
- Pius IX. - n.bek.
Ultramontanismus bezeichnet eine im Katholizismus des 19. Jahrhunderts, insbesondere während des Pontifikats Pius IX. (1848- 78), vorherrschende kirchenpolitische Richtung, deren Hauptmerkmale Zentralismus und Antimodernismus waren. Wie bereits der im späten 18. Jahrhundert entstandene Begriff selbst suggeriert (ultra montes = lat. wörtl. jenseits der Berge, d.h. der Alpen) verstand der Ultramontanismus den Katholizismus als romzentrierte Papstkirche. Damit verbunden war eine Absage an nationalkirchliche Bestrebungen, an die Autonomie der Bischöfe und an jegliche Einflussnahme des Staates auf kirchliche Belange. Dies gipfelte im Ersten Vatikanischen Konzil (1870) im Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit in Glaubensfragen. In der Lehre bekämpfte der Ultramontanismus, zumeist gestützt auf den Jesuitenorden, jeglichen „Modernismus“ innerhalb und außerhalb der Kirche. Der Syllabus Errorum von 1864 verurteile Liberalismus, Sozialismus, Rationalismus, Atheismus und Säkularisierung als Zeitirrtümer. Die Neuscholastik wurde gegen die zumeist progressivere Universitätstheologie in Stellung gebracht. Als sich nach der Jahrhundertwende im katholischen Bildungsbürgertum zunehmend Unmut über den wissenschaftsfeindlichen Kurs des Vatikan breit machte, erneuerte dieser seinen radikalen Antimodernismus 1907 im Dekret „Lamentabili“ und der Enzyklika „Pascendi“. 1910 verlangte er von allen Priestern die Unterzeichnung eines „Antimodernisteneids“.
Antimodernismus mit modernen Mitteln
Die Geschichte des Ultramontanismus erschöpft sich jedoch nicht in restriktiven Maßregeln „von oben“. Bei seiner Verbreitung setzte der Ultramontanismus auf höchst moderne Mittel wie die Gründung von Zeitungen, Zeitschriften, Vereinen, Verbänden, Parteien, die vom niederen Klerus und Laien getragen wurden und in vielen europäischen Ländern erfolgreich ein katholisches Sozialmilieu zusammen schweißten. Die Verpflichtung auf Zentralismus und Antimodernismus ging mit einer Vielzahl von Feindbildkonstruktionen einher, die zu einer scharfen Abgrenzung gegenüber Protestantismus, Judentum, Alt- und Reformkatholizismus im religiösen Bereich sowie gegenüber Liberalismus und Sozialismus im weltlichen Bereich führten. Als geheime Hintermänner der verhassten Moderne wurden zumeist Freimaurer und Juden ausgemacht. Auch in der ultramontanen Volksfrömmigkeit (Papstdevotion, Wallfahrten, Maria- und Herz- Jesu- Kult) wurden antimoderne Inhalte mit modernen Medien verknüpft. Im Vordergrund stand hier der Sühnegedanke innerhalb einer religions- und kirchenfern gewordenen Welt.
Demokratie, Fundamentalismus oder Milieuorientierung?
In der Ausmanövrierung des Episkopats gegenüber niederem Klerus und Laien lag ein demokratisierendes Element des Ultramontanismus, das allerdings durch den Antimodernismus konterkariert wurde. Dieser weist zwar Merkmale eines religiösen Fundamentalismus auf, blieb aber in der Wahl der politischen Mittel modern und pragmatisch. Soziologisch betrachtet war der Ultramontanismus eine Defensivreaktion auf den Bedeutungsverlust der Kirche in Staat und Gesellschaft – eine Entwicklung, die den Zeitgenossen durch die Auflösung des Kirchenstaats 1870 besonders drastisch vor Augen geführt wurde. In Deutschland setzte sich der Ultramontanismus zur Zeit des Kulturkampfs endgültig innerhalb des Katholizismus durch, es ist jedoch umstritten, welche praktischen Folgen dies hatte. Entgegen der Ansicht des liberalen und nationalistischen Antiultramontanismus war der politische Katholizismus weniger ein Befehlsempfänger der römischen Zentrale, als eine Interessenvertretung des katholischen Sozialmilieus gegenüber dem preußisch- protestantischen Nationalstaat. In überwiegend katholischen Ländern wirkte der Ultramontanismus dagegen eher nach Innen zur Abwehr von Laizismus und rivalisierenden kirchenpolitischen Strömungen. Seit den 1960er Jahren hat der Ultramontanismus erheblich an Einfluss verloren. Das Zweite Vatikanische Konzil relativierte vor allem den Totalitätsanspruch und den Antimodernismus, ohne allerdings den Zentralismus der Papstkirche ganz aufzugeben. Als bedeutender für den Niedergang des Ultramontanismus dürfte die bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts zu beobachtende Schrumpfung des katholischen Sozialmilieus einzuschätzen sein.
Begriff Ultramontanismus
Der Begriff Ultramontanismus ist von katholischen und protestantischen Kritikern einer zentralistischen und antimodernen Kirchenpolitik geprägt worden. Ihm haftete lange Zeit eine abschätzige Konnotation an, und er war nie eine Selbstbezeichnung der Vertreter einer entsprechenden Politik. Im Vatikan sprach man vorzugsweise von Integralismus. In der Forschung, sogar unter katholischen Kirchenhistorikern, hat sich aber mittlerweile Ultramontanismus als wertfreier Begriff etabliert.
Literatur
Buchheim, Karl, Ultramontanismus und Demokratie. Der Weg der deutschen Katholiken im 19. Jahrhundert, München 1963.
Busch, Norbert, Katholische Frömmigkeit und Moderne. Zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte des Herz- Jesu- Kultes zwischen Kulturkampf und Erstem Weltkrieg, Gütersloh 1997.
Fleckstein, Gisela/ Schmiedl, Joachim (Hg.), Ultramontanismus. Tendenzen der Forschung, Paderborn 2005.
Götz von Olenhusen, Irmtraud, Klerus und abweichendes Verhalten. Zur Sozialgeschichte katholischer Priester im 19. Jahrhundert, Göttingen 1994.
Mergel, Thomas, Ultramontanism, liberalism, modernism. Political mentalities and political behaviour of the German Catholic Bürgertum, in: Central European History 29 (1996), S. 151-174.
Pottmeyer, Hermann Josef, Unfehlbarkeit und Souveränität. Die päpstliche Unfehlbarkeit im System der ultramontanen Ekklesiologie des 19. Jahrhunderts, Mainz 1975.
Schatz, Klaus, Ultramontanismus, in: Lexikon für Theologie und Kirche 10 (2001), Sp. 360-362.
Unterburger, Klaus, Ultramontanismus, in: Religion in Geschichte und Gegenwart 8 (2005), Sp. 705-708.
