
- Mal ehrlich: wer will ihn wirklich missen? - Volker Wollny
Mit Argusaugen wacht der Gärtner alter Schule über sein Reich aus Beeten, Komposthaufen, Regentonne und Geräteschuppen. Im Garten anständiger Leute hat Ordnung zu herrschen. Wehe, ein nicht autorisiertes Kräutchen wagt es, ein Trieblein irgendwo hervor zu strecken, schon ist der Herr der Beete zur Stelle und macht dem „Unkraut“ den Garaus: Mit dem scharfen Hackenzahn oder – wenn es ein ganz Radikaler ist – gar mit noch viel schärferem Gift rückt der wackere Gärtnersmann, Zornesröte im Gesicht, dem armen Kräutlein entschlossen auf den Leib.
In Wirklichkeit gibt es jedoch gar kein Unkraut. Jede Pflanze hat ihren Platz in ihrem Umfeld, nur wenn sie sich in den Garten verirrt, kann sie für Ärger sorgen. Dass jedoch auch dies vor allem an unserem Hang zu Monokultur liegt, sei hier nur am Rande erwähnt. Viele „Unkräuter“ sind zum Beispiel Futterpflanzen für Schmetterlingsraupen. Typischerweise sind die nämlich auf nur eine einzige Pflanzenart spezialisiert: Fehlt das passende "Unkraut" in der jeweiligen Umgebung, wird man den betreffenden Schmetterling vergeblich suchen.
Unkraut ist oft wertvoll
Oft genug kann man so genannte Unkräuter jedoch sogar nutzen, wie das etwa beim bösen Giersch der Fall ist, der manchen Hobbygärtner an den Rand der stationären Behandlung in der Nervenklinik bringt oder auch beim nicht viel weniger unbeliebten Löwenzahn: Beide kann man essen, wie das übrigens auch bei der Brennnessel der Fall ist Ein abgeklärter Naturgärtner sagte einmal: „Man wird eh' nicht fertig damit, also ist es das Beste, man isst sie einfach.auf.“ Sprach's und kochte sich aus dem bösen Giersch sowie anderen Kräutern einschließlich der Brennnessel ein leckeres Süppchen und ließ sich danach zu Spaghetti mit Bärlauch-Pesto einen Salat aus frischem Löwenzahn schmecken. Beim Sammeln von Bärlauch muss man übrigens ein wenig vorsichtig sein: Ihm sehr ähnlich ist das giftige Maiglöckchen, dass zu allem Überfluss auch noch die gleichen Plätze liebt.
Viele Wildkräuter, wie man die vermeintlichen Unkräuter besser nennen sollte, sind jedoch nicht nur essbar, sondern auch noch anderweitig verwendbar. Sie sind oft genug Heilpflanzen, nicht selten sogar mit erstaunlichen Eigenschaften: So ist der Löwenzahn etwa Eingeweihten als milde Medizin für den ganzen Verdauungsapparat, Magen und Darm mit seinen „Nebenaggregaten“ Leber, Galle und Bauchspeicheldrüse bekannt. Wer wenig Geld hat oder aus prinzipiellen Erwägungen heraus lieber auf die heimische Natur als auf den globalisierten Handel zurückgreift, kann sich sogar einen brauchbaren Kaffee-Ersatz aus der Pflanze mit den gelben Blüten machen, die im Schwäbischen als Milcherling oder (wegen ihrer Harn treibenden Wirkung) auch Bettseicher bezeichnet und die an anderen Orten zuweilen auch Maiblume genannt wird.
Auch manche Kulturpflanzen können Ärger machen
Manchmal ist die Grenze zwischen „Unkraut“ und Kulturpflanze auch verschwommen: Himbeeren sind ein leckeres Beerenobst und ein beliebter Gartenstrauch. Wehe jedoch dem, dem sie aus den ihnen zugewiesenen Gefilden entkommen! An allen möglichen und unmöglichen Orten erscheinen die Triebe des überaus lebenskräftigen Strauches. Die subversive Pflanze mit starkem Hang zur Unterwanderung schreckt noch nicht einmal davor zurück, sich unter mit Platten belegten Gartenwegen hindurch zu arbeiten!
Ähnlich vermehrungsfreudig ist auch die Pfefferminze: Wer sie kultiviert, sollte sie gut einhegen, damit sie nicht den ganzen Garten überwuchern kann. Dafür kommt sie aber auch an der ihr zugewiesenen Stelle jedes Jahr zuverlässig und benötigt praktisch keinerlei Pflege. Um sie zu nutzen, schneidet man die kompletten Stängel ab und hängt sie als Bündel irgendwo kopfüber auf. Wenn man Lust auf ein leckeres und gesundes Pfefferminzteechen hat, rebelt man sich einfach die benötigte Menge Blätter ab und verwendet sie - ganz egal ob noch frisch oder bereits trocken.
Man sieht also, das Wort “Unkraut“ ist eine Diskriminierung oft sehr wertvoller Pflanzen und sollte zum Unwort erklärt werden. Zu guter Letzt sind viele der so abqualifizierten Kräuter auch noch ganz einfach auf ihre Weise schön: Was wäre denn eine Wiese im Mai ohne Löwenzahn, Wiesenschaumkraut und all die anderen vielen Blütenpflanzen? Und vermissen wir nicht bitter Klatschmohn, Kornblume und Ackerwinde, wo die industrialisierte Landwirtschaft sie von den Äckern verbannen konnte?
