Unternehmensethik

Ethikmanagement als Thema für Auszubildende

Ethik in Unternehmen - Stefan Dassler
Ethik in Unternehmen - Stefan Dassler
Bereits in der Berufsausbildung sollte Unternehmensethik als das Spannungsfeld zwischen unternehmerischem Gewinnstreben und moralischen Idealen angesprochen werden.

Auch Auszubildende sollten sich über Hintergründe und Motive von ethisch fragwürdigen Unternehmensentscheidungen informieren. Die Forderung nach Behandlung solcher Themen wird in Berufsschule und Betrieb immer lauter.

In den Medien sind täglich Schlagworte wie überhöhte Managergehälter, Korruption, Arbeitsplatzvernichtung und "Heuschrecken" zu finden. Der ehemalige Vizekanzler Franz Müntefering bezeichnete mit dem Begriff "Heuschrecken" erstmals Finanzinvestoren, die unter dem Verdacht stehen, mit ihrem Handeln einzig und allein das Ziel der Profitmaximierung zu verfolgen. Das radikale Vorgehen dieser Investoren kostet meist viele Arbeitsplätze. Allerdings führt es auch dazu, dass die betroffenen Unternehmen oftmals wieder konkurrenzfähig sind.

Unternehmensethik ist ein Teilgebiet der Wirtschaftsethik. Unternehmensethik setzt sich mit der Frage auseinander, welchen moralischen Wertvorstellungen Unternehmen genügen sollten. Damit wird auch das Spannungsfeld zwischen unternehmerischem Gewinnstreben und moralischen Idealen angesprochen (wie beurteilt man etwa Arbeitsplatzabbau bei florierenden Unternehmen mit dem Ziel den Gewinn zu erhöhen?). Umsetzen kann man Unternehmensethik durch das Management des jeweiligen Unternehmens.

Einige Zahlen und Fakten zeigen die Notwendigkeit eines Ethik- und Wertemanagements in Unternehmen auf:

  • Statistiken und Studien: Das Bundeskriminalamt hat im Jahr 2001 110.018 Fälle von Wirtschaftskriminalität ermittelt. Registrierte Schadenshöhe 6,73 Milliarden EURO. Die Dunkelziffer liegt weit höher. In einer Studie von Ernst & Young aus dem Jahre 2002 gaben 78 Prozent der befragten Unternehmen an, Opfer von Wirtschaftskriminalität geworden zu sein.
  • Unternehmensskandale: Bei dem US-Energiekonzern Enron wurden im Jahr 2001 Bilanzfälschungen von über 1 Mrd. US$ entdeckt. In der Kritik standen auch Bonuszahlungen von mehreren hundert Millionen US-Dollar an die Manager, kurz vor der Insolvenz des Konzerns. Die Skandale haben inzwischen auch deutsche Traditionsunternehmen wie Siemens und VW erreicht.

Ethik- und Wertemanagements kann in die Elemente Vision, Leitbild, Verhaltensgrundsätze, Geschäftspolitik und Managementsystem unterteilt werden. Zunächst muss eine Vision für die Zukunftsausrichtung des Unternehmens entworfen werden. Daraus kann ein Leitbild des Unternehmens mit seinem Selbstverständnis und seinen Leitwerten entwickelt werden. Ökonomische Leitwerte können beispielsweise Marktführerschaft, Rentabilität, Effizienz und Innovation sein. Ethische Leitwerte sind etwa Gerechtigkeit, Würde der Person, Gemeinwohl, sozialer Frieden und ökologisch-gesellschaftliche Verantwortung.

Das Leitbild konkretisiert sich in Verhaltensgrundsätzen für den Umgang miteinander (etwa: "Wir wollen Konflikte offen kommunizieren"). Diese Grundsätze sollen Eingang in die konkrete Geschäftspolitik (etwa bei Maßnahmen wegen Auftragsrückgang) mit ihren Zielen und Strategien finden. Die Umsetzung der Ethikgrundsätze wird vom Managementsystem übernommen.

Derzeit gibt es eine Vielzahl gängiger Ansätze der Unternehmensethik, die jedoch alle noch unter Problemen der praktischen Anwendung und Umsetzung leiden.

Themenbereiche der Unternehmensethik für Auszubildende

Nach § 6 (1) Nr.5 des Berufsbildungsgesetzes hat der Ausbildende dafür zu sorgen, dass der Auszubildende charakterlich gefördert sowie sittlich und körperlich nicht gefährdet wird. Somit sollten Auszubildende zu einer kompetenten Bewältigung berufsmoralischer Anforderungen befähigt werden.

Berufsausbildung zielt auf Persönlichkeitsentwicklung der Auszubildenden. Deshalb gehören berufsbezogene ethische Themenfelder zum Lehrplan der sozialen Berufe (etwa im erzieherischen, medizinischen oder im Pflege-Bereich). Bei den gewerblichen und kaufmännischen Berufen ist dies noch nicht die Regel. Eine Umsetzung unternehmensethischer Themen müsste sich dort an dem jeweiligen Ausbildungsberuf orientieren. Der Bankkaufmann/-frau ist mit ganz anderen moralischen Herausforderungen konfrontiert als der Dachdecker/-in. Ein Einkäufer muss anderen Versuchungen widerstehen als der Buchhalter.

Es gibt eine Vielzahl von konkreten Themenbereichen der Unternehmensethik für Auszubildende. Im Folgenden werden einige beispielhafte Themen vorgestellt:

Thema 1: Test – Wie gut ist Ihr Ausbildungsunternehmen unternehmensethisch aufgestellt?

Die Auszubildenden können die folgenden Beispielfragen auf einer Skala von "trifft vollständig zu" bis "trifft überhaupt nicht zu" beantworten und sollten dies kurz begründen.

a) Hat Ihr Unternehmen einen schriftlich formulierten Ethikkodex?

b) Gibt es in Ihrem Unternehmen einen Hauptverantwortlichen für die Durchsetzung des Ethikstandards?

c) Werden beim Vergütungssystem ethische Aspekte berücksichtigt?

d) Finden ethische Aspekte Eingang in die Konfliktregelungen?

e) Gibt es ethische Verhaltensgrundsätze für den Umgang mit Bestechung und Korruption?

f) Finden ethische Aspekte Eingang in Integrationsmaßnahmen für ausländische Beschäftigte?

g) Berücksichtigt man ethische Aspekte beim Umgang mit Kunden- und Verbraucherinteressen?

h) Werden ethische Aspekte in Aus-, Fort- und Weiterbildung integriert?

Thema 2: Ethische Selbstverpflichtungserklärungen von Unternehmen

Ethische Selbstverpflichtungen richten sich an Werten wie etwa Ehrlichkeit, Integrität, Fairness, Transparenz und ökologischer Verantwortung aus. Zu den folgenden Beispielen können die Auszubildenden ihre Einschätzungen und Meinungen formulieren:

"In unserem Unternehmen werden alle Mitarbeiter gleich behandelt."

"Behinderte werden bei gleicher Eignung bevorzugt."

"Wir halten uns an bestehende Gesetze und Regelungen."

"Der Vorstand verpflichtet sich, seine Bezüge offen zu legen."

Thema 3: Ethik und Grundgesetz

Unternehmer sind Eigentümer. Das Grundgesetz Artikel 14 äußert sich zum Eigentum:

(1) Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet. Inhalt und Schranken werden durch Gesetze bestimmt.

(2) Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohl der Allgemeinheit dienen.

Diese Sozialbindung des Eigentums zeigt sich bei Unternehmen etwa in der Mitbestimmung der Arbeitnehmer im Betrieb oder von Arbeitnehmervertretern in Aufsichtsräten von Aktiengesellschaften.

Thema 4: Formen von Eigentum/Rechtsformen der Unternehmen

Wie ist das Eigentum bei Unternehmen rechtlich organisiert? Rechtsformen lassen sich in Einzelunternehmen, Personengesellschaften (OHG, KG usw.), Kapitalgesellschaften (GmbH, Limited, Aktiengesellschaft usw.) und Genossenschaften einteilen. Unterschiede bestehen beispielsweise in den Leitungsbefugnissen, Haftungsverhältnissen und der Gewinn- und Verlustverteilung. Daraus ergeben sich verschiedene ethische Fragestellungen (Gewinn um jeden Preis; Geschäftspolitik mit/ohne ökologisches Bewusstsein usw.).

Thema 5: Shareholder und Stakeholder-Value bei der Aktiengesellschaft

Man unterscheidet bei einer Aktiengesellschaft Shareholder (Aktionäre) und Stakeholder (alle Interessenvertreter: Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten, gesellschaftliches Umfeld, natürliche Umwelt, Wettbewerber, Aktionäre). Der Stakeholder-Value-Ansatz versucht die Bedürfnisse der unterschiedlichen Interessengruppen in Einklang zu bringen. Hier kann ein Fallbeispiel zum Einsatz kommen. Eine große Aktiengesellschaft in der Baubranche hat keine vollen Auftragsbücher mehr. Sie erhält von einer nahe gelegenen Stadt den Auftrag, ein Millionenprojekt zu bauen. Mitten auf der „grünen Wiese“ am Stadtrand soll ein neues Messezentrum entstehen. Es bietet sich eine Analyse und Diskussion der Interessen von Aktionären, Umweltschützern, Stadträten, Anwohnern und Sponsoren an.

Auf suite 101 finden Sie auch einen Artikel zum Thema Verbraucherschutz.

Literaturhinweise:

  • Dassler, S.: Nachhaltigkeit als Bestandteil der Berufsausbildung.Wissenschaftlicher Verlag Berlin 2006.
  • Göbel, E.: Unternehmensethik. Philosophische Grundlagen und praktische Umsetzung. Stuttgart, 2006.
Stefan Dassler, Dipl.-Handelslehrer, Stefan Dassler

Stefan Dassler - Dipl.-Handelslehrer (Studium der Wirtschaftspädagogik mit Schwerpunkt Organisationspsychologie an der Universität ...

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