Ungarn und das Friedensdiktat von Trianon- Auswirkungen bis heute

Das ungarische Parlament in Budapest - CFalk / pixelio.de
Das ungarische Parlament in Budapest - CFalk / pixelio.de
Der Vertrag von Trianon wirkt bis heute auf die ungarische Gesellschaft und führt zu Spannungen. Auch hier ist ein Aufarbeiten der Geschichte notwendig.

Das österreichische Kaiserreich schloss im Jahre 1867 mit dem ungarischen Königreich den sogenannten Ausgleich ab. So entstand die österreichisch-ungarische Monarchie, die auch als kaiserlich-königliche (kuk-) Monarchie bezeichnet wird. Das legendäre Herrscherpaar Kaiser Franz Joseph und seine berühmte Gattin Sissi von Bayern bildeten in Personalunion sowohl die Regentschaft in Österreich als auch in Ungarn. Die beiden Reichshälften waren in ihrem Tun nahezu autonom und die Habsburgkrone leuchtete für fast fünf Jahrzehnte wieder hell am europäischen Adleshimmel. Nach dem Eintritt in den ersten Weltkrieg, der von der ungarischen Reichshälfte nur zögerlich mitgetragen wurde, begann das Ende des großen Habsburgerreiches. Nach der Niederlage wurde unter anderem das Deutsche Kaiserreich im Vertrag von Versailles, Österreich im Frieden von Saint-Germain und Ungarn im Friedensdiktat von Trianon bestraft. Ziel dieser Verträge war einzig und allein das Zerschlagen des jeweiligen Landes, militärisch sowie wirtschaftlich. Geschichtliche, geografische und ethnische Hintergründe wurden nicht berücksichtigt. Der Frieden wurde hauptsächlich nach militärischen und wirtschaftlichen Standpunkten diktiert, das Einspruchs- und Mitspracherecht der Besiegten war gemäß der alten römischen Weisheit „Vae victis“ („Wehe den Besiegten“) de facto nicht vorhanden. Die Siegermächte sollten so bereits kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges den Grundstein für noch viel größeres Leid im Zweiten Weltkrieg gelegt haben.

Der Vertrag von Trianon

Das Schloss von Trianon gehört zu den Pariser Vorort-Schlössern und ist ein wunderschönes Gebäude. Hier wurde im Jahr 1921 das 1100 jährige ungarische Königreich zerstückelt und aus allen internationalen Organisationen ausgeschlossen. Das Militär wurde stark dezimiert und Verbote von Artillerie und Luftwaffe eingeführt. Auch wurde analog zum Verbot des Anschlusses von Österreich an Deutschland, eine Restauration des Habsburgerthrones in Ungarn untersagt. Der Verlust von zwei Dritteln der Landesfläche (das kroatische Königreich nicht mitgezählt) traf Ungarn schwer. Beinahe alle Rohstoffvorkommen, Bahnlinien, hohe Gebirgszüge, Industriestandorte und so fort wurden separiert und die natürliche Einheit des Karpatenbeckens zerstückelt. Tatsache ist, dass es in den Zeiten der ungarischen Krone große Minderheiten im Königreich gab. Diese fanden nun in den neuen Ländern im Schoße ihres Mutterlandes ein Zuhause. Genauso tatsächlich aber wurden ungarisch bewohnte Gebiete ebenfalls zerschnitten und den Siegern zugesprochen. Wären die neuen Grenzen nach ethnischen Linien verlaufen, wäre der Verlust des Staatsgebietes nicht so groß gewesen und hätte wohl nicht bis heute diese Resonanz in allen Bevölkerungsschichten des heutigen Ungarns ausgelöst.

Der Zweite Weltkrieg und teilweise Revision des Vertrages

Ungarn war nach der Machtübernahme von kuk Admiral Miklós Horthy noch immer international isoliert. Es suchte nach Verbündeten, die er zuerst im faschistischen Italien fand. So orientierte sich die Politik Horthys an Mussolini und schließlich auch an Deutschland. Durch die Wiener Abkommen erreichte das neue Königreich Ungarn eine Teilrevision des Vertrages von Trianon im Bezug auf Nord- und Zentralsiebenbürgen, wenngleich sich dadurch Horthy nur stärker an Deutschland band. Zuvor wurden Teile der südlichen Slowakei Ungarn zugesprochen und schließlich die Karpatho-Ukraine und die Batschka (zu diesem Zeitpunkt Teil des jugoslawischen Königreiches) militärisch okkupiert. Diese stellten bereits tatsächliche Kriegshandlungen dar. Ungarn hatte sein Staatsgebiet in etwa verdoppelt und die neuen Staatsgrenzen entsprachen nun durchaus den ethnischen Gegebenheiten- zumindest viel bedeutender als nach dem Vertrag von Trianon dies der Fall gewesen war. Der Verlauf der Geschichte, die Tragödien und Millionen von Toten sind hinlänglich bekannt. Horthy selbst wurde 1944 von den Nazis entführt und schließlich nach dem Ende des Weltkrieges wegen Kriegsverbrechen angeklagt. Nach dem Freispruch folgten das Exil in Portugal und sein Tod kurz nach der Niederschlagung des ungarischen 56-er Freiheitskampfes gegen die Sowjetarmee, im Jahr 1957.

Das Totschweigen des Trianon-Vertrages und seine Renaissance

In der kommunistischen Diktatur wurde Geschichte umgeschrieben und Kapitel der eigenen Vergangenheit totgeschwiegen. Das kommunistische Sprichwort „Brüderlichkeit- Einigkeit“ bedeutete, dass alles pre-kommunistische falsch war und nicht erwähnt werden durfte. Und was unterdrückt wurde, schoss später umso stärker an die Oberfläche. Die Wende von 1989 brachte Ungarn nicht nur tatsächliche Freiheit und Demokratie, sondern ließ Nationalismus auch hier erwachen. Rechte und rechtere Gruppierungen formierten sich und hefteten sich die Revision des Trianon-Vertrages offen an ihre Fahnen. Nach den ersten Siegen der rechten MIÉP- Partei, gefolgt vom totalen Untergang, etablierte sich die neue intellektuelle Rechte in Budapest: die sehr erfolgreiche Partei Jobbik. Tatsache ist, dass der Vertrag von Trianon noch immer in der ungarischen Gesellschaft spürbar ist. Beinahe jeder Ungar hat Vorfahren oder Verwandte, die aus den ehemaligen ungarischen Gebieten stammen oder noch dort leben. Das Friedensdiktat wird auch heute noch heiß diskutiert und führt zu Spannungen mit den Nachbarstaaten, wo „Trianon“ ebenfalls als Schlagwort gilt.

Der Friedensvertrag muss genauso wie die eigene Geschichte akzeptiert und endlich aufgearbeitet werden, nicht nur in Ungarn sondern auch in den Ländern, wo große ungarische Minderheiten leben. Die Maßnahmen der Orbán-Regierung, die ungarische Staatsbürgerschaft auch an Auslandsungarn zu vergeben (dies ist übrigens durchaus international üblich) kann in diesem Kontext auch als Aufarbeitung des Traumas von Trianon gesehen werden. Ob es tatsächlich in diese Richtung abzielt, kann aber erst in einigen Jahren gesagt werden.

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Csaba Lendjel, Mag. - Geboren im Jahr 1977 in Baden-Württemberg, Schule und Universitätsausbildung im Bereich Sprachen und Literatur. Derzeitige ...

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