Rezension: Paul Lendvais "Mein verspieltes Land"

Cover  - (c) Ecowin
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Paul Lendvais Buch analysiert die Gründe des Aufstiegs der rechten Fidesz-Partei Viktor Orbáns im post-kommunistischen Ungarn.

Ungarn im Umbruch - vom Schrittmacher zum Krisenherd: Was ist zwischen 1990 und 2010 in Ungarn geschehen? Wie wurde das Land, das in den siebziger und achtziger Jahren als Bahnbrecher unter den Reformern der kommunistischen Welt, als Schrittmacher des Wirtschaftsumbaues und als Hort der kleinen Freiheiten betrachtet worden war, zum Krisenherd Mitteleuropas? Warum wurde Ungarn zum wirtschaftlichen Krisenherd und zugleich zum Hoffnungsträger einer starken rechtsradikalen Partei?

Dies sind die zentralen Punkte, denen Paul Lendvai in seinem Buch „Mein verspieltes Land“ nachgeht. Seine Analyse der überwältigenden Mehrheit der stramm nationalistischen „Fidesz“-Partei und der rechtsradikalen „Jobbik“ bei den Wahlen im März 2010, beginnt er bei der blutig nieder geschlagenen ungarischen Revolution 1956 und der darauf folgenden Konsolidierung der Kádár-Regierung.

János Kádár und der „Homo Kádáricus“: laxer Kommunismus und wirtschaftliche Freiheiten

János Kádár regierte Ungarn als Ministerpräsident 32 Jahre lang (1956 – 1988) und sein Bild wandelte sich in dieser Zeit vom Henker und Kerkermeister zum „Landesvater“ und „guten König“, indem er seinen Landsleuten in einem Ostblockstaat unerwartete wirtschaftliche Freiheiten gewährte.

Dieser lax gehandhabte Kommunismus führte jedoch dazu, dass im Jahr des Systemwechsels 1989 in Ungarn, im Gegensatz zu den anderen Ostblockstaaten, weder ein politischer Umsturz noch eine dramatische revolutionäre Entwicklung statt fand. Es entstand kein Gefühl einer moralischen Erneuerung oder ein Drang nach Abrechnung mit den Politikern des alten Regimes. Lendvai nennt es einen „Systemwechsel der Halbheiten“.

Keine Stabilität in der ungarischen Politik seit der Einführung der Demokratie

Die ungarische Politik war seit der Einführung freier Wahlen 1990 von ständigen Mehrheitswechseln geprägt: 1990 – 1994 József Antall (Ungarisches Demokratisches Forum, MDF), 1994 – 1998: Gyula Horn (Ungarischen Sozialistischen Partei, MSZP), 1998 – 2002: Viktor Orbán (Ungarischer Bürgerbund, Fidesz), 2002 – 2010: Péter Medgyessy und Ferenc Gyurcsány (MSZP in Koalition mit dem Bund Freier Demokraten, SZDSZ).

Die Koalition von MSZP und SZDSZ schaffte es 2006 als erste ungarische Regierung wiedergewählt zu werden und im Amt zu bleiben. Gleichzeitig besiegelten die Sozialisten – laut Lendvai – damit den „Selbstmord der Linken auf Raten“.

Die schwere Regierungskrise von 2006 und das Wiedererstarken der ungarischen Nationalisten

Ungarn schlitterte Ende 2006 in eine schwere innenpolitische Krise nachdem ein Dokument veröffentlicht wurde, in dem Ministerpräsident Gyurcsány eingestand die Wahlen mit Lügen gewonnen zu haben.

Die zu gut 75% von der politischen Rechten kontrollierten Medien griffen diese Steilvorlage auf und schossen sich in einer massiven Kampagne auf Gyurcsány und seine Regierung ein. Öffentliche Demonstrationen kulminierten in gewalttätigen Ausschreitungen.

Sieger im Endkampf – Orbán über alles

Gyurcsány bot am 21. März 2009 seinen Rücktritt an. Der neue Ministerpräsident wurde der Wirtschaftsminister Gordon Bajnai.

Die sozialistische Regierung wurde bereits bei der Europawahl 2009 an den Urnen abgestraft: MSZP erhielt nur noch 17% der Stimmen. Großer Sieger war Viktor Orbáns Rechtsparteienbündnis Fidesz / KDNP mit über 56%.

Die Parlamentswahlen am 11. und 25. April 2010 zementierten diese Machtverschiebung: Fidesz / KDNP errangen 263 der 386 Mandate und verfügten damit über eine Zweidrittelmehrheit mit der sie die Verfassung ändern können.

Sendungsbewusstsein einer verführbaren Nation: Der Vertrag von Trianon, Romahass und Antisemitismus

Lendvai versucht diesen Rechtsruck seiner Landsleute mit mehreren Exkursen in die weiter zurückliegende Vergangenheit Ungarns zu erklären: der offene Romahass ist bei den Ungarn als Balkan-Nachbar tief verwurzelt.

Während Ungarn als Teil der k. u. k. Doppelmonarchie ein Teil in einem buntgemischten Vielvölkerstaat war, musste es nach dem verlorenen zweiten Weltkrieg im Vertrag von Trianon einen zwei Drittel seiner Gebiete mit drei Fünftel seiner Bevölkerung abtreten. Ähnlich der deutschen „Dolchstosslegende“ löste diese Schande bei den Ungarn einen heftigen Antisemitismus aus. In wirren Verschwörungstheorien bastelten sie sich zurecht, Opfer des „internationalen Judentums“ geworden zu sein.

Seit 1918 träumen viele Ungarn noch von einem „Großungarn“. Durch dieses übersteigerte Sendungsbewusstsein fühlen sie sich den slawischen Ethnien kulturell überlegen.

Paul Lendvai, profunder Kenner Osteuropas

Prof. Paul Lendvai wurde am 24. August 1929 in Budapest geboren, lebt aber seit 1957 als österreichischer Staatsbürger in Wien. Lendvai ist politischer Kommentator und Kolumnist der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“ sowie in ungarischen und englischsprachigen Medien, zum Beispiel der „Financial Times“.

Seit 1982 ist Lendvai Leiter der Osteuropa-Redaktion des ORF, Chefredakteur der „Europäischen Rundschau“ und moderiert die Diskussionssendung „ORF-Europastudio“. Er ist Autor von 14 Sachbüchern, die sich mit dem Schwerpunkt Ost- und Südeuropa befassen und in verschiedene Fremdsprachen übersetzt wurden. Paul Lendvai erhielt zahlreiche Preise für seine Kulturpublizistik und seit neuesten auch Drohungen wegen seiner scharfen Feder.

Der Ecowin Verlag

Der Ecowin Verlag ist ein auf Sachbücher und Enthüllungsliteratur spezialisierter Verlag aus Salzburg. Zur Firmenphilosophie des erfolgreichsten österreichischen Sachbuchverlags zählt das kritische Aufgreifen gesellschaftspolitisch relevanter Themen aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Geschichte und Kultur.

Paul Lendvais: Mein verspieltes Land. Ecowin Verlag 2010. ISBN 978-3902404947. Hardcover, 233 Seiten. 23,60 Euro.

Uli Gönczi, Annie Schwaiger

Uli Gönczi - Uli Gönczi studierte Alte Geschichte an der LMU München und arbeitete in diversen Redaktionen. Nach dem Studium erhielt er bei ...

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