Über den Umgang mit Kritik

Faire Textdiskussionen in Schreibgruppen

Autoren trennten sich schon im Streit von ihrer Schreibgruppe, da die Kritik zu ihren Texten sie verletzte. Doch Kritik kann auch gründlich, aber fair geäußert werden.

Natürlich besucht man eine Schreibgruppe, um ein Feedback zu den eigenen Texten zu erhalten, doch diese Kritik sorgt auch immer wieder für zwischenmenschliche Störfälle innerhalb der Gruppe und für Verletzungen bei den Autoren. Aufs Geratewohl geäußerte Kritik hilft niemandem und es kann mitunter lange dauern, bis die Schäden, die sie angerichtet hat, überwunden sind. Deswegen ist es für eine Schreibgruppe - und auch für den Einzelnen, der um Kritik gebeten wird - sinnvoll, sich mit dem Geben und Entgegennehmen von Kritik zu beschäftigen.

Der Text und seine Funktionsweise

Es soll hier keinesfalls der Eindruck erweckt werden, Kritik dürfe nicht offen und ehrlich sein. Das darf sie auf jeden Fall, solange sie gleichzeitig auch fair ist. Doch was bedeutet das?

Bewusst oder unbewusst hat jeder Autor eine Vorstellung davon, was einen guten Text ausmacht. Bei einer Textdiskussion kann es jedoch nicht allein darum gehen, dem fremden Text die eigene Vorstellung aufpfropfen zu wollen, denn wenn ein Science Fiction-Autor, jemand, der experimentelle Lyrik schreibt und eine ChickLit-Autorin aufeinandertreffen, ist die Schnittmenge ihrer individuellen Qualitätsvorstellungen wohl gering. Vielmehr geht es darum herauszufinden, was dieser Text zu sein beabsichtigt, nach welchen Regeln er funktioniert, um dann zu ergründen, wie gut das gelingt und wo es hakt.

Faire Kritik

Eine faire Kritik streicht immer auch das Positive am Text heraus. Einen Text ohne jeden positiven Kern gibt es überhaupt nicht. Manchmal ist er stark unterentwickelt, aber existent ist er, und das sollte auch laut gesagt werden.

Die Meinung des Kritikers sollte als Ich-Botschaft verkündet werden, schließlich kann ein Kritiker keine universelle Wahrheit aussprechen, sondern immer nur von seinen eigenen Eindrücken ausgehen. Also nicht: „Der Absatz ist nicht spannend.", sondern „Ich empfinde diesen Absatz als nicht spannend."

Diese Ich-Botschaft wäre schon mal nicht schlecht, ist aber noch unzulänglich, denn es fehlt der konkrete Beleg. Der Kritiker sollte immer eine Begründung mitliefern, direkt am Text festmachen, wie er zu seiner Meinung kommt.

Dazu kann man Wege vorschlagen, um die Textstelle zu verbessern. Wichtig ist dabei jedoch, dass sich alle Beteiligten jederzeit bewusst sind, dass zwar Meinungen und Eindrücke geschildert und begründet werden, dass jedoch allein der Autor anschließend entscheidet, welche er bei der Überarbeitung aufgreifen wird und welche ihm nicht einleuchten.

Die Diskussion diskutieren

Um von vornherein für ein gutes Arbeitsklima zu sorgen, sollte eine Schreibgruppe sich die Zeit nehmen, gemeinsam zu besprechen, wie eine Textdiskussion ablaufen soll. Dabei kann man auch all die Punkte zusammen tragen, auf die man bei der Textkritik ein Auge haben möchte. Zu überlegen wäre zudem die Frage, ob der Autor mitdiskutieren darf oder den Mund zu halten hat. Beides hat Vor- und Nachteile: Lässt man den Autor mitreden, läuft man Gefahr, dass er erschöpfend erläutert, was er eigentlich sagen wollte. Heißt man ihn schweigen, fühlt er sich der Kritik gegenüber ausgeliefert und nimmt sie weniger offen entgegen. Es kann ein Gewinn sein, wenn der Autor sagt, was er mit einer Szene, die misslungen ist, eigentlich wollte, damit gemeinsam Lösungsvorschläge entwickelt werden können, es kann aber auch gut sein, ohne den Autor zu beachten, nur auf das zu schauen, was der Text anbietet, denn manches, was im Text angelegt ist, wird der Autor in seiner Betriebsblindheit gar nicht bemerken.

Des Weiteren kann man entscheiden, ob man jemanden zum Protokollanten bestimmt, der alle Kommentare zum Text mitschreibt. Erfahrungsgemäß notieren Autoren die Meinungen zum Text nicht, die ihnen nicht behagen, deswegen ist dafür eine neutrale Person sinnvoll.

Geht man mit Bedacht vor, kann man für jeden Autor das Optimum aus einer Textbesprechung rausholen - ohne Agressionen zu schüren.

Pia Helfferich, Pia Helfferich

Pia Helfferich - Pia Helfferich ist Autorin und schreibt nebenher Rezensionen und Artikel für die Zeitschriften Federwelt, TextArt und Buchkultur. Sie ...

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