In diesem Artikel sollen die an anderer Stelle angerissenen Gedanken über das Verhältnis zwischen Charlotte von Stein und Johann Wolfgang Goethe näher ausgeführt werden.
Über die Seelenverwandtschaft zwischen Charlotte und Goethe
Zahlreiche Gedichte wie etwa die Widmung „Warum gabst du uns die tiefen Blicke“ weisen auf den Zwiespalt hin.
Warum gabst du uns die tiefen Blicke
(Auszug, 1. Strophe)
Warum gabst du uns die tiefen Blicke,
unsre Zukunft ahndungsvoll zu schaun,
unsrer Liebe, unsrem Erdenglücke
wähnend selig nimmer hinzutraun?
Warum gabst uns, Schicksal, die Gefühle,
uns einander in das Herz zu sehn,
um durch all die seltenen Gewühle
unser wahr Verhältnis auszuspähn?
Einerseits kommt die Seelenverwandtschaft zur Sprache, gleichzeitig jedoch auch ein klagender Ton über die Beschränkung, die Grenzen dieser Beziehung, die Frau von Stein von Beginn auf den außersexuellen, rein geistigen Bereich gegrenzt. Andere lyrische Stücken wie „Gewiß, ich wäre schon so ferne, ferne“ unterstreichen die unschätzbare Bedeutung von Frau von Stein, das Existenzielle dieser Bekanntschaft für Goethe. Nur durch ihre Zuwendung sieht er sich in die Lage versetzt sich selbst zu erkennen, über seine Bestimmung zum Dichterdasein sich klar zu werden. Sicherlich ist dieses geistige Sammeln, die Gewissheit über die eigene Bestimmung ein Punkt, den man Wilhelm auch zuschreiben kann, da er durch Natalies Nähe realisiert, dass seine Zukunft darin liegt als integrer Teil für die Gemeinschaft zu wirken. Vorbild ist in gewisser Weise auch Natalie mit ihrer karitativen Beschäftigung.
Die Sehnsucht Goethes nach unerfüllbarer Liebe
Die Widmungen „Nachtgedanken“ und „An Lida“ geben die Liebe und Ausrichtung Goethes auf Frau von Stein wieder und lassen eine gewisse Sehnsucht nach Unerfüllbarem erahnen, doch es blieb wohl bei der geistigen Beziehung.
"Nachtgedanken"
Euch bedaur' ich, unglücksel'ge Sterne,
Die ihr schön seid und so herrlich scheinet,
Dem bedrängten Schiffer gerne leuchtet,
Unbelohnt von Göttern und von Menschen:
Denn ihr liebt nicht, kanntet nie die Liebe!
Unaufhaltsam führen ew'ge Stunden
Eure Reihen durch den weiten Himmel.
Welche Reise habt ihr schon vollendet,
Seit ich, weilend in dem Arm der Liebsten,
Euer und der Mitternacht vergessen!
"An Lida"
Den Einzigen, Lida, welchen du lieben kannst,
Forderst du ganz für dich, und mit Recht.
Auch ist er einzig dein:
Denn seit ich von dir bin,
Scheint mir des schnellstens Lebens
Lärmende Bewegung
Nur ein leichter Flor, durch den ich deine Gestalt
Immerfort wie in Wolken erblicke:
Sie leuchtet mir freundlich und treu,
Wie durch des Nordlichts bewegliche Strahlen
Ewige Sterne schimmern.
Den Wert Charlotte von Steins für sein Selbst, das gegenseitige Vertrauen und Sich-Offenbaren betont ebenfalls die Stanze „Für Ewig“.
Denn was der Mensch in seinen Erdeschranken
Von hohem Glück mit Götternamen nennt:
Die Harmonie der Treue, die kein Wanken,
Der Freundschaft, die nicht Zweifelsorge kennt;
Das Licht, das Weisen nur zu einsamen Gedanken,
Das Dichtern nur in schönen Bildern brennt:
Das hatt' ich all, in meinen besten Stunden
In ihr entdeckt und es für mich gefunden.
Wertvoll in diesem Kontext ist sicherlich noch das Lied „An den Mond“, in dem das der verlorenen Liebe nachtrauernde lyrische Subjekt in dem „Rauschen“ des Wassers Trost findet. In der achten und neunten Strophe wird zudem der Wert eines geliebten Menschen, seine Treue und sein Vertrauen gewürdigt. Die unverkennbare Melancholie wird evoziert durch die Gedanken an die Vergänglichkeit, die dem lyrischen Ich den Wert der treuen, bekannten Seele umso teurer erscheinen lassen.
Die erste Begegnung von Charlotte von Stein und Johann Wolfgang Goethe
Sicherlich interessant ist zudem, dass Goethe aber auch sein Abbild Wilhelm ihrer so Geliebten schon vor der unmittelbaren Begegnung durch Zufall begegnen sind. So erhält Goethe einen ersten Eindruck von Charlotte durch ein Abbild ihrer Silhouette, was er fast hellseherisch mit den Worten „[e]s wäre ein herrlich Schauspiel zu sehen, wie die Welt sich in dieser Seele spiegelt. Sie sieht die Welt, wie sie ist, und dort durchs Medium der Liebe. So ist auch Sanftheit der allgemeine Eindruck“ beurteilt. Diese Impression eines warmherzigen, sanften Gegenübers drückt sich auch bei Wilhelm ein, als er die Amazone erblickt, und lässt ihn nicht wieder los, beherrscht vielmehr viele seiner künftigen Gedanken.
Die Italienreise Goethes im Jahre 1786/7
Mit seiner Reise nach Italien bildet sich der klassische Gedanke, geprägt von innerer Ruhe und Ausgewogenheit heraus. Damit kommt Goethe zu Beginn 1790er Jahre seiner inneren Mitte näher. Doch unterzieht er sich einer erneuten Neuorientierung, als er das Dichten ein wenig ruhen lässt und naturwissenschaftliche Studien sich in den Vordergrund drängen. Auch findet er sein privates Glück mit Christiane Vulpius, freilich etwas abseits der Gesellschaft des Weimarer Hofes erfüllt. Wie sehr Goethe Charlotte verbunden war, belegt zudem das „Tagebuch der italienischen Reise“, das ihr persönlich gewidmet ist. An manchen Passagen wird explizit das innige Verhältnis zueinander deutlich, so nennt er sie dort des Öfteren „Geliebte“ und verspürt „Sehnsucht“ nach ihrer Nähe. Außerdem würdigt er kurz bevor er Rom erreicht die letzten zehn Jahre, in denen er sie liebte, und er von ihr geliebt wurde.
Weitere Literaturhinweise und -empfehlungen
- Johann Wolfgang Goethe, Dichtung und Wahrheit, Insel-Verlag 13. Auflage 2000, ISBN: 978-3458318507 (17,50 €)
- Wilhelm Meisters Lehrjahre (Taschenbuch), Reclam Ditzingen 2008; ISBN: 978-3150078266 (11,60 €)
