Unterricht und Nachhilfe – das Problem mit Selbstlernmaterial

Arbeitsblätter, eine Art der Selbstlernmaterialien - Philipp Meischner
Arbeitsblätter, eine Art der Selbstlernmaterialien - Philipp Meischner
Immer häufiger wird heutzutage zu Selbstlernmaterial gegriffen, doch nicht in jedem Fall ist dies auch sinnvoll.

Ziel aller Bildung sollte es sein, dass junge Menschen in die Lage versetzt werden, ihr Leben eigenständig zu gestalten. Dies heißt vor dem Hintergrund einer sich immer schneller wandelnden Welt, in der es unumgänglich ist, lebenslang zu lernen, dass Kindern und Jugendlichen die Kompetenzen eigenständigen Wissenserwerbs und selbstständiger Ergebniskontrolle vermittelt werden müssen. Immer häufiger wird deshalb in der Schule, beim Nachhilfeunterricht oder aber beim Üben zu Hause auf sogenannte Selbstlernmaterialien zurückgegriffen. Diese sollen ein weitgehend selbstständiges und selbstgesteuertes Lernen und Arbeiten ermöglichen, weshalb auch Ergebnisblätter und ähnliche Kontrollvorlagen bereitgestellt werden, um eine eigenständige Evaluation des Erreichten zu gewährleisten. Doch leider erfüllen die Selbstlernmaterialien oft die in sie gesetzten Erwartungen.

Ziele des Lernens – Kompetenzbereiche

Generell lässt sich das Ziel schulischen Lernens an vier Kompetenzbereichen festmachen. Die Sachkompetenz steht dabei für das Wissen und die Fertigkeiten, die ein bestimmtes Fach erfordert, etwa die Kenntnis bestimmter Regeln der Orthografie und das Vermögen, diese anzuwenden. Die Methodenkompetenz umfasst die überfachlichen Fähigkeiten, welche das Erschließen, die Organisation und die Präsentation von Informationen im weitesten Sinne umfassen, etwa die Präsentation von Sachinformationen mittels eines mediengestützten Referats. Die Selbstkompetenz meint das Vermögen, sein eigenes Handeln zu reflektieren und zu organisieren, das schließt eine realistische Einschätzungen der eigenen Leistungen natürlich mit ein. So findet sich in diesem Bereich etwa die Fähigkeit wieder, ein geeignetes Zeitmanagement zu finden. Die Sozialkompetenz meint den verantwortungsvollen Umgang mit anderen Menschen, hierin finden sich etwa Empathiefähigkeit, das Vermögen konstruktiv Kritik zu geben, aber auch die Fähigkeit, andere zu motivieren wieder.

Leistungen und Grenzen des Selbstlernmaterials

Werden die heutzutage gängigen Selbstlernmaterialien unter dem Aspekt der Lernzielorientierung näher betrachtet, so wird deutlich, dass die Materialien den Ansprüchen, welche die Bildungsstandards und Kompetenzanforderungen an sie stellen, nicht gerecht werden können. Im Gegenteil, Selbstlernmaterialien scheinen die Schüler eher zum Memorieren und Reproduzieren von Fachwissen zu bewegen. So verfehlen sie aber ihren eigentlichen Zweck, nämlich junge Menschen zu bilden, indem sie zur bloßen Beschäftigungstherapie werden. Mag dies in den unteren Klassen eventuell noch angebracht sein, in denen auch die Verfestigung eines Basiswissens eine nicht unwesentliche Rolle spielt, so ist es aber gerade für die höheren Klassenstufen eher kontraproduktiv.

Diese Kritik richtet sch vor allem an die fehlenden Lösungsblätter, ohne die ein eigenständiges Lernen aber nicht erreicht werden kann, denn wenn es darum geht, ein Gedicht zu interpretieren, also gleichsam eine Auswahl an stilistischen Mitteln in Bezug auf eine These an das Gedicht zu funktionalisieren, so ist es eben nicht möglich, eine eindeutige Lösung vorzugeben, die intersubjektive Richtigkeit zeigt sich eben erst im Nachvollzug der Argumentation durch ein menschliches Gegenüber.

Ein versöhnlicher Schluss

Nichtsdestotrotz ist zu konstatieren, dass in den letzten Jahren eine zunehmende Entwicklung auf dem Markt der Selbstlernmaterialien zu verzeichnen ist, zudem sind sich die meisten Anbieter solcher Materialien der Probleme bewusst und sie versuchen, diese durch Evaluationen zu beheben. Des Weiteren kann es für einen Schüler natürlich auch gut sein, hin und wieder das Basiswissen und Fachwissen aufzufrischen und zu erweitern, denn dies ist natürlich auch Dreh- und Angelpunkt jeder weiterführender Fragestellung.

Und warum sollten die Schüler unbedingt allein mit diesen Materialien arbeiten? Das gemeinsame Lernen mit einem Freund auf der Basis der Selbstlernmaterialien sorgt schon für einen guten Austausch über das Gelernte und birgt so das Potential, auch andere Kompetenzbereiche zu fördern. In diesem Sinne soll ein versöhnlicher Schluss entstehen, denn Selbstlernmaterialien haben gewiss ihre Schwierigkeiten, sie bergen in sich aber auch großes Potential, so dass am Ende das Material gut genutzt werden kann, wenn man sich seiner Schwächen bewusst ist und man versucht diese zu kompensieren.

Quellen:

Klippert, Heinz: Heterogenität im Klassenzimmer. Wie Lehrkräfte effektiv und zeitsparend damit umgehen können. Beltz Verlag, Weinheim und Basel, 2010.

Eigene Erfahrungen als Lehrer.

Philipp Meischner, Philipp Meischner

Philipp Meischner - Ich bin mittlerweile30 Jahre alt und habe dabei schon in unterschiedlichen Regionen gelebt. Aus dem Gebirge kommend ging ich in die grauen ...

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