
- Atomkraft: Heißer Dampf und soziale Probleme - Peter von Bechen - Pixelio
Alles hat seinen Preis. Eine uralte Lebensweisheit, die bis zum heutigen Tage nichts von ihrer Relevanz eingebüßt hat. Gerade im Bereich der Energieerzeugung mussten sich die Industriegesellschaften dieser unangenehmen Wahrheit immer wieder stellen.
Die Brennstoffe wechselten - aber die gesellschaftlichen Probleme blieben
Alles hat seinen Preis. Noch vor wenigen hundert Jahren mussten Bergarbeiter ihr Leben unter Tage riskieren, um die industrielle Revolution mit ihrem wichtigsten Rohstoff zu versorgen, der Kohle. Unzählige Menschen verloren unter nahezu unmenschlichen Bedingungen unter Tage ihr Leben, damit die ersten Straßenlaternen der Nacht trotzen und Dampflokomotiven Länder miteinander verbinden konnten.
Dann folgte das Ölzeitalter und die Menschheit endeckte die individuelle Mobilität. Autos und Flugzeuge drangen in den Alltag der Bevölkerung, allerdings auf Kosten zunehmender Umweltverschmutzung. Sterbende Wälder und saurer Regen ließen die Menschheit deshalb im letzten Jahrhundert neue Technologien entwickeln, um die negativen Auswirkungen ihrer industriellen Errungenschaften etwas zu verringern und den Wohlstand zu erhalten.
In der Gegenwart offenbart sich jedoch, dass fossile Brennstoffe nach wie vor einen hohen Preis für die Welt haben. Klimaerwärmung und die Endlichkeit der Ressourcen sind in den Fokus gerückt, sie sind Folgen des stetigen wirtschaftlichen Wachstums.
Die Atomindustrie verspricht Lösungen - und liefert tödlichen Abfall
Ein Industriezweig rühmt sich jedoch seit mehr als einem halben Jahrhundert damit, dass er die ulitmative Lösung für die Energieprobleme der industriellen Gesellschaft besitzt: Die Atomindustrie. Seit ihrer Entstehung propagiert sie, dass die Menschheit nun keinen Preis mehr für Energie zu zahlen hätte (außer einem monitären). Das Zauberwort hieß zunächst "Wiederaufbereitung". Uran sollte wiederverwertet werden wie zum Beispiel Metall oder Glas, wodurch ein nie enden wollender Energiekreislauf entstanden wäre. Doch das "Uran-Recycling" war eine Utopie, unzählige Forschungsgelder verpufften sinnlos.
Geblieben ist lediglich das Endlagerproblem, für welches noch kein Industrieland eine überzeugende Lösung gefunden hat. Besonders in Deutschland tobt eine heftige politische Auseinandersetzung über die Lagerung des radioaktiven Abfalls. Während die amtierende Regierung den Standort Gorleben nach wie vor als Atommüll-Endlager präferiert und verteidigt, mehren sich die Zweifel an der Tauglichkeit des ehemaligen Salzstockes. Jüngst wurde publik, dass die Auswahl des Endlagerstandortes weniger geologischer Eignung als vielmehr politischem Kalkül geschuldet ist.
Aus wissenschaftlicher Sicht ist Gorleben als Endlager ein nachweislicher Fehlgriff und eine große Gefahr für Umwelt sowie die Anwohner. Aus neu veröffentlichten Unterlagen des Bundesamtes für Strahlenschutz geht eindeutig hervor, dass sich Millionen Liter ätzender Lauge in unmittelbarer Nähe zu den Lagerstollen befinden. Und auch wenn diese Erkenntnisse über Jahre vertuscht wurden, wird nun immer mehr klar: Das dreckige Vermächtnis der Atomindustrie kann nicht bleiben wo es ist. Ein schwerer Schlag für die "Zukunftstechnologie".
Atomstrom für die Klimarettung - Aber was ist mit der Welt?
Doch die Atomindustrie steht noch lange nicht vor dem Aus, nicht in Deutschland, nicht in der Welt. Im Gegenteil: Der Versuch, die Welt vor der Klimakatastrophe zu bewahren, die Menschheit zu retten, verhilft dieser gefährlichen Industrie zu einer zweiten Chance. Denn AKW`s produzieren kein CO2, sie sind "sauber". Aufgrund der verstärkten Nutzung von Atomstrom in der Welt muss jedoch, neben der Endlagerproblematik, auch eine andere Frage in den Mittelpunkt rücken: Woher kommt der dreckige Brennstoff, der die Lichter der Welt erhalten soll? Wohl kaum ein europäischer Verbraucher weiß, an welchen Orten und auf welche Weise der fossile Brennstoff der Erde abgerungen wird. Und das aus gutem Grund, denn der Preis ist sehr hoch. Wieder sind es Bergarbeiter, die ihn bezahlen, die ihr Leben für unsere Energie lassen. Doch sie sterben weit weg von uns, fast unbemerkt. Denn wie könnte die Atomindustrie ihren Ruf als Weltretter erhalten, wenn sie das von ihr erzeugte Leid nicht unterm dem Deckmantel des Schweigens verhüllen würde.
Die Schicksale der nigerischen Arbeiter sind deshalb weitgehend unbekannt. Wie viele von ihnen jährlich an den Folgen des Uranbbaus sterben, ist kaum festzustellen. Unter miserablen Bedingungen, oftmals nur mit einfachem Mundschutz, verarbeiten sie im Tagebau das toxische Gestein. Der tödliche Staub umgibt sie in jeder Minute, dringt ein in Atemwege, Kleider, Häuser. Die Städte sind verseucht, ganze Landstriche eigentlich unbewohnbar. Aber die Atomindustrie übernimmt keine Verantwortung. Sie lässt die Menschen im Niger allein und vertuscht die dramatischen Vorgänge. Doch die Illusion ist dahin, auch für Atomenergie zahlt die Welt einen Preis. Nie war er höher.
