Unbekannte Menschheiten im Freibad

Hier liegt die Nation und hat nichts mehr zu verlieren

Ernst Augustins Roman „Die Schule der Nackten" berichtet von der gnadenlos erotischen Welt der Liegewiese

Das wahre Leben spielt hinterm Bretterzaun, in der Zone der Nacktbader. Schonungslos und offen entblößt Ernst Augustin in seinem Roman „Die Schule der Nackten“ ein ganzes Volk in den engen Grenzen der Liegewiese des Jakobibades zu München. Sozusagen liegt die Nation da, wo sie nichts mehr zu verlieren hat als ihren nackten Stolz. Nur wer es geschafft hat bis zu den besten Plätzen nah am Wasser, gilt hier noch etwas. Hier werden weithin schlenkernde oder eben „zusammengeschnurrte“ Genitale gezeigt und wollen gesehen werden, „ungeheure Prügel, fürchterliche Hämmer“. Hier tauchen, so teilt es uns die Beobachtungssucht des argwöhnenden Autors mit, „Menschheiten auf, die bis dahin unbekannt waren“.

Ernst Augustin lässt uns mit seinem Buch souverän in die Rolle des Jakobibadbesuchers schlüpfen. Ja, schlüpfrig geht es dabei zu, doch was bitte haben wir heute so zu definieren? Hier, unter dem unbarmherzig klaren Münchner Himmel, begegnen wir mit schönster Selbstverständlichkeit allen: dem Mann mit dem halben Meter langen Glied, Spannern, Leuten, die gar nichts haben, dem „quadratischen Menschen“ als solchen, schönen „Weibslandschaften“ oder älteren Herrschaften, die „schwimmen wie Kanus aus Bisonleder“, braun und zäh und gewalkt. Die Entwicklung der Menschheit breitet Augustin vor uns aus: vom Urzustand bis zu den zementierten Besitzständen an der Wasserfront.

Juliane, die Schönhüftige

Der alles das aus der Handtuchperspektive hautnah erleben darf, ist Alexander, Althistoriker mit dem Spezialgebiet vorderasiatische Frühkulturen, dem gerade die Freundin weggelaufen ist und der nicht nur deshalb in seiner durchgehend moosgrün eingerichteten Wohnung resignierend über das Leben nachdenkt. Wie erbauend und erfrischend kann da dieser kleine, beschränkte Raum zwischen Zaun und Uferzone sein, so vollgestopft er auch sein mag mit Leibern, Schamhaaren und Geschlechtsorganen. Die Damenwelt hält unserem Helden natürlich diesen oder jenen Platz neben sich frei. Der jedoch mag statt des Anblicks schöner junger Mädchen eher Körper, „die eine Geschichte zu erzählen haben“. Was wiederum im Falle von Juliane, der Schönhüftigen, nicht zwangsläufig ein gutes Ende nimmt.

Die Schlangenkraft des Pradhi Rama

Alexander muss sich im Laufe des Geschehens erst gegen die Tantraspielereien der Geliebten in ihrer freizügigen Reihenhauswohnung wappnen, ehe der Pradhi Rama mit dem „wachsenden Glied“ den Frauen in seinem Seminar die Schlangenkraft angedeihen lässt, wo es nur geht. Erst ein Nachmittag am heißen Meeresstrand – im dunkelblau gestrichenen, grell beleuchteten und mit Zentnern von Vogelsand ausgestreuten Zimmer der Alexanderschen Wohnung – entreißt die Schöne den Fängen der massierenden, gierigen Tantrameister. Doch trotz aller aus der Eifersucht herrührenden Tötungsambitionen muss niemand Angst haben: So wie den imaginären Untergang der Menschheit im Jakobibad beschreibt Augustin auch die nicht ganz selbstlosen Sexexzesse im Tantraseminar satirisch leicht.

Ernst Augustin, Die Schule der Nackten, Verlag C. H. Beck 2003, 255 Seiten, ISBN 3-406-50968-1, 19,90 €

Sven Bernitt, Stephanie Taubert

Sven Bernitt - Sven Bernitt ist seit 2002 unabhängiger Buchhändler in Dresden (www.leselust-dresden.de) und war einige Jahre Journalist in ...

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