
- Udo Jürgens: Jubel bei Musical-Start in Stuttgart - Simone Heiland
Seit Dezember 2007 steuert der Ozeanriese "MS Atlantik" nahezu täglich die Weltstadt New York an. Bis September von Hamburg aus, seit März von Wien aus und nun aus Stuttgart-Möhringen. Am Abend des 18. November 2010 stach der Luxusliner unter frenetischem Applaus in See. Doch weder die Elbe noch die Donau oder der Neckar haben diesen feudalen Musikdampfer je hinaus auf den Atlantik katapultiert. Es ist ein Kreuzfahrtschiff, dass gänzlich ohne Wasser auskommt. Und der Kapitän, dem das Traumschiff gewidmet ist, heißt Udo Jürgens. Zusammen mit seinem Manager Freddy Burger war er Ehrengast bei der Premiere mit anschließender Feier unter Ausschluss der Öffentlichkeit in ausgelassener Stimmung.
Ausnahmekünstler Udo Jürgens: 21 Songs in einem Musical verpackt
21 seiner Songs sind Bestandteil einer hin- und mitreißenden Bühnenshow, die ihresgleichen sucht. Das Musical "Ich war noch niemals in New York" ist die Verbeugung vor einem ganz Großen, wenn nicht dem Größten seiner Zunft. Mit einer einfachen Alltagsgeschichte als Grundlage, mit unglaublichem Schwung und ansteckender Begeisterung auf die Bühne gebracht. Das Ergebnis ist ein Musical, das gänzlich von den üblichen Darbietungen abweicht. Es ist ein Musical mit starker persönlicher Note, wie es sonst keines gibt. Es wird getragen von den Liedern des Vollblutmusikers Udo Jürgens. Und es sind nicht nur die Ohrwürmer, die, obwohl teilweise über 30 Jahre alt, selbst bei der heutigen Jugend Kultcharakter genießen, wie der Titelsong "Ich war noch niemals in New York", "Griechischer Wein", "Aber bitte mit Sahne" oder "Ein ehrenwertes Haus", die den Dampfer über die Weltmeere geleiten. Auch leise, nachdenkliche Lieder wie "Was wichtig ist", "Vater und Sohn" oder "Wie könnt' ich von dir gehen" haben Einzug gehalten in einen rührend interpretierten Generationen-Konflikt, der sich so oder so ähnlich tausendfach abspielt in deutschen Familien. Einem Konflikt, der den Alltag in einer immer noch von Oberflächlichkeit, Egoismus und Gewinn geprägten Gesellschaft widerspiegelt und damit dem Anspruch des Sängers Udo Jürgens in jeder Weise gerecht wird. Nämlich: den Finger in offene Wunden zu legen, zu mahnen, zum Nach- und Mitdenken anzuregen und den Mut zu haben zu Widerspruch und selbstbestimmtem Leben.
Umjubelte Premiere im Apollo-Theater Stuttgart: "Ich war noch niemals in New York"
Die Geschichte ist schnell erzählt. Es geht um eine Fernsehmoderatorin mit Promi-Status, deren Lebensinhalt darin besteht, vor der Kamera zu stehen. Und deren unbedingtes Ziel es ist, den Deutschen Fernsehpreis zu gewinnen. Ihre Mutter, Maria, lebt im Altersheim und vegetiert dort lustlos vor sich hin, obwohl sie noch so viele unerfüllte Träume hat. Einem Mitbewohner, Otto, geht es ähnlich. Die beiden freunden sich an, verlieben sich und büchsen aus. Sie wollen eine Kreuzfahrt machen nach New York. Ohne Geld, aber mit dem eisernen Willen, ihren Traum zu realisieren. Die Heimleitung, Frau Sargnägle, hinreißend gespielt von einer schwäbelnden alten Fuchtel im Alte-Jungfer-Outfit (Janina Goy), die alles will, nur "koi G'schiss!", und deshalb die Kinder der beiden Alten informiert: Lisa Wartberg, die berühmte Fernsehmoderatorin und Tochter von Maria, und den Fotografen Axel Staudach, Sohn von Otto. Alle sind empört über das Verhalten der alten Leute. Völlig außer Rand und Band ist indes die Reisebüroangestellte Frau Menzel (Tanja Schön), als sie mitbekommt, dass Maria Wartberg die Mutter der berühmten Lisa ist. Kurz vorm Hyperventilieren händigt sie Maria ruck-zuck die Reisepapiere aus. Urkomisch inszeniert und umgesetzt.
Musicaldampfer mit Boulevard-Charakter und den Songs von Udo Jürgens
Lisa und Axel, die sich nach altbewährtem Strickmuster zunächst zoffen und später ineinander verlieben, wollen auf dem schnellsten Wege auf die "MS Atlantik". Doch sie verpassen das Schiff und steuern, begleitet von Axels Sohn Florian, in dem klapprigen Auto von Axel den Hafen von Genua an um dort aufs Schiff zu gelangen, was sogleich zu größten Verwicklungen führt, weil sowohl die Alten wie die Jungen in der Hochzeits-Suite landen. Allein die Passagen, die sich im Schiffsinneren abspielen, haben das Niveau der Boulevard-Klassiker von Neil Simon, aus dessen Feder unter anderem der Dauerbrenner "Plaza Suite" stammt.
Stuttgarter Inszenierung: komisch, spritzig, temporeich
Komisch, hintergründig, spritzig und mit enormem Tempo kommt die Stuttgarter Inszenierung daher. Hauptdarstellerin Sabine Mayer (Lisa), gebürtige Österreicherin, spielt in atemberaubender Schnelligkeit und Akuratesse. Sie hatte in Wien schon die Zweitbesetzung gespielt. Karim Khawatmi (Axel) stand in Stuttgart bereits für die "Drei Musketiere" auf der Bühne und ist musicalerfahren. Die 58-jährige Schauspielerin Regina Venus (Maria Wartberg) spielte unter anderem in "Sonnenallee" und in der Serie "Wolffs Revier" mit, und ist Musical-Neuling. Und der 68-jährige Ernst Wilhelm Lenik (Otto Staudach) hatte zuvor schon in kleineren Musicals mitgespielt. Die Kinderrolle ist mehrfach besetzt, die Vor-Premiere spielte ein cooler Felix Hoppmann, die Premiere ein nicht minder cooler Marco Romboldt. Beide interpretieren den Klassiker "Mit 66 Jahren" mit Verve und Routine, als sei es das Selbstverständlichste der Welt. Die Gäste tobten.
Stage Entertainment: Perfekte Besetzung in einer erstklassigen, künstlerisch wertvollen Inszenierung
Carline Brouwer und Glenn Casale führen Regie in dieser temporeichen Bühnenschow. Monatelang hatten die Produzenten und das Kreativ-Team von Stage Entertainment nach der perfekten Besetzung gesucht. Mit durchschlagendem Erfolg. Neben schauspielerischem und musikalischem Talent war bei den Protagonisten auch eine komische Ader gefragt, denn das Stück, für dessen Inhalt der Autor Gabriel Barylli, der am Premierenabend ebenfalls anwesend war, verantwortlich zeichnet, ist gespickt mit Situationskomik. Und die muss nicht nur verbal gespielt sondern mit ganzem Körpereinsatz gemeistert werden. Szenenapplaus gab es für den Steward (Horst Kulmbrein) und seine slapstickartigen Auftritte. Und auch das homosexuelle Pärchen Fred (Uli Scherbel), der den Visagisten von Lisa spielt, und dessen griechischer Lebensgefährte Costa (Marco A. Billep) rissen immer wieder zu Begeisterungsstürmen hin.
Die Choreografie liegt in den Händen von Kim Duddy und ihrem musikalischen Leiter Michael Reed aus London. Ein großes Lob gebührt auch der Mannschaft um David Gallo, die für den Kulissenbau (Bühnenbild) und die Requisite verantwortlich zeichnen: Yan Tax (Kostüm-Design), Sjoerd Didden (Perücken und Maske). Auch die Technik lässt nichts zu wünschen übrig: Andy Voller setzt die Szene als Programmierer und Designer ins rechte Licht, Mick Potter hat den Ton im Griff und Roy Moore ist für Sound und Orchester verantwortlich.
Apollo-Theater Stuttgart: Vor der Premiere bereits 100.000 Karten verkauft
Nach mehreren vom Publikum gefeierten Pre-Views und einer gelungenen Generalprobe unter den gestrengen Augen einer großen Schar von Medienvertretern am Abend vor der offiziellen Premiere, war den Betreibern des Apollo-Theaters im Stuttgarter SI-Centrum endgültig klar, dass dieses Musical alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen würde. Noch bevor der erste Vorhang sich heben sollte, waren bereits 100.000 Karten verkauft. Die Wucht mit der der Applaus der Premierengäste Arbeit und Spiel der gesamten Schiffs-Crew vor und hinter den Kulissen honorierte, setzte dem Ganzen (vorläufig) die Krone auf.
Info: Vorstellungen ab 18. November 2010 im Apollo Theater Stuttgart, Plieningerstraße 102 (SI-Erlebnis-Centrum an der B27 ). Dauer der Show: drei Stunden. Ticket-Hotline: 01805-4444. Stand: Nov. 2010
