
- Kämpfende Wekarallen - Bernd Oswald
Der Besuch kommt unangekündigt. Und doch unüberhörbar. Es ist nicht nur sein Gekrächze, sondern auch das Kratzen, das seine starken Krallen verursachen, als er über die Holzveranda läuft. Er scheint ein geselliger Kerl zu sein, der Kaka. Der grün-gelb-grau gefiederte Papagei scheut nicht zurück, als der Gast vor die Tür seines Appartments tritt, um den Grund der ungewohnten Geräusche zu erkunden. Der Kaka wiegt seinen Kopf neugierig hin und her und krächzt munter vor sich hin. Dieser Papagei ist einer der zutraulichsten tierischen Bewohner von Stewart Island. Das kann man über das berühmteste Tier der Insel nicht sagen.
Auf der drittgrößten Insel Neuseelands lebt der Stewart Island Kiwi – der größere Bruder des neuseeländischen Wappentiers. 20.000 – 30.000 Exemplare der braunen Laufvögel soll es hier geben. Zum Vergleich: Die Insel, die ziemlich genau doppelt so groß ist wie Berlin, hat 390 Einwohner. Nirgendwo sonst in Neuseeland gibt es mehr Kiwis als Menschen. Und doch ist der flugunfähige Vogel mit dem buschigen Gefieder angeblich so gut wie nie zu sehen. Schon gar nicht in der Nähe von Menschen.
Gut geschützte Kiwi-Brutplätze
Der Laufvogel spaziert vor allem des Nachts über den Strand, hackt seinen langen stabilen Schnabel in den Boden, auf der Suche nach Würmern und Insekten. Die Stewart Island-Broschüre beschreibt ihren berühmten Einwohner so: „Der braune Stewart Island Kiwi ist eine bizarre Figur, mit seinem Birnen-förmigen Körper, kräftigen Beinen, furchterregenden Krallen, plumpem gefiedertem Rücken und einer Anmutung offenbar beschäftigter Abwesenheit. Sein Gang ist scheinbar schwerfällig, obwohl plötzliche Zwischensprints Beobachter überraschen mögen.“
Es gibt wahrscheinlich keinen Ort, an dem der bedrohte Kiwi so gut geschützt ist wie auf Stewart Island, die wahrlich „off the beaten track“ - also abseits der ausgetretenen Pfade ist. Das neuseeländische Wappentier ist – wenn überhaupt – am Strand zu sehen. An zwei Stränden, um genau zu sein, denn nur die Mason Bay am Westufer der Insel und die Glory Cove im Südosten sind überhaupt für die Öffentlichkeit zugänglich. Mehr lässt das Department of Conservation nicht zu. Nur zwei Tour-Anbieter haben eine Konzession erworben, und auch sie dürfen pro Fahrt nur eine Handvoll Leute an diese Strände geleiten.
Fast die ganze Insel gehört zum Rakiura National Park
2002 wurden 85 Prozent der Insel zum Nationalpark erklärt, die südliche Hälfte der Insel ist für Menschen vollkommen tabu. Einheimisch sind hier vor allem Vögel, hunderte Arten, hunderttausende Exemplare, weswegen sich Stewart Island besonders gut zum Birdwatching eignet. Die 1756 Quadratkilometer große Insel besteht ganz aus gemäßigtem Regenwald, der an den meisten Stellen undurchdringlich ist. Gemäßigter Regenwald – keine 3000 km von der Antarktis entfernt. So vieles ist gemäßigt hier: nicht nur der Regenwald, auch die menschliche Besiedlung, das Wetter. Zwar regnet es an etwa 275 Tagen im Jahr, aber selbst der Niederschlag ist gemäßigt. Große Temperaturschwankungen sind selten. Das bietet wiederum gute Wanderbedingungen - einer der Hauptgründe für einen Besuch auf Stewart Island.
Am bekanntesten ist der Rakiura Track, der am Eingang zum gleichnamigen Park beginnt. Der Pfad ist 36 km lang und in drei Tagen zu bewältigen, auf dem Weg sind zwei (Selbstversorger-)Hütten. Anstrengender, weil viel länger, ist der 105 km lange Southern Circuit, für den je nach Fitness und Wetterbedingungen sechs bis neun Tage eingeplant werden sollten. Die Krönung ist schließlich der North West Circuit: 125 km anstrengende Wanderung, die oft durch schlammigen Untergrund führt. Von hier aus kann man auch einen Abstecher zum Mount Anglem machen, der mit 979 Metern höchsten Erhebung der Insel. Die beiden letzten Wanderungen sind nur für gut ausgerüstete und sehr erfahrene Tramper zu empfehlen.
Wem das zu anstrengend ist, der kann auf eine der 14 Routen rund um die an der Halfmoon Bay gelegene Siedlung Oban zurückgreifen. Das Spektrum reicht vom fünfzehnminütigen Spaziergang bis zur Sechs-Stunden-Wanderung (hin und zurück). Oft führt der Weg dabei an einer der zahlreichen Buchten vorbei, die durch die starken Meeresströme entstanden sind.
Ulva Island - ein Vogelreservat frei von Raubtieren
Von Oban aus kann man zum 20 Wasser-Taxi Minuten entfernten Ulva Island fahren. Ulva Island ist der Zufluchtsort für so gut wie jede bedrohte Vogelart Neuseelands. Hunderte Arten leben allein hier und unterhalten den Besucher mit einem vielstimmigen Vogelkonzert. In jahrelanger Arbeit ist es gelungen, das Eiland von Raubtieren jeglicher Art zu befreien. Sogar die Ratten konnten eliminiert werden. Das ist deswegen so wichtig, weil es eine ganze Reihe von Vögeln gibt, die am Boden brüten. Nicht nur der Kiwi, sondern zum Beispiel auch die Wekaralle, die auf den ersten Blick wie ein Huhn aussieht, jedoch zur Ordnung der Kranichvögel zählt. An einem der Strände Ulva Islands kann man schon mal einen Revierkampf zwischen zwei Wekarallen beobachten, die dann ihr Gefieder spreizen und einander mit Schnäbeln und Krallen attackieren.
Leichter ist es, ein weiteres beeindruckendes Naturschauspiel zu beobachten: Wenn die Sonnen über Stewart Island auf- und untergeht, taucht sie den Südseehimmel in kräftige Orange- und Lilatöne. Das muss seit Jahrhunderten so sein, denn es waren die Maori, die Stewart Island den Namen "Rakiura" gaben, was soviel heißt wie "glühender Himmel".
Anreise:
- per Schiff eine Stunde von Bluff auf der neuseeländischen Südinsel
- per Kleinflugzeug ca. 20 Minuten von Invercargill
