Ursula Niehaus: Das Heiligenspiel

Das Heiligenspiel - Droemer Knaur
Das Heiligenspiel - Droemer Knaur
Das ausgehende Mittelalter. Durch schlichten Zufall wird die mittellose Anna Laminit zur angeblichen Heiligen. Eine Rezension.

Nachdem sich Ursula Niehaus bereits mit „Die Seidenweberin“ einen Namen unter den Autoren historischer Romane machen konnte, legte sie mit „Das Heiligenspiel“ ihr zweites Werk vor. Ihrem Erfolgskonzept getreu wendet sie sich erneut einer historisch nachweisbaren Protagonistin zu. Dieses Mal erweckt sie Anna Laminit, eine umstrittene Hungerheilige des Spätmittelalters zu neuem Leben und gibt ihrer Lebensgeschichte eine neue Sichtweise.

Durch Intrige und Zufall zur Heiligen

„Das Heiligenspiel“ entführt ins Augsburg des späten 15. Jahrhunderts. Aufgrund einer Intrige wird die junge, aus bescheidenen Verhältnissen stammende Anna aus ihrer Heimatstadt verbannt. Bei Oda, einem alten Kräuterweib mitten im Wald, findet sie Unterschlupf. Oda bringt ihr nicht bloss die heilende Kraft der Natur näher, sondern erwirkt schliesslich auch Annas Begnadigung. Zurück in Augsburg lebt sie als Seelschwester. Durch einen unglücklichen Zufall wird sie zur Hungerheiligen, von der es heisst, sie würde sich ausschliesslich von der geweihten Hostie ernähren. Etliche Bürger pilgern zu ihr und erbitten sich ihre Gunst und ihren Segen. Obwohl Anna sich erst gegen ihre Heiligkeit ausspricht, erkennt sie bald, dass sie so die Möglichkeit hat den Menschen zu helfen. Dies und ihr Beichtvater Quirinus bringen sie dazu etliche Jahre hindurch die Hungermärtyrin zu spielen. Einzig der reiche Kaufmann Anton Welser weiss um ihre Nahrungsaufnahme und wird zudem zu ihrem heimlichen Geliebten.

Eine historische Persönlichkeit aus neuem Blickwinkel

Ursula Niehaus widmet sich in „Das Heiligenspiel“ beinahe dem gesamten Leben Anna Laminits. Wie auch ihrem Nachwort zu entnehmen ist, handelt es sich hierbei um eine reale historische Persönlichkeit, die als Betrügerin in die Geschichte einging. Niehaus hat sich dabei an die spärlichen Fakten gehalten und diese nach eigenem ermessen ausgeschmückt. So wurde aus der hinterlistigen Betrügerin Anna Laminit ein naiver, bemitleidenswerter Charakter. Im Roman sind es vor allem ihre Umgebung und unglückliche Zufälle, die sie zu ihrem Heiligenspiel zwingen.

Zu dem historisch belegten Charakter der Anna Laminit gesellen sich etliche weitere. So finden auch Kaiser Maximilian, Herzogin Kunigunde, die Kaufleute Welser und Fugger sowie Martin Luther ihren Einzug in die Geschichte. Obwohl deren Auftreten zeitweise eher unglaubwürdig wirkt, hatte die angebliche Hungerheilige tatsächlich Kontakt zu den höchsten Persönlichkeiten ihrer Zeit.

Das Heiligenspiel – Gute Recherche, schwache Protagonistin

Obwohl etliche Lücken im Lebenslauf der angeblichen Heiligen gefüllt werden, überspringt die Geschichte allerdings auch oftmals einige Jahre, in denen etliche Fragen unbeantwortet bleiben und sich Probleme offenbar in Luft aufgelöst haben.

Ob Anna Laminit nun unschuldig war oder doch eine Betrügerin scheint sich allerdings auch Niehaus nicht ganz schlüssig zu sein. Ihr anfänglicher Widerstand gegen den Glauben an ihre Heiligkeit hält sich in Grenzen und schon bald erkennt sie den Vorteil des Betruges und sie ergibt sich vollkommen als scheinbares Unschuldslamm in ihr fremdbestimmtes Schicksal. Diese Zwiespältigkeit, ohne effektiv Einblick in Annas Gedankengänge zu erhalten, nimmt ihrem Charakter die nötige Authentizität und lässt sie zeitweise unsympathisch oder gar langweilig erscheinen. Gerade Annas Person hätte weitaus besser herausgearbeitet werden können. Die historischen Fakten, die das Rahmengerüst des Romans bilden, hätte Potential für eine kurzweilige und unterhaltsame Lektüre. Allerdings wurde dieses bei weitem nicht ausgeschöpft.

Was ebenfalls auffällt, ist die Flut an historischen Informationen, die den Leser überschwemmt. Dies zeugt zwar von der gründlichen Recherche der Autorin, hindert aber zugleich den Lesefluss der Geschichte. Auch die bemüht authentische Wortwahl fällt eher negativ auf.

Fazit zu „Das Heiligenspiel“

Obwohl „Das Heiligenspiel“ spannend und vielversprechend beginnt, flaut die Erzählung um die angebliche Hungerheilige Anna Laminit zur Mitte des Buches hin weitgehend ab. Hin und wieder kommt etwas Spannung auf, um kurz darauf jedoch erneut erstickt zu werden. Erst gegen Ende des Buches nimmt die Handlung an Tempo auf. Im Grossen und Ganzen stellt „Das Heiligenspiel“ eine gut recherchierte, aber nur mässig umgesetzte Geschichte dar, die lediglich eingefleischten Historien-Fans zu empfehlen ist. Trotz selbigem Konzept kann es „Das Heiligenspiel“ bei weitem nicht mit Niehaus Debüt „Die Seidenweberin“ aufnehmen.

Das Buch:

Ursula Niehaus, Das Heiligenspiel, Knaur 2011, Taschenbuch, 576 Seiten, ISBN: 978-3-426-63617-6, Preis: 9.99 Euro (D)

Sarah A. Friedli, Sarah A. Friedli

Sarah A. Friedli - Kurzvita: Geboren wurde ich 1985 in der Schweiz. Nach der Schulzeit absolvierte ich den Vorkurs für Gestaltung und anschliessend ...

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