Ungarnrevolution vor 55 Jahren-Die Ereignisse am 23. Oktober 1956

In der Innenstadt von Budapest tobten die heftigsten Kämpfe gegen die Sowjetpanzer - Lars Paege  / pixelio.de
In der Innenstadt von Budapest tobten die heftigsten Kämpfe gegen die Sowjetpanzer - Lars Paege / pixelio.de
Im Jahr 1956 revoltierte die ungarische Nation gegen den verhassten Stalinismus und wurde von den Sowjetpanzern blutig niedergewalzt.

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg entluden sich Spannungen zwischen den USA und der mächtigen Sowjetunion fortwährend in Stellvertreterkonflikten. In diese Zeit fällt auch der Ungarnaufstand beginnend mit dem 23. Oktober 1956. In Ungarn selbst als Freiheitskampf (~szabadságharc) bezeichnet, begeht die heutige Republik den 55. Jahrestag der Revolution gegen den Kommunismus.

Die Vorzeichen für den Aufstand

Erst am 18. Juli 1956 war nach dem Rücktritt des Kommunisten Mátyás Rákosi, Ernö Gerö an die Spitze der allmächtigen kommunistischen Partei gehievt worden. Gerö setzte auf eine Verlangsamung des Kollektivierungsprozesses und auf den Ausbau der Konsumgüterversorgung. Die Forderungen des „Petöfi-Klub“ nach mehr persönlichen Freiheiten, versprach Gerö prüfen zu lassen. Sándor Petöfi war der große ungarische Nationaldichter, der treibende Kraft in der ungarischen Revolution von 1848/49 gewesen war. Die Forderungen der Studenten von 1956 waren die folgenden: Anlehnung an den Westen, Freiheit für die politischen Gefangenen, Abschaffung der Zensur, freie Wahlen und Universitäten, Bruch mit dem Stalinismus und Abzug der sowjetischen Truppen aus Ungarn.

Der 23. Oktober 1956, als die Welt den Atem anhielt

Im Jahr 1955 wurde Nagy Imre, der bereits eine Öffnung in Richtung Westen versucht hatte, entmachtet. Seine Wiedereinsetzung wurde 1956 von den Studenten ebenso angeregt - eine Forderung, die für Nagy später tödlich enden würde. Am Abend des 23. Oktober 1956 wurde eine Großdemonstration auf dem Budapester Bem-Platz abgehalten. General Bem war polnischer Abstammung und eine der schillerndsten Figuren der ungarischen Revolution 1848/49 gewesen. Etwa 100.000 Personen trafen zu der Großdemo ein. Es werden patriotische Gedichte verlesen und in der aufgeheizten Stimmung das sieben Meter hohe Stalin-Denkmal durch tausende Menschen vom Sockel gerissen. Ein Teil der Demonstranten zieht zum Budapester Funkhaus weiter, wo sie - wieder in Anlehnung an Petöfi - ein Forderungsverzeichnis verlesen. Der KP-Vorsitzende Gerö zeigt nun sein wahres Gesicht: Er betont in einer provozierenden Rede die Freundschaft mit der Sowjetunion und bedroht die Versammelten. Im Funkhaus haben sich 500 Beamte der verhassten ÁVO - der ungarischen Stasi - verschanzt. Sie eröffnen das Feuer auf die unbewaffnete Menge und lösen so den Aufstand aus. Die ungarische Armee und die Polizei wechseln nun die Seiten und stellen Handfeuerwaffen, Maschinengewehre und sogar Panzer zur Verfügung. In der selben Nacht treffen die ersten Sowjetpanzer ein. Doch diese werden von den ungarischen Zivilsten mit Molotowcocktails.

Die Tage nach dem Aufstandsbeginn und ein trügerischer Sieg der Freiheit

Die Ereignisse überschlagen sich: Am 25. Oktober 1956 wird Imre Nagy als neuer Ministerpräsident an die Spitze des Staates gestellt, Gerö durch Kádár abgelöst. Am 28. Oktober ruft Nagy das Volk auf, das Feuer einzustellen und beruft sich dabei auf eine Zusicherung der Sowjetunion, alle Truppen aus Ungarn abzuziehen. In sein neues Regierungsprogramm nimmt Nagy beinahe alle Forderungen der Aufständischen auf und bereits am 29. Oktober beginnen sich die Sowjetpanzer zurück zu ziehen. Die ersten Tage des Freiheitskampfes hinterließen ein Vielzahl von Toten und an die 15.000 Verwundete. Die Lage scheint sich zu normalisieren und für einen Augenblick genießt Ungarn die neue selbst errungene Freiheit.

Der November 1956 - der Freiheitskampf weitet sich aus

Die Sowjets zogen nicht aus Ungarn ab, sondern sammelten sich zu einem neuen Angriff. Während die hohen Sowjetmilitärs mit der ungarischen Militärführung über den „Frieden“ verhandeln, ist die massive Gewalt gegen Budapest bereits beschlossene Sache. Die ungarische Delegation kehrt von den Verhandlungen nicht mehr zurück. Sie wird von den Sowjets gefangen genommen, darunter auch Pál Maléter, der militärische Kopf des Freiheitskampfes. Am 4. November greifen rund 1.000 Sowjetpanzer, unterstützt von Bomben werfenden Flugzeugen, Budapest an. Ministerpräsident Nagy wird trotz Versprechen und exterritorialem Gebiet in der jugoslawischen Botschaft von den Sowjets verhaftet. In einem letzten dramatischen Appell hatte sich das freie Radio Budapest bereits am Vormittag des 4. November an die gesamte Welt gerichtet:“Helft Ungarn, helft der ungarischen Nation…Hilfe! Hilfe! Hilfe!“. Die Kämpfe werden schließlich im ganzen Land durch die Sowjetpanzer - obwohl sie vor allem in Budapest hohe Verluste erleiden mussten - niedergewalzt. In Berlin demonstrieren am 5. November 1956 über 100.000 Menschen gegen die Niederschlagung des ungarischen Freiheitswillens. Am 18. November flammen nochmals Kämpfe im ganzen Land auf, doch diese Versuche werden von den Sowjets bald im Keim erstickt.

Die Reaktion der freien Welt

Zu sehr ist noch der Zweite Weltkrieg in Erinnerung, zu sehr hatte sich der Kalte Krieg bereits ausgebreitet. Frankreich und England engagieren sich am 5. November lieber in der Suez-Krise und greifen militärisch auf Seite der Israelis im israelisch-ägyptischen Konflikt ein. Dort sind auch die Interessen der beiden westlichen Staaten weit höher, als im kleinen Ungarn. Die Hoffnung auf die große USA erfüllte sich ebenso nicht: Präsident Dwight D. Eisenhower beschränkt sich auf einen scharfen verbalen Protest - für die USA ist Ungarn wohl zu weit entfernt. Die westlichen Nachbarstaaten, allen voran das erst seit kurzem unabhängige Österreich, aber auch die Schweiz und Deutschland, nehmen bereitwillig 100.000 Flüchtlinge auf.

Ministerpräsident Nagy und General Maléter werden hingerichtet

Die verschleppten Imre Nagy und Maléter Pál werden in einem Geheimprozess 1958 des Hochverrates für schuldig befunden. In aufgetauchten Tondokumenten des Prozesses ist der Kampfesgeist von Maléter noch immer deutlich zu spüren. Auf die Frage zu seiner Verteidigung sagt der junge General mit fester Stimme, dass er treu zu seinem Eid nur dem ungarischen Volk gedient habe und nichts bereue. Sowohl er, als auch Ministerpräsident Nagy werden zum Tode verurteilt und am 17. Juni 1958 hingerichtet. Diese beiden Führungspersönlichkeiten stehen für die zehntausenden Toten und Verletzten. Für die verschleppten, gefolterten und inhaftierten, oft namenlosen Helden des ungarischen Freiheitsdranges.

Ein Sieg in der Niederlage?

Tatsache ist, dass der ungarische Kommunismus nach der Niederschlagung des Aufstandes und nach Abklingen der Vergeltungsmaßnahmen, als weit gemäßigter galt als in seinen Nachbarstaaten des Ostblocks. Natürlich war Zensur und die sowjetische Armee noch Jahrzehnte lang allgegenwärtig. Aber nicht umsonst galt Ungarn mit einem der für den Kommunismus typischen sozialistischen Realismus als „lustigste Baracke des Ostblocks“. Einer der Leitsprüche der ÁVO blieb dennoch „Bewache sie nicht nur, hasse sie auch“ (~„Ne csak örizd, útáld is“). Man kann dennoch mit Recht behaupten, dass der Grundstein für den friedlichen Umbruch von 1989 im Aufstand von 1956 gelegt wurde.

Quelle:

  • Museum für Verbrechen des Nationalsozialismus und Kommunismus "Haus des Terrors", Budapest (terrorhaza.hu auch auf Englisch).
  • Chronik des 20. Jahrhunderts. Lizenzausgabe für Bertelsmann Club GmbH, Georg Westermann Verlag.

Bildquellennachweis: Lars Paege / pixelio.de

Csaba Lendjel, Mag. - Geboren im Jahr 1977 in Baden-Württemberg, Schule und Universitätsausbildung im Bereich Sprachen und Literatur. Derzeitige ...

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