
- Marion Gräfin Dönhoff / Carl Jakob Burckhardt - Hoffmann & Campe
Briefwechsel sind Reisen in die Vergangenheit. Zumeist von bekannter Hand verfasst, gewähren sie einen Einblick in die geistige Intimsphäre des Autors. Gleichzeitig ist der Brief heute selbst zu einem Bestandteil der Geschichte geworden. Als Mittel der Reflexion und Selbstversicherung hat er an Bedeutung verloren. Sein bürgerlicher Bildungsanspruch, die Vertrautheit zwischen dem Verfasser und dem Empfänger, die Bereitschaft zur Seelenverwandtschaft erfordern eine Distanz zum Alltag, die heute kaum mehr möglich scheint. Dieser Anspruch bezieht auch den Leser dieser Briefwechsel mit ein. Er gibt ihm die Chance, zu einem Vertrauten, manchmal sogar Komplizen werden. Briefe eröffnen die Möglichkeit, Menschen jenseits ihrer öffentlichen Präsenz kennen zu lernen. Die Korrespondenz zwischen Marion Gräfin Dönhoff und Carl Jacob Burckhardt ist eine solche Einladung. Das nur vertraut ausgesprochene Wort, die persönliche Einschätzung gegenüber dem Freund, aber auch der Wunsch am Leben des anderen teilzuhaben charakterisieren diesen Briefwechsel.
Dönhoff und Burckhardt: Begegnung in schwierigen Zeiten
Marion Gräfin Dönhoff und Carl Jacob Burckhardt sind, oder vielmehr waren Personen der Zeitgeschichte. Ihre Lebensläufe waren außergewöhnlich und durchaus schicksalshaft. Vertreibung und Krieg prägten diese Beziehung ebenso wie das Interesse an Politik und Geschichte. Beide um die Jahrhundertwende geboren, wenn auch mit erheblichen zeitlichen Abstand, waren Zeugen einer bereits zu ihrer Lebenszeit untergegangen Welt.
Burckhardt, der ältere von beiden, erlebte das Jahrhundert der Weltkriege von Beginn an. 1891 in der Schweiz geboren, wuchs Burckhardt in bürgerlichen Verhältnissen auf und wendete sich nach dem Ende des I. Weltkrieges zunächst der Diplomatie und dann der Wissenschaft zu. Zwischen 1918 und 1949 pendelte Burckhardts Leben zwischen diesen beiden Ebenen. Als Vertreter des IKRK (Internationale Komitee des roten Kreuzes) und vor allem als Hoher Kommissar der "Freistadt Danzig" wurde er immer wieder mit den Folgen der Weltkriege und des Versailler Vertrages konfrontiert. Burckhardts Freundschaft zu Marion Gräfin Dönhoff datiert auf den Beginn der zwanziger Jahre, in denen die spätere "Grand Dame" der ZEIT in der Schweiz studierte. Umfassend gebildet und selbst Vertreterin des „Alten Europa“ entspann sich zwischen der Gutsverwalterin und dem schweizer "Homme de lettre" eine jahrzehntelange Freundschaft.
Das Gut der Dönhoffs in Ostpreußen
Vom Untergang der bürgerlichen Zivilgesellschaft und den Wirren der Zwischenkriegszeit geprägt, wurde das Verhältnis der beiden von Beginn an durch eine sehr nachdenkliche Tonlage bestimmt. Seine Arbeit als Hochkommissar in Danzig ermöglichte es Burckhardt bis 1939, engen Kontakt zu dem Gut der Dönhöffs in Ostpreußen zu halten. Besuche auf Schloss Friedrichstein, gemeinsame Jagdausflüge und Naturerfahrungen sowie eine gemeinsame Wertschätzung Preußens schufen ein Fundament, das Krieg und Vertreibung überdauerte.
Dönhoff: Herausgeberin der ZEIT
Der nun veröffentlichte Briefwechsel spart diese Zeit aus. Flucht und Vertreibung, Dönhoffs "Ritt nach Westen" hat auch literarische Lücken hinterlassen. Die Briefe der Vorkriegszeit gingen größtenteils verloren. Erhalten und nun publiziert ist die Korrespondenz zwischen 1952 und 1974. In ihren Briefen schreiben sich, vor allem für Burckhardt trifft dies zu, zwei aus ihrer Zeit Vertriebene. Eine Feststellung, die vor allem im Hinblick auf Dönhoffs publizistisches Engagement überrascht. Die kritische ZEIT-Redakteurin (erst 1973 wurde sie Mitherausgeberin der ZEIT), deren ostpolitisches Credo immer wieder auch in den Briefen an Burckhardt aufblitzt, offenbart dem Leser neben allem politischen Interesse auch eine durchaus kulturpessimistische Seite. Vor allem in den frühen Jahren der Nachkriegszeit wirkt der Wundschmerz der verlorenen Heimat und des damit verbunden Lebens nach.
Die notwendige Annäherung an die bürgerliche, geschäftige Welt erzeugt Reibungsverluste, die immer wieder in den Briefen in die Schweiz thematisiert werden. Neben die Schilderung der redaktionellen Grabenkriege und der Hoffnung auf Entspannung in den politischen Ost-West Beziehungen, tritt der publizistische Wunsch, zwischen Politik und Geschichte eine Brücke zu schlagen. Burckhardt, ihr alter ego, ergänzt und unterstützt diese Bemühungen durch literarische und journalistische Beiträge. Dennoch: Unterschiede bleiben sichtbar. Als Autor, aber auch als kongenialer Brieffreund bevorzugt Burckhardt konservativere Perspektiven. Frankophiler und damit gaullistischer als Dönhoff, bleibt Burckhardt gegenüber der transatlantischen Nachkriegsordnung skeptisch. Dessen ungeachtet stellen vor allem die Erfahrungen des alternden Diplomaten und gefragten Historikers für Dönhoff ein Refugium dar, in dem sie jenseits des Alltagsgeschäfts intellektuelle Selbstbestätigung und menschlichen Zuspruch findet. Trotz der Altersdifferenz von beinahe 20 Jahren und den sicherlich daraus erklärbaren Unterschieden in der politischen Bewertung, atmen die Briefe eine tief empfundene Wärme. Persönliche Wertschätzung und Zuneigung schaffen ein Klima, in dem der intellektuelle Meinungsaustausch zwanglos und ohne persönlichen Sendungsauftrag stattfindet. Auch das sicher ein Relikt aus vergangener Zeit.
Ulrich Schlie (Herausgeber): Marion Gräfin Dönhoff und Carl Jackob Burckhardt: "Mehr als ich Dir jemals werde erzählen können" – Ein Briefwechsel. Hoffman und Campe 2008. Gebunden, 384 Seiten. Euro 22,00.
