Ultraorthodoxie – eine von verschiedenen Strömungen im Judentum

Ausstellungskatalog kölnisches Stadtmuseum 1963 - Henry Maitek
Ausstellungskatalog kölnisches Stadtmuseum 1963 - Henry Maitek
Für Außenstehende ist es nicht leicht, die Hauptströmungen innerhalb des Judentums und ihre diversen Untergruppen zu unterscheiden.

Der Begriff Judentum beinhaltet nicht nur den Glauben des jüdischen Volkes sondern auch seine Kultur und Geschichte. Durch die weltweite Zerstreuung der Juden entwickelten sich - geographisch und kulturell bedingt - zwei Gruppen. Die Aschkenasim im mittel- und osteuropäischen Bereich und die Sephardim im spanisch-portugiesischen Bereich. Zu ihnen werden vielfach auch die orientalischen Juden gezählt.

Die geistige Grundlage des Judentums

Das Fundament des jüdischen Glaubens und der jüdischen Tradition bilden die fünf Bücher Mose der Hebräischen Bibel, die Thora. Sie enthalten, eingebettet in die Geschichte des Volkes Israel, die 613 Gesetze, die Mose auf dem Berg Sinai empfangen hat. Die richtige und zeitgemäße Auslegung dieser Gebote und Verbote und die Auseinandersetzung um deren richtige und zeitgemäße Auslegung ist in der 'Halacha' festgehalten. Halacha leitet sich ab von dem hebräischen Verb haloch und bedeutet gehen oder wandeln. Sie ist Richtschnur für den Lebensinhalt und die gesamt Lebensführung der Juden und gilt sowohl für den religiösen als auch für den säkularen Bereich.

Das Reformjudentum

Im Zuge der Aufklärung und Emanzipation im neunzehnten Jahrhundert begannen auch viele Juden, die Bibel nicht mehr als von Gott selbst geschrieben anzusehen, sondern als schriftliches Zeugnis 'göttlich inspirierter' Menschen. Diese Sichtweise führte zu einer differenzierten Auffassung der halachischen Gesetze. So werden die Ritualgesetze, etwa die Unterscheidung zwischen rein und unrein (koscher und treifje) oder die Begehung der Festtage, als weniger bindend angesehen als die ethischen, die im weitesten Sinn die Mitmenschlichkeit umfassen. Diese 'Reformjuden' führten auch Änderungen im Gottesdienst ein, etwa die Predigt in der Landessprache. Sie nahmen am öffentlichen Leben teil. Diejenigen Juden, die diese Veränderungen ablehnten, weil sie dem Geist der Thora widersprächen, und bei der traditionellen Auffassung der Thora und der Halacha blieben, wurden seitdem orthodox (rechtgläubig) genannt.

Das orthodoxe Judentum

Zum orthodoxen Judentum werden verschiedene Strömungen gezählt. Neben dem Chassidismus, der eine mystische Komponente hat, und der Neo-Orthodoxie, die eine stärkere Rückbesinnung auf die Einhaltung der Gebote anstrebt, macht zur Zeit vor allem die Ultra-Orthodoxie auf sich aufmerksam. Die ultraorthodoxen Juden pflegen die völlige Hingabe an Gott und die wörtliche Befolgung der Gesetze der Halacha. Jedes der 613 Gebote und Verbote der Thora in der Auslegung der Halacha ist nach ihrer Ansicht bindend. Die meisten orthodoxen Juden lehnten die politisch-religiöse Bewegung des Theodor Herzl, die zum Ziel hatte, einen jüdischen Nationalstaat zu gründen, und die seit 1890 zionistisch genannt wurde, lange Zeit als weltlich ab. Doch angesichts der Sho'ah änderten sie ihre Haltung zu dieser Idee. Viele setzten nach der Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 ihre Hoffnung auf ein Leben ohne Antisemitismus und Angst in dem Land, das ihnen nach der biblischen Überlieferung von Gott verheißen war. Die orthodoxen Juden in Israel leben in der Regel zwar nach den Gesetzen der Halacha, aber weitgehend in Einklang mit der übrigen Bevölkerung. Trotz der säkularen Verfassung des Staates haben sie großen Einfluss auf das allgemeine Leben in Israel. Ihre Rabbiner können rechtsgültige Ehen schließen. Ihnen obliegt die Entscheidung darüber, wer Jude ist. Das bedeutet auch, dass sie mit darüber entscheiden, wer einwandern darf.

Das ultraorthodoxe Judentum

Die Ultra-Orthodoxen stellen mit etwa 700.000 neun bis zehn Prozent der israelischen Bevölkerung. Vor allem im Jerusalemer Bezirk Mea Sharim und in dem Städtchen Beit Shem lebt ein Großteil von ihnen. Sie bestimmen dort das Straßenbild sowohl durch ihre Kleidung als auch durch die Beschilderung, die auf die Geschlechtertrennung auf den Gehsteigen hinweist. Obwohl der weltliche Staat ihrer Ansicht nach der Ankunft des Messias vorgreife und der Thora widerspreche, beteiligen sie sich an nationalen Wahlen, um in der Knesset Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen zu können.

Die Radikalisierung der Ultraorthodoxen

In den Medien wird aktuell von einer zunehmenden Radikalisierung und Aggressivität vor allem jugendlicher Ultraorthodoxer berichtet. Aufmerksam wurde die Öffentlichkeit vor allem, als über Ausschreitungen einem achtjährigen Mädchen gegenüber berichtet wurde. Seitdem formiert sich der Widerstand der säkularen und liberalen Kräfte in Israel gegen die fundamentalistischen Umtriebe energischer und scheint die Regierung dazu zu zwingen, den ultraorthodoxen Fundamentalisten Grenzen zu setzen.

Die Berichterstattung wird allerdings dadurch erschwert, dass es für Außenstehende sehr schwer ist, die verschiedenen Splittergruppen der jüdischen Orthodoxie auseinander zu halten. Es besteht daher die Gefahr, dass alle orthodoxen Splittergruppen, auch die durchaus friedlichen, für die Ausschreitungen der ultraorthodoxen Fundamentalisten haftbar gemacht werden.

Quellen:

Julius H. Schoeps: Neues Lexikon des Judentums. Gütersloh, 2000

Zeit online vom 29.12.2011

Paul Spiegel: “Was ist Koscher?“. Ullstein, 2003

Hubertus Halbfas: Religionsunterricht in Sekundarschulen – Lehrerhandbuch 5. Patmos, 1992

Renate Bernhagen, Marlies Adams

Renate Bernhagen - Ruhestand in Berlin. Berlin ist meine Heimatstadt, und nach einer langen Zeit der Berufs- und Ortswechsel bin ich wieder zu Hause. Als ...

rss