TV, Radio – Sprechtraining für Rundfunk- und Fernsehjournalisten

Akustische Rhethorik - Michael Jurek, pixelio.de
Akustische Rhethorik - Michael Jurek, pixelio.de
Stufenprogramm zum Erlernen des "freien" Sprechens vor dem Teleprompter und dem Studiomikrophon.

Das „freie“ Sprechen im Radio-Studio oder vor der Fernsehkamera ist meist kein freies Sprechen. Der Autor liest sein Manuskript und der TV-Moderator den Text auf seinem Teleprompter und wer nicht weiß, dass geschriebene Texte benutzt werden, ist beindruckt: freie Rede mit dieser Präzision – unglaublich! Diese professionelle Täuschung kann man lernen. Es gibt zwei Lernziele, die beide ihre Berechtigung haben. Im Radio und im Fernsehen kann man Autoren, Kommentatoren und Moderatoren jeweils den angestrebten Zielen zuordnen, wenn man diesen Beitrag gelesen hat.

Lernziel eins: Sprechen im „Sonntagsanzug, mit gepuderten Stimmbändern“

Man beabsichtigt ein eindrucksvolles Auftreten, will mehr scheinen als sein, möchte eine makellose Fassade aufbauen. Der Hörer, der Zuschauer spürt, wenn das Ziel erreicht ist. Der Auftritt ist zu perfekt, zu routiniert, wirkt synthetisch – ist langweilig. Persönliche Ausstrahlung, die kleinen individuellen Eigenarten, die der Sprecher in seinem außerdienstlichen Sprechduktus besitzt, wurden durch Methode eins abgeschliffen. Die Techniker und Regisseure hinter der Studioscheibe, für ihre Respektlosigkeit bekannt, pflegen dann zu bemerken „Jetzt spricht er im Sonntagsanzug“, „Seine Stimmbänder sind gepudert“, „Jetzt hat er die Kerzen angezündet“ oder „Pass auf, gleich serviert er sich auf dem Silbertablett“.

Lernziel zwei: Sprechen, wie man im Alltag spricht

Man sollte annehmen, dass dies das leichter zu erreichende Lernziel ist. Das ist nicht der Fall, denn der Weg zum eigenen Ich ist mühsam, denn das Ich kapituliert vor dem Scheinwerfer, vor dem Studiomikrophon, vergisst seine Individualität. Leichter wäre es, eine schützende Fassade aufzubauen. Der erste Schritt auf dem Weg zum fernen Ziel heißt: Analysieren Sie ihren persönlichen Sprechstil, die „Fingerabdrücke“ ihrer Sprache. Ihr Sprechtonfall ist so charakteristisch, so unverwechselbar wie ihre Handschrift.

Merkmale des individuellen Sprechens

Dynamik: Schwankungsbreite der Sprechgeschwindigkeit. Weniger wichtige Textpassagen werden etwas schneller, beiläufiger gelesen. Wichtige Passagen werden etwas gedehnt, sozusagen „fettgedruckt“. Durch die Dynamik bekommt der Text Bedeutungskonturen. Eine ausgeprägte Sprechdynamik erregt Aufmerksamkeit. Geringe Dynamik wirkt einschläfernd. Extrem hohe Dynamik wirkt hysterisch.

Pausensetzung: Der langweilig gelesene Text richtet sich streng nach den Satzzeichen. Dadurch wird die Bedeutungskontur des Inhalts „glatt gebügelt“. Individuelles, freies Sprechen betont wichtige Textteile mit kleinen Pausen. Ein wichtiges Wort wird mit einer „Achtung-gleich-kommt-was-Pause“ angekündigt. Wenn eine Botschaft extrem wichtig ist, dann lässt man sie in einer Anschlusspause „verhallen“. Da Satzanfang und Satzende nie sinntragend sind (Stabreim ausgenommen), vermeide man Punktpausen. Dynamische Srechpersönlichkeiten „überrennen“ oft den Punkt und „halten an“ vor dem nächsten wichtigen Wort.

Melodik: Dieses Merkmal sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Die ausgeprägte Schwankung der Tonhöhe erinnert an Gesang, so werden vor lauschenden Kindern Märchen erzählt. Wenn man so mit einem Erwachsenen spricht, behandelt man ihn wie ein Kind oder wie einen Menschen, dem man eine Botschaft „eintrichtern“ muss. Ausgeprägte Melodik ist ein Merkmal der Arroganz. Es ist ein peinlicher Sprechstil, dem man gelegentlich in den Medien begegnet.

Lautstärke: Bis in die 60er Jahre haben die Radio-Reporter fast geschrien. In Lateinamerika schreien die Sportreporter immer noch. Ein sehr wichtiger Hinweis: Es ist empfehlenswert, leise zu sprechen, so wie mit einem Menschen, dem man gegenüber steht. Die leise Stimme behält ihr Klangvolumen, sie ist außerdem ein Zeichen der Selbstsicherheit und Gelassenheit. Die Technik regelt die leise, volle Stimme auf optimales Niveau.

Heimtraining zur Erreichung von Lernziel zwei

Stufe eins: Schreiben Sie einen Bericht, einen Kommentar oder einen Moderationstext. Entdecken Sie ein Gespür für die Schönheit des gesprochenen Wortes (kurze Sätze, keine Variation von Substantiven, kunstvolles Spiel mit Wiederholungen)

Stufe zwei: Sprechen Sie den Text auf einen Kassettenrecorder. Hören Sie die Aufzeichnung kritisch ab. Warum klingt sie nicht wie frei gesprochen? Hauptursachen: Die Dynamik betont nicht hinreichend den Inhalt. Pausenpunkte.

Stufe drei: Verwandeln Sie das Manuskript in einen Zettel mit Stichworten und trainieren Sie damit vor dem Recorder die freie Rede. Finden Sie nun beim Abhören der Aufzeichnung die „Fingerabdrücke“ ihrer natürlichen Sprechweise.

Stufe vier: Nach der Verinnerlichung ihrer akustischen Selbsterkenntnis sprechen Sie ihren geschriebenen Text wieder auf den Recorder. Sprechen Sie ihn so, als sei er ihnen gerade jetzt eingefallen. Überrascht werden Sie feststellen, dass Sie Fortschritte gemacht haben.

Rainer Sörensen, Lima, Peru, Rainer Sörensen

Rainer Sörensen - Rainer Sörensen, geboren 1941 in Lübben an der Spree, studierte Psychologie. Nach seinem Diplom-Examen beschäftigte er sich ...

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