
- Zu nass zur Raps-Ernte an der Kittendorfer Peene - Foto: Gundula Klämt (28.08.2011)
Ein Gestank von Fäulnis hängt Ende August 2011 inmitten der Mecklenburgischen Seenplatte hier und da in der Luft. Die Kulturlandschaft gleicht einem Patchworkteppich, denn auf den Feldern weit und breit sind Flecken mit stehen gelassenem Raps, Weizen und anderen Halmgetreide zu sehen. An diesen Stellen ist es immer noch viel zu nass. In dem sumpfigen Untergrund wären die schweren Mähdrescher bei der Ernte 2011 im Boden versackt. Nachdem das Wasser nun zurückgegangen ist, kommen vor allem auf den leichten Sandstandorten zudem gravierende Bodenschäden durch schwere Wassererosionen zu Tage.
Kulturlandschaft wie ein Patchworkteppich mit Flecken stehen gebliebenen Getreides
Auf einige lokale Schläge kamen die Landwirte wegen der Überflutungen bislang noch überhaupt nicht herauf, so dass im Bereich der Ostpeene sogar noch überreife Rapsfelder stehen. Dieser Winterraps wächst bereits aus und die Samen keimen aus den Schoten an den Pflanzen heraus. Das mindert Qualität und Ölgehalt. Ebenso ergeht es noch unbefahrbaren Weizenschlägen: Körner laufen an den Pflanzen auf. Auch Grünland in Senken steht mancherorts noch immer ganz und gar unter Wasser. Die entstandenen Kleinen Seenplatten erfreuen nur Gänse und Kiebitze, denn an Schnitte und Grünfutterbergung ist hier nicht zu denken. Zudem sind die überflutet gewesenen Kulturpflanzenbestände in Ufernähe stark mit Schlämmen, Sedimenten sowie toten Fischen verunreinigt und faulen, so dass sie nicht mal mehr als Viehfutter taugen.
Niederschläge im Juli 2011 lagen 320 Prozent über dem Normalwert
Zu Beginn des Monats August 2011 stiegen und stiegen die Pegelstände der Flüsse und Bäche, wie etwa der Peene und Tollense, nachdem der Juli 2011 - dem Staatlichen Amt für Landwirtschaft und Umwelt in Neubrandenburg zufolge - der niederschlagsreichste seit 91 Jahren war, wie das Regionalblatt des “Nordkuriers“ berichtete. Das langjährige Niederschlagsmittel wurde um mehr als das Dreifache überschritten. So erklärt es sich, dass sich auch nicht die Alten an einen solchen verregneten Sommer und solche Hochwasserstände erinnern konnten. Mitte August 2011 waren die Äcker im Nordosten so gesättigt, dass nicht einmal Mähdrescher, die mit Raupen und Zwillingsrädern bereift waren, den Raps und Weizen dreschen konnten. Immer wieder gab es Regen.
Backweizen nur noch als Futterweizen verkäuflich
Die Feldfrüchte büßten mit jedem weiteren Tag andauernder Feuchtigkeit, an dem nicht gedroschen werden konnte, an Qualität ein. Das Brotgetreide keimte unter den feuchtwarmen Witterungsbedingungen unaufhaltsam. Weil dabei Stärke abgebaut wurde, ging die Backqualität verloren und das als hochwertiges Backgetreide vorgesehene Erntegut kann nur noch für Futterzwecke verwendet werden, soweit es überhaupt geborgen werden konnte. Simpler Futterweizen erzielt allerdings viel schlechtere Preise.
Steigende Kosten durch schwierige Ernte, verlängerte Erntekampagne und Trocknung
Störend kam hinzu, dass sich die Ernte 2011 zwischen Rügen und Berlin über zwei Monate hinzog; normalerweise sind Wintergetreide und Ölfrüchte in vier Wochen abgeerntet. Die verlängerten Ernteeinsätze und erschwerten Erntebedingungen des vom Dauerstarkregen heruntergedrückten Lagergetreides auf den durchgeweichten Böden verursachten zusätzliche Kosten. So auch die Trocknung der durchweg mit 20 bis 25 Prozent Wassergehalt viel zu feuchten Körner; ohne Trocknung lagerfähig ist Weizen ab 14,5 Prozent. Summa summarum bleibt den Bauern im Nordosten nach der buchstäblich ins Wasser gefallenen Ernte 2011 unter dem Strich viel weniger als sonst, wenn die gestiegenen Kosten überhaupt mit den mageren Erlösen gedeckt werden können.
Erntebilanz 2011 für Deutschland: weniger Getreide und Raps
Mit einer deutschlandweiten Erntebilanz von 39 Millionen Tonnen Getreide, davon 21 Millionen Tonnen Weizen und 3,7 Millionen Tonnen Raps liegen die Erträge 2011 deutlich unter dem Vorjahresniveau (-12 bzw. -34 Prozent), teilte der Deutsche Bauernverband (DBV) am 25. August 2011 mit. Die Hochwasserschäden und Land-Vernässungen im Norden - in Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, in Teilen Niedersachsens und Brandenburgs - schlugen dabei negativ zu Buche. In Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern konnten bei der Ernte 2011 hingegen normale Erträge und Qualitäten eingefahren werden. Derweil sind die Erzeugerpreise stabil, so der DBV weiter; für Brotweizen lassen sich wie im letzten Jahr 190 Euro pro Tonne erzielen. Für die geringeren Rapsmengen erhalten die Erzeuger im Jahr 2011 sogar 70 Euro mehr als im Vorjahr: 423 Euro pro Tonne. Dennoch kann nur verkauft werden, was vom Feld geholt und zumindest im Norden kostenintensiv getrocknet wurde.
Das Land Mecklenburg-Vorpommern meldet Ausgleichszahlungen bei der EU an
Indes berichtete der „Nordkurier“ am 26. August 2011, dass die Landwirte in Mecklenburg-Vorpommern mit Ausgleichszahlungen für die Ernteausfälle rechnen können. Ein Drittel weniger Raps, Verluste bis 60 Prozent auf leichten Standorten und Futterschäden von 50 Millionen Euro sowie laut Bauernverband über 100 existenzbedrohte Landwirtschaftsbetriebe erfordern finanzielle Hilfe. Auf einer Krisensitzung des Agrarausschusses beschloss der Landtag, die Schäden bei der EU als Folge einer Naturkatastrophe durch den Bund anmelden zu lassen.
Welche Landwirtschaftsbetriebe erhalten Entschädigung für Ernteausfälle?
Bei einer Zustimmung durch die EU müsste Mecklenburg-Vorpommern aus dem Haushalt des Agrarministeriums für den Finanzausgleich aufkommen, hieß es. Aber die in Aussicht gestellten Entschädigungen für betroffene Bauern haben einen Haken: Entschädigungen erhält nur der Betrieb, welcher 2011 aus seiner gesamten Tier- und Pflanzenproduktion mindestens 30 Prozent weniger Erlöse erwirtschaftet als im Durchschnitt der letzten drei Jahre. Da Betriebe der sandigen Ackerstandorte in den zurückliegenden Jahren schlechtere Ernten eingebracht hätten, würden diese keine Ausgleichszahlungen erhalten.
Widrige Aussaatbedingungen sind kein gutes Signal für die Ernte 2012
Die vernässten Äcker Norddeutschlands sorgen dort für schlechte Aussaatbedingungen des Winterrapses und -getreides für die Ernte 2012. Die Böden sind kaum mit der schweren Landtechnik befahrbar und um vorwärts zu kommen, muss mehr Kraftstoff aufgewendet werden. Kein gutes Omen für die nächste Vegetationsperiode. Ob die Überflutungen 2011 im Nordosten einem Jahrhundertereignis oder dem Klimawandel zuzuschreiben sind, werden die nächsten Jahre zeigen.
Quellen:
- Nordkurier im August 2011, z.T. Regionalteil "Mecklenburger Schweiz", insbesondere vom 26.08. 2011
- Deutscher Bauernverband (DBV): Meldung vom 25.08. 2011
