Uniform statt Markenzwang?

Schulen testen Einheitskleidung

Wer sich keine teuren Markenklamotten leisten kann, gilt schnell als Außenseiter. Schuluniformen sollen dies verhindern.

Die drei Streifen an den Sportschuhen müssen sein, wahlweise auch der geschwungene Haken eines anderen Herstellers oder die britische Fahne eines weiteren Sportschuhanbieters: "Markenzwang" schon in der Schule. Wer weniger Geld hat, kann sich die teure Prestige-Kleidung nicht leisten und wird als Außenseiter abgestempelt. Einige Politiker haben deswegen gefordert: Steckt Schüler in Schuluniformen, so wie in Großbritannien oder in einigen asiatischen und mittelamerikanischen Ländern!

Schuluniformen kommen in Mode

In Hamburg und Berlin haben es einige Schüler bereits ausprobiert. Die Fünftklässler der Haupt- und Realschule Sinstorf (Hamburg) haben sich grüne Sweatshirts gekauft; damit kommen sie seit vergangenem Herbst jeden Tag zur Schule. Welche Hose und welche Schuhe sie anziehen, bleibt ihnen freigestellt. Von einer "Uniform" wollen sie daher nicht so gerne reden. Einen Spitznamen haben sie auch schon: "Grüne Frösche".

Zwei Berliner Schulklassen haben vor den Sommerferien getestet, wie es ist, wenn alle gleich aussehen. "Wir konnten uns Farbe und Schnitt aussuchen", erzählt die 17-jährige Antonia Wilson aus der zehnten Klasse der Friedrichshainer Heinrich-Ferdinand-Eckert-Oberschule. Weißes Poloshirt, dunkles Fleeceshirt und schwarze Bundfaltenhose, für die Mädchen noch eine modische Sieben-Achtel-Hose - dafür entschieden sich die 23 Schüler der Klasse 10c. Bei der Abstimmung war die Mehrheit ausschlaggebend; Antonias Klassenkollege Björn Baumgart beispielsweise zog den Kürzeren. Er musste die Hosen in enger Karottenform akzeptieren. "Mein elfjähriger Bruder hat mich ausgelacht", erinnert er sich. Lieber hätte er die "Baggy"-Hosen genommen, die eher an einen Sack als an eine Uniform erinnern. Allerdings ist auch die Kleidung, die sich die 10c ausgesucht hat, kaum vergleichbar mit den Anzügen oder Kleidern, die in anderen Ländern als Schuluniform bezeichnet werden.

Lockeres Outfit

Noch lockerer geht es bei der Klasse 8a der Steglitzer Willi-Graf-Oberschule, einem Gymnasium, zu: dunkelblaue, sportliche Freizeithose, hellblaues Polo- und dunkelblaues Sweat shirt, dazu ein Wappen mit der Weißen Rose - Willi Graf, der Namensgeber der Schule, war Mitglied dieser Widerstandsgruppe im Dritten Reich.

Die Friedrichshainer Achtklässler haben "X-Berg" (für Kreuzberg) und "Friedrichshain", dazu die beide Stadteile verbindende Oberbaumbrücke mit ihren beiden charakteristischen Spitzen als Logo auf ihren Pullis. Björn hat das Wappen ziemlich schnell abgerissen, wie andere Mitschüler auch: "Die lila Farbe hat uns nicht gefallen, außerdem war es zu groß", sagt er.

Uniform war die große Attraktion

Ob mit oder ohne Wappen: In den ersten Wochen war die Schuluniform die große Attraktion, zuerst einmal bei den Mitschülern. Denn von jeder Schule trug nur eine Klasse die Uniform. In der Pause haben die anderen sich lustig über die neuen Uniformträger gemacht. "Wir standen auf dem Schulhof allein in einer Gruppe, die von den anderen Klassen wollten mit uns nichts zu tun haben", berichtet die 14-jährige Paulina Lazarenko aus Steglitz. Ein positiver Effekt: In der Klasse hatte es mehrere Mädchencliquen gegeben, die sich eigentlich nicht leiden konnten. "Weil wir aber alle gehänselt wurden, haben sich erstmals alle in den Pausen zusammengestellt und sich gegen die dummen Sprüche der anderen gewehrt", erzählt die 14-jährige Petra.

Ihr ist aufgefallen, dass sie morgens früher mit dem Anziehen fertig wurde. Viel Auswahl hatten die Schüler mit der Uniform eben nicht mehr. "Ich habe mir dann überlegt, welche persönlichen Kleidungsstücke ich noch zusätzlich anziehe", sagt sie. Rüschenarmbänder in verschiedenen Farben mag sie ganz gerne, und etliche Ringe zieren ihre Finger.

Björn will Baggys

Der 16-jährige Björn aus Berlin ist nicht glücklich mit seiner Schuluniform. Er hätte Baggy-Hosen bevorzugt. Mit der Kappe will er seine persönliche Note zeigen. Kappe, die er sonst zu den von ihm so geliebten weiten Schlaghosen trägt. "Die Hip-Hopper haben Baggy-Hosen an, die Technoten Schlaghosen", erzählt er. Hip-Hopper - das sind die Jungs, die Hip-Hop-Musik mögen, Technoten sind die Fans von Techno-Musik. "Kleidung hat viel mit Musik zu tun", sagt Björn. "Jede Clique hat auch eine eigene Uniform, mit der sie sich von der Masse absetzen will."

"Wenn ich nur noch eine bestimmte Kleidung anziehen darf, um von der Clique anerkannt zu werden, dann will ich gar nicht zu denen gehören"; erklärt Susanna selbstbewusst. "Markenzwang hat es bei uns nicht gegeben", meint auch ihr Klassenkamerad Max, ebenfalls 14 Jahre alt. Deswegen hätte das Uniform-Projekt nicht so viel Sinn gemacht. "Am Anfang war es ziemlich spannend, am Ende aber waren die meisten Schüler eher genervt", sagt Max von der 8a. "Am Nachmittag war ich froh, wieder meine eigenen Klamotten anziehen zu dürfen", sagt auch Björn.

Auf jeden Fall haben die beiden Klassen ziemlich viel Aufsehen erregt, auch bei Zeitungen, Fernsehen und Radio. "Wir haben kaum noch Unterricht gehabt, weil ständig Journalisten in der Schule waren", sagen die Schüler beider Klassen übereinstimmend. Selbst japanische und amerikanische Fernsehsender fanden das Berliner Projekt so ungewöhnlich für Deutschland, dass sie darüber berichteten. Den Schülern der Hamburger Schule war es ein paar Monate vorher ähnlich ergangen.

Klaus Martin Höfer, Robert Frie

Klaus Martin Höfer - Freier Rundfunk-, Print- und Online-Journalist. Ich beschäftige mich mit Hochschul-, Bildungs-, Wissenschafts- und ...

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