Ulrich Erben-Bilder in Duisburg: Die Kunst, Flächen zu bemalen

Ulrich Erben im MKM, Duisburg, 28.10.11-29.1.12: Spazio, 2011 - Vera Kriebel, 27.10.2011
Ulrich Erben im MKM, Duisburg, 28.10.11-29.1.12: Spazio, 2011 - Vera Kriebel, 27.10.2011
Ausstellung "Ulrich Erben. Lust und Kalkül", Museum Küppersmühle für Moderne Kunst, Duisburg: Werke aus 40 Jahren - Der Schein von klaren Farben und Formen.

Ulrich Erben (*1940) gilt als der wichtigste deutsche Vertreter der Farbfeldmalerei oder auch der „Konkreten Kunst“. Das Museum Küppermühle für Moderne Kunst (MKM) in Duisburg zeigt vom 28. Oktober 2011 bis 29. Januar 2012 beispielhafte Gemälde aus dem Lebenswerk des Künstlers. Und das ist längst nicht so gradlinig, wie dies zunächst scheint.

Was ist konkrete Kunst?

Konkrete Kunst konzentriert sich auf Formen und Farben, Linien und Flächen (und für deren Beziehung und Wirkung zueinander). Oft sind es einfache geometrische Formen wie das Viereck, die einfarbig ausgemalt sind. Konkrete Kunst interessiert sich nicht für die Abbildung der "Wirklichkeit", was ja bis Anfang des 20. Jahrhunderts das hauptsächliche Ziel der bildenden Kunst darstellte, auch abstrahiert sie die Wirklichkeit nicht. Konkrete Kunst schafft also eine rein künstlerische Realität.

Ulrich Erben - so heißt es in den Lehrbüchern - reduziert dafür die Formen in seinen Bildern auf wenige geometrische Grundmuster und eine monochrome Farbigkeit mit feinen Farbabstufungen, wodurch wiederum durch reine Flächen eine räumliche Tiefe erzeugt wird.

Ulrich Erbens weiße Bilder: Die Welt scheint Weiß und Farben

Bekannt wurde Ulrich Erben mit seinen "weißen Bildern" (Fotos siehe unten). Doch die sind gar nicht weiß, zumindest nicht einheitlich weiß. Weiß ist hier nicht das Fehlen von Farbe, sondern ein ganzes Bündel von weißen Farben und Weißtönen (Fotos unten). Weiß sind Farben: Erscheint auf den ersten Blick das Bild als eine fast monochrome (einfarbige) Fläche mit kaum unterscheidbaren Nuancen, so wird auf den zweiten Blick klar, dass es völlig unterschiedliche Weiß-Farben sind, die dort leuchten.

Farbe ist hier Eindruck, der unsere Wahrnehmung täuscht, die Sinne beunruhigt. Farben werden durch Oberflächen gebildet. Auch die weißen. So hebt sich die unbehandelte "weiße" Leinwand als Rahmen vom grob gepinselten Weiß des inneren Rechtecks ab.

Ulrich Erben: Die Farbe als Schein

Andere Werke Ulrich Erbens kombinieren bunte, starkfarbige Flächen, wie bei den "weißen Bildern" teilweise kontrastreich, teilweise mit nur schwach unterschiedlichen Farbtönen nebeneinander, so verschiedene Brauntöne, die erst als einzige, völlig homogene Braun-Fläche wirken, bei näherem Hinschauen aber irritierend verschieden sind und in ihrem Nebeneinander regelrecht blenden (diese Bildgestaltung ist von neueren Künstlern übrigens wieder aufgenommen worden, zum Beispiel kombiniert mit irritierenden Worten wie bei Remy Zaugg "EINEN APFEL ANSCHAUEN-EIN BILD VERDAUEN").

Auch die eigens für die Duisburger Schau gestalteten Wandbilder ("Silencio", "Spazio") wirken auf den ersten Blick wie eine konsequente Fortsetzung der "weißen Bilder", auf den zweiten sind sie völlig anders: das Grau ist fast ein Silber, und sind die geometrischen Formen darinnen wirklich so weiß wie die normalen Wände im Ausstellungssaal?

Ulrich Erbens Farbfelder ohne reine Farben

Die Farben und Farbflächen Erbens sind zudem gar nicht monochrom - mal mehr, mal weniger deutlich lassen sich der Pinselstrich und mit ihm tiefere oder hellere Partien innerhalb der Flächen erkennen. Und die Konturstriche verlaufen nicht unbedingt auf der Grenze der Flächen, begrenzen diese nicht, sondern führen wild und ungebändigt auch in sie hinein (oder anders ausgedrückt: die Farbe wurde nicht sauber innerhalb der Konturen aufgetragen, sondern streicht über sie hinaus). Die Flächen sind gar keine Flächen, denn Erben spielt mit der Unebenheit, die sich durch fehlenden bis dicken Farbauftrag ergibt.

Die klare Form trügt bei Ulrich Erben

Noch etwas ist bei den beiden Duisburger Wandgemälden anders als in früheren Werken: dort waren es rechteckige Flächen, die durch Farbe oder Konturen geschieden waren, mal eher quadratisch, mal eher ein breiter oder schmaler Streifen. 2011 sind es definitiv keine Rechtecke, sondern unregelmäßige Vielecke, manchmal sogar mit geschwungenen Kanten.

Auch hier gilt aber Vorsicht vor einem schnellen Urteil: ein zweiter Blick auf die früheren Werke zeigt - auch damals waren es gar keine Rechtecke und geraden Flächen und Streifen. Die Kanten sind dort häufig zittrig, manchmal sogar zerlaufen, die Winkel selten 90 Grad. Zugleich macht aber diese Malweise Grob-Strukturen von Farben und Formen augenscheinlich, analysiert sie gerade dadurch, dass sie sie nicht exakt abbildet.

Was auf den ersten Blick also als ordentliches Bemalen einfachster geometrischer Flächen wirkt, entpuppt sich als äußerst vielgestaltig und geometrisch fast nicht zu beschreiben. Die viel gerühmte Präzision von Ulrich Erben - sie ist der trügerischen oberflächlichen Wahrnehmung geschuldet. Was zuerst wie gerade Streifen und einfache Rechtecke aussieht, erweist sich bei näherem Hinsehen als mitnichten gerade oder rechteckig.

Ulrich Erben: Rebellion gegen das Einfache, Reine, Ordentliche

Das heißt: Nichts ist es mit den klaren, reinen, "präzisen Farbräumen", die der Leiter des Museums MKM Walter Smerling so sehr an Erbens Werken bewundert und das Ulrich Erben nach eigenen Angaben in seiner Arbeit sieht: "Ich bin ein ausgesprochen chaotischer Typ ... Alles, was mit Ordnung zusammenhängt, findet primär in meiner Arbeit statt" (siehe Interview im Katalog zur Ausstellung).

Denn: Allen seinen Bildern haftet etwas Unordentliches, Skizzenhaftes, Unbestimmtes, Unscharfes, bewusst Unperfektes und manchen auch Ungestümes an.

In vielen Arbeiten nicht nur der letzten Jahre wird dies sehr deutlich (zum Beispiel bei "Großes Exterieur" von 1983 oder bei "Präsenz Blau", siehe Foto unten): Das geometrische, exakte Farbfeldmalen ist aufgegeben, wirr mutet der Pinselstrich an, in den Flächen sind willkürlich Lücken, die Farben laufen aus wie die Formen, Ungeduld herrscht im Bild. Es ist eine feine Rebellion gegen das Gerade, gegen klare Farben und Formen, die hier nur noch Illusion oder vielleicht auch Vision sind.

Infos zu "Ulrich Erben - Lust und Kalkül, Malerei aus fünf Jahrzehnten"

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Vera Kriebel - Themen: u.a. Wirtschaft, Technik, Literatur, Reisen, IuK, Politik, Kultur, Geistes- und Sozialwissenschaften Texte, Recherchen, ...

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