Uranabbau im Niger und die katastrophalen Folgen

Das Kernland der nigrischen Tuareg, auf dem Weltmarkt verkauft

Urantagebau im Niger: Verwüstung der Wüste - www.dissident-media.org
Urantagebau im Niger: Verwüstung der Wüste - www.dissident-media.org
Die humanitäre Situation der Bevölkerung des Nordniger verschärft sich weiter, während die Regierung flächendeckend Uranschürfrechte an internationale Konzerne vergibt.

Schon seit einigen Jahren sehen die Tuareg-Nomaden des westafrikanischen Wüstenstaates hilflos dem Ausverkauf ihres angestammten Lebensraumes entgegen. Zunehmende Gebiete ihres Kernlandes im Grenzgebiet zwischen Mali, Algerien und dem wüsten Norden des Niger werden im Zuge des um sich greifenden Urantagebaus zu lebensfeindlichen Mondlandschaften. Der Abbau des radioaktiven Erzes zerstört allerdings nicht nur Lebensräume von Mensch und Tier in unmittelbarer Umgebung der Minen, sondern gefährdet eben auch Siedlungen und Oasen in weitem Umkreis durch Verseuchung des Grundwassers und Verwehung kontaminierter Stäube für sehr lange Zeiträume – die Halbwertzeit von Uran liegt je nach Art des Isotops bei 245.500 Jahren (Uran 234) bis zu 4,5 Milliarden Jahren (Uran 238). Kürzlich hat sich der französische Energie-Riese AREVA, Hauptsponsor des Bundesligisten 1. FC Nürnberg, weitere Schürfrechte gesichert und will den Niger bis 2012 zum zweitgrößten Uran-Lieferanten der Welt machen.

Endgültige Zerstörung von Nomadenkultur und Natur des Niger

Neben der akuten Bedrohung existenzieller Grundlagen der Nomadenkultur und ihrer Weidewirtschaft durch den unbändigen Energiehunger der westlichen Industrienationen sowie das Profitstreben der nigrischen Regierung sind es aber eben auch Bodenschätze ganz anderer Art, die in den weiten Wüstenlandschaften der Ténéré zu versanden drohen: Überreste aus Zeiten, als die Sahara durch eine vorrübergehende Verschiebung von Klimazonen grün und fruchtbar war!

Die überaus reichhaltigen Funde der Wissenschaftler um den Chicagoer Paläontologen Paul Sereno beinhalten nicht nur 110 Millionen Jahre alte Dinosaurier-Fossilien und Knochen des Sarcosuchus imperator – einer überdimensionierten Krokodilart mit Spitznamen »Supercroc« und gigantischen Körpermaßen von über 10 m Länge und 8 Tonnen Gewicht – sondern auch hervorragend erhaltene menschliche Überreste zweier bislang unbekannter Fischer- und Jäger-Kulturen, die Wälder, Graslandschaften und Seeufer vor 4.500 bis 10.000 Jahren bewohnten. Diese aufschlussreichen Zeugnisse der Menschheitsgeschichte, die nebenbei wertvolle Schlüsse auf das historische Weltklima und Mechanismen der Erderwärmung zulassen, liegen noch immer in unbekanntem Reichtum im Wüstensand verborgen. Jenem Sand, der im Zuge der Ausbeutung der Bodenschätze, dem Konflikt um gerechtere Verteilung der Uran-Profite und des Bürgerkriegs mit all seinen Folgen vor allem den Nomadenvölkern als den ursprünglichen Bewohnern des Nordniger unter den Füßen schwindet.

Wer profitiert vom nigrischen Uran-Reichtum – und wer leidet darunter?

Die Preise für Uran aus dem Niger liegen immernoch zwei Drittel unter dem Weltmarktpreis – ein Umstand, der auf das jahrzehntelange Exportmonopol des französischen AREVA-Konzerns und seiner Vorgänger zurückgeht. Nach wie vor profitieren von den weltweit zweitreichsten Uranerz-Vorkommen unter nigrischem Wüstensand hauptsächlich westliche Industriestaaten wie Frankreich, Großbritannien, Kanada, die USA – und Deutschland, dass zu 100% von Uran-Reexporten westeuropäischer Konzerne abhängig ist. An einem Tochterunternehmen der AREVA hält der deutsche Siemens-Konzern eine 34-prozentige Beteiligung. In der ländlichen Bevölkerung, die dem Uranabbau weichen muss, kommen hingegen kaum jene Hilfen an, die seit 1995 Teil der Regierungs-Versprechen hinsichtlich breiterer Beteiligung des nigrischen Volkes an den immernoch beträchtlichen Export-Profiten waren. Eine Verbesserung der humanitären Situation der besonders betroffenen Nomadenstämme ist nicht in Sicht, da das Regime in Niamey nach wie vor Verhandlungen mit den Tuareg ablehnt und stattdessen eine Verschärfung der Menschenrechtsverletzungen in den nördlichen Wüstengebieten um das Air-Gebirge in Kauf nimmt.

Anhaltende Verletzungen der Presse- und Meinungsfreiheit im Niger

Währenddessen ist verlässliche Berichterstattung internationaler Medien über die Entwicklungen im Krisengebiet des Nordniger nach wie vor kaum möglich. Der Niger rangiert im jährlichen Bericht der Reporter ohne Grenzen mit dem 130. Platz nun im unteren Drittel der gelisteten Staaten. Journalistische Arbeit wird massiv behindert, mehrere ausländische Journalisten wie die ARTE-Mitarbeiter Thomas Dandois und Pierre Creisson wurden in der für Ausländer verbotenen Notstandsregion um Arlit verhaftet. Prominentestes Beispiel aber ist der Korrespondent von Radio France Internationale Moussa Kaka, der für Telefoninterviews Kontakt zu den Tuareg-Rebellen des Nordnigers aufnahm und für diese »Mittäterschaft bei Attacken gegen den Staat« angeklagt und zur lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt werden sollte. Die Nachrichtensperre geht so weit, dass nicht bekannt ist, ob der 45-Jährige nach einer Reduzierung der Anklage vor einem Berufungsgericht noch im Zentralgefängnis von Niamey in Haft sitzt. Issouf Maha, einst Bürgermeister der nordnigrischen Tuareg-Gemeinde Tchirozérine, beobachtet aus dem französischen Exil ein Verhalten der Regierung, welches jede Art der Berichterstattung mit allen Mitteln verhindern will – auch das Abhören internationaler Telefon- und E-Mail-Verbindungen gehörten scheinbar dazu.

Kanadischer UN-Diplomat Robert Fowler verschwunden

Ein weiteres Indiz für die unhaltbaren Zustände im Niger liefert eine Meldung, die in der internationalen Presse mehr Beachtung fand als die spärliche Berichterstattung aus dem Niger, die sich hauptsächlich auf französische Medien beschränkt: Ein verlassenes UN-Fahrzeug nahe des Flusses Niger zwischen Niamey und dem 90 Kilometer westlich gelegenen Samira ist die letzte Spur, die auf den Verbleib des vermissten kanadischen Diplomaten Robert Fowler hindeutet. Der Besuch der kanadischen Samira Hill-Goldmine am Sonntag, den 14. Dezember 2008, gehörte nicht zur offiziellen Mission des von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon ernannten Sondergesandten für den Niger. Nach einem Rundgang mit dem Minenmanager traten der Afrika-erfahrene Fowler, sein kanadischen Begleiter und der nigrische Fahrer die Rückreise nach Niamey an – und verschwanden auf halber Strecke. Nach Angaben der Regierung habe der UN-Gesandte nicht nach Geleitschutz ersucht, die Fahrt sei rein privater Natur gewesen. UN-Sprecher Modibo Traoré sagte hingegen, Fowler sei offiziell an Gesprächen zur Lösung des Tuareg-Konflikts und der damit verbundenene humanitären Probleme beteiligt gewesen.

Vier Monate nach seinem Verschwinden sind Robert Fowler, sein Assistent Louis Guay und zwei Frauen westeuropäischer Herkunft aus der Hand eines nigrischen Al Qaida-Zweiges über den Nachbarstaat Mali freigelassen worden. Die nordafrikanische Al Qaida in the Islamic Maghreb (AQIM) bekannte sich zu den Entführungen der kanadischen Diplomaten sowie der Touristinnen. Die kanadische Regierung bestreitet grundsätzlich, sich auf Lösegeldzahlungen oder Häftlingsaustausch eingelassen zu haben.

FxReid Ständiger Autor Australien&Ozeanien-Reisen, © FxReid

Felix Reid - Ständiger Autor im Ressort Australien- & Ozeanien-Reisen; Freier Autor für unterhaltsame Golfsport-Beiträge; Ghostwriter ...

rss

Ähnliche Themen