildet. Der Biologielehrer konnte auch Latein und Mathematik, selbst wenn er es nicht unterrichtete. Ein Englisch-Lehrer kannte sich auch in Geschichte aus. Heute hat sich das Gymnasium zu einer Lehranstalt entwickelt, in der manche Lehrer stolz darauf sind, in ihren sogenannten „Leistungskursen" (aber nur dort!) Stoff zu vermitteln, der an der Universität im ersten oder zweiten Semester behandelt wird. Dafür wird der Preis bezahlt, dass die in einzelnen Bereichen speziell ausgebildeten Abiturienten häufig über keine Allgemeinbildung mehr verfügen und es einen einheitlichen in der Gesellschaft verankerten „Bildungskanon" nicht mehr gibt. Man kann sich heute nicht mehr darauf verlassen, dass ein Abiturient weiß, was die Bundesversammlung ist, Goethes Faust gelesen hat und die Regeln des Bruchrechnens sicher beherrscht. Ob das Kennen deutscher Klassiker, das Beherrschen der Grundlagen des Rechnens und politische Grundkenntnisse schon Bildung bedeuten, mag bezweifelt werden. Aber internationale Vergleiche zeigen nicht nur in den berühmten PISA-Studien, dass deutsche Schüler weniger wissen und können als ihre Nachbarn. Und das, obwohl sie länger zur Schule gehen als alle anderen Kinder in Europa.

Kriterien eines Bildungssystems

Offensichtlich sind die Schulzeit und der Fächerkanon keine aussagekräftigen Kriterien für die Beurteilung eines Bildungssystems. Warum können deutsche Schüler kein Französisch und kein Englisch, wenn sie von der Schule abgehen?

Weil sie es in der Schule lernen.

Und warum können skandinavische Kinder schon in jungen Jahren Englisch sicher sprechen?

Weil sie es nicht (nur) in der Schule lernen.

Andere Länder haben schon früh erkannt, dass die Methodik des Lehrens und Lernens mindestens so wichtig ist wie reines Fachwissen.

Ganztagsschule bedeutet mehr, als in der Schule zu Mittag zu essen

Wer in Deutschland über Ganztagsschule diskutiert, wird nach wenigen Minuten auf das Thema „Mittagessen" zu sprechen kommen, weil immer noch die Auffassung gilt, dass eine Schulkantine die wesentliche und oft einzige Vorraussetzung für eine Ganztagsschule sei. Der Gedanke, dass es in einer Ganztagsschule definitionsgemäß keine „Hausaufgaben" mehr geben kann, weil Schüler und zwangsläufig auch Lehrer ja den „ganzen" Tag in der Schule verbringen und dort auchz nachmittags gemeinsam arbeiten, hat sich noch nicht weit verbreitet. Die Forderung, wer Abitur machen will, sollte mit 15 oder 16 Jahren genauso einen Zehn-Stunden-Tag haben wie andere Schüler in Europa, gilt als schüler- und lehrerfeindlich. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass der Output unserer Schulen, also das Bildungsergebnis, unmittelbar davon abhängt, welchen Input wir bereit sind, in das System zu stecken. Input heißt hier: Personal, Infrastruktur, Konzepte, Zeit und Geld. Es überrascht nicht, dass Deutschland gemessen an den Bildungsaufgaben pro Kopf der Bevölkerung derzeit einen der letzten Plätze in Europa einnimmt.

Christopher Kaatz, Christopher Kaatz

Christopher Kaatz - Seit ich denken kann, will ich lesen; seit ich lesen kann, will ich schreiben, seit ich schreibe, lebe ich. Belletristik, vor allem ...

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