
- Original (links) und Double rocken zur Premiere - Wilhelm Ruprecht Frieling
Als „glänzenden Höhepunkt“ seiner Karriere bezeichnet Lindenberg, der zur Premiere am 13. Januar 2011 in einem goldenen Trabbi vorfuhr, sein Musical „Hinterm Horizont“. Bereits vor dem Theater am Potsdamer Platz begrüßte der Musiker rund zwei Dutzend ihm teils täuschend ähnlich aussehender Doppelgänger.
Genau wie Udo selbst mit Schlapphut, schwarzer Sonnenbrille und Bratenrock ausgestattet, ließen sie sich später bereitwillig gemeinsam mit Premierenbesuchern fotografieren, die nicht bemerkten, dass sie Lindenberg-Klons aufgesessen waren.
Mädchen aus Ost-Berlin
Das Musical „Hinterm Horizont“ präsentiert die angebliche Liebesgeschichte des 1946 im westfälischen Gronau geborenen Liedermachers, der mit seinem Panikorchester (west)deutsche Rockgeschichte schrieb. Lindenberg lernt bei einem Auftritt im Ostberliner Palast der Republik anno 1983 ein 17jähriges Mädchen im FDJ-Blauhemd kennen.
Auf der Bühne wird daraus die fantastische Lovestory von Udo und Jessy, die aufgrund der unüberwindbaren Mauer nicht zueinander kommen und dennoch ständig voneinander träumen. Autor Thomas Brussig („Sonnenallee“) dichtet Jenny dazu auch gleich noch einen kleinen Lindenberg als Frucht der Liaison an, von dem der leibliche Vater erst nach der Maueröffnung erfährt …
Vom Mauerbau zum Mauerfall
Das Melodram wird eingebettet in die Geschichte der deutsch-deutschen Grenze. So beginnt das Musical „Hinterm Horizont“ mit Filmsequenzen vom Bau der Mauer anno 1961. Auf drei Videowänden werden Dokumente von den Baumaßnahmen gezeigt. Schwerpunkt dabei sind Menschen auf der Flucht. Sie springen aus Häusern in die Freiheit, kämpfen sich durch Stacheldrahtzäune und überspringen Barrikaden, um in den Westen zu gelangen.
Ein Regime, das sich einmauert, geht entsprechend hart mit seinen Bürgern um und hat wenig im Sinn mit Dekadenz und westlicher Musik. Im Gegenteil: das Staatsvolk wird von allen Seiten überwacht, gefilmt und bespitzelt, und auch die hübsche Jenny wird von der Staatssicherheit gezwungen, als „IM Regenwurm“ tätig zu werden, um Lindi auszuforschen. Historischer Fakt dabei ist, dass die Stasi umfangreiche Akten über den Sänger angelegt hat.
Sonderzug nach Pankow
Lindenberg-Hits wie „Sonderzug nach Pankow“, „Rock ’n’ Roll-Arena in Jena“ und „Gitarren statt Knarren“ werden mit diesen historischen Ereignissen verwoben und erwecken den Eindruck, als habe Lindenberg in emsiger Kleinarbeit mit seiner Musik Löcher in die Mauer geschossen. Das DDR-Regime – auf der Bühne durch tumbe Bonzen, eilfertige Stasischnüffler, speichelleckerische Offiziere, gedopte Sportler und untertänige Mitläufer dargestellt, muss sich schließlich ergeben: Lindenberg darf in der DDR auftreten.
Auf einer FDJ-Propagandaveranstaltung, bei der auch Harry Belafonte auftritt, darf Lindi anno 1983 vier Songs im Palast der Republik vor 4.200 ausgewählten FDJlern singen. Der Auftritt wird im DDR-Fernsehen ausgestrahlt. Derweil werden draußen vor der Tür hunderte Fans abgedrängt.
Von da an ist es nur noch ein kurzer Weg bis zum Fall der Berliner Mauer im November 1989. Filmdokumente zeigen die in den Westen drängenden Massen, die endlich Bananen essen, Lindenberg live sehen und blühende Landschaften genießen dürfen. „Hinterm Horizont“ geht es für das ehedem geknechtete Staatsvolk der DDR weiter, und wem ist das zu verdanken? „Uns Udo“ natürlich!
„Hinterm Horizont“: Schwache Story – starke Songs
Die im Musical „Hinterm Horizont“ erzählte Story wirkt streckenweise wie Geschichtsschreibung im plakativen BILD-Stil. Wer sich daran nicht reibt oder sogar bestätigt fühlt, erlebt eine farbenprächtige Bühnenshow. Diese wird musikalisch von 26 Lindenberg-Songs getragen, die von einer ausgezeichneten siebenköpfigen Band gespielt werden.
Das von zwei Leinwänden eingerahmte Bühnenbild wird von einem drei Tonnen schweren Lindenberg-Hut dominiert, um den 30 engagierte junge Talente singen, tanzen und spielen. In der Rolle des Panikrockers brilliert Serkan Kaya, der dem Original optisch und stimmlich entspricht.
„Hinterm Horizont“ soll, wenn die Berechnungen der Veranstalter aufgehen, mehrere Jahre am Potsdamer Platz laufen. Ob diese Rechnung aufgeht, und das Musical ein deutsch-deutscher Kassenschlager wird, steht derzeit noch in den Sternen.
