Unternehmer Adolf Merckle ist tot

Der fünftreichste Deutsche nahm sich das Leben

ratiopharm Firmenzentrale in Ulm - ratiopharm
ratiopharm Firmenzentrale in Ulm - ratiopharm
Ein Unternehmer des alten Schlages, bescheiden, fleißig und ruhig. Hat er den Gesichtsverlust nicht ertragen?

Viel wurde in den letzten Wochen über den in Blaubeuren wohnhaften Unternehmer Adolf Merckle geschrieben. Wenig Gutes war dabei. „Gezockt“, „unverantwortlich“ waren noch harmlose Begriffe, die man dem als bescheiden bekannten Schwaben nachsagte, der auch als Milliardär mit einem alten Mercedes und 2. Klasse Bahn fuhr. Es waren aber auch Schlagzeilen zu finden, in denen es hieß, er „drohe den Banken“.

Ein Gesicht statt Anonymität in der Finanzkrise

Und das ist umso verwunderlicher, wenn man bedenkt, dass der schwäbische Unternehmer in über dreißig Jahren ein Imperium aufbaute, zu dem unter anderem der Generikahersteller ratiopharm und das Bauunternehmen HeidelbergCement gehörten. Unternehmen, die in und um Ulm herum als soziale Unternehmen bekannt sind. Und Adolf Merckle, der mit dem Fahrrad in Blaubeuren zu sehen war und gerne wandern ging, führte all die Jahre ein ruhiges Familienleben mit seiner Frau Ruth (er hatte vier erwachsene Kinder). Dieses ruhige Leben wurde zuletzt jäh an die Öffentlichkeit gezerrt.

Spekulationen an der Börse

Was jahrelang zum Aufbau und Erfolg des Unternehmen wichtig und richtig war – das Spekulieren an der Börse – wurde nun mit der Finanzkrise und dem Verspekulieren mit VW-Aktien außer Kraft gesetzt. Adolf Merckle wurde zu einer Person der Öffentlichkeit, der nun vieles nachgesagt wurde und werden durfte. Um welche Beträge es wirklich ging, weiß wohl nur der engste Kreis und die Beteiligungsgesellschaft VEM Vermögensverwaltung. Spekuliert wurde in der Medienlandschaft viel, allerdings nicht um Geld, sondern um Zahlen, die nicht immer offiziell waren. Sicher ist, es waren immense Millionenbeträge – für einen Normalverdiener längst nicht mehr erfassbar und begreifbar. Und moralisch sind diese Beträge schon lange nicht mehr vertretbar. Doch ist Moral wirtschaftlich?

Geld, das nicht mehr zu begreifen ist

Und genau diese immensen Beträge, die seit Jahren an den Börsen dieser Welt hin und her geschoben werden, sind es, denen nun viele Menschen in der Krise fassungslos gegenüber stehen. War Geldvermehrung durch Spekulation bisher von der Gesellschaft voll legitimiert, so ist das mit einem Schlag anders geworden.Selbst die, die bisher die Fäden gezogen haben, bleiben nun auf der Strecke. Was bleibt ist Ohnmacht. Ohnmacht des Normalverdienenden, der mit einzelnen Euros rechnen muss und auch der Beteiligten. Eine Ohnmacht, die auch Adolf Merckle zunehmend gespürt hat und die ihn am Montag Abend, am 05. Januar 2009, in den Selbstmord trieb. Die Familie Merckle bestätigte am Dienstag den Freitod und erklärte: „Die durch die Finanzkrise verursachte wirtschaftliche Notlage seiner Firmen und die damit verbundenen Unsicherheiten der letzten Wochen sowie die Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können, haben den leidenschaftlichen Familienunternehmer gebrochen.”

Ratiopharm galt als eines der hundert innovativsten Unternehmen Deutschlands

Was in den teilweise schon an Rufmord grenzenden Zeitungsberichten oft unterschlagen wurde, war die Tatsache, dass das Unternehmen ratiopharm lange Jahre als Vorzeigeunternehmen galt und als der Pionier unter den Generikaherstellern in Deutschland. In den letzten drei Jahren hat das 1974 gegründete Unternehmen zehn nationale und fünfzehn internationale Patente zugeteilt bekommen und meldet rund zwanzig Patente pro Jahr an. Der 1934 in Dresden geborene Unternehmer Adolf Merckle, der nach dem Krieg nach Blaubeuren bei Ulm kam und bis zu seinem Tode dort wohnhaft blieb, baute das Unternehmen auf und seine Frau Ruth Merckle unterstützte ihn und engagierte sich in der Förderung von lokalen und überregionalen Künstlern. Doch ratiopharm war für Adolf Merckle auch sein Lebenswerk, sein liebstes „Kind“ unter seinen Unternehmen. Denn mit ratiopharm startete die Erfolgsgeschichte des Merckle-Imperiums, die Adolf Merckle zu einem Milliardär und dem fünftreichsten Deutschen machte.

Banken, Gier, Macht und Machenschaften

Während die Belegschaft hinter ihrem ehemaligen Geschäftsführer (Adolf Merckle verließ das Unternehmen 2002 und gab es in die Hände seiner Söhne) stand, verlor Adolf Merckle trotz seinem Einsatz für das Unternehmen ratiopharm in der Öffentlichkeit seinen bisher tadellosen Ruf. Oft wurde in Medien auf unseriöse Weise berichtet, fast schien es, als ob ein „Gesicht“ in der Bankenkrise, in der man ansonsten nicht mehr genau weiß, wer die Fäden zieht, das rechtfertigte.

Wie es mit ratiopharm weitergeht ist ungewiss

Der Zerschlagung seines Firmenimperiums mit über 100.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von geschätzten 33 Mrd. Euro konnte Adolf Merckle wohl nicht länger zusehen. Die über vierzig Banken, mit denen er bis zum Schluss verhandelte, drängten auf den Verkauf von ratiopharm. Ob der Sanierungsplan mit einer Stillhaltevereinbarung mit den Banken, der bereits laut einer Sprecherin der Vermögensverwaltung VEM ausgehandelt wurde, auch nach dem Tod von Adolf Merckle eingehalten wird, wird sich in den nächsten Wochen zeigen.

Elvira Lauscher, Elvira Lauscher

Elvira Lauscher - Schreiben ist meine Leidenschaft, mein Beruf und meine Berufung. Ich war 28 Ausgaben für ein Ulmer Magazin Chefredakteurin und habe ...

rss