Ursus und Nadeschkin im Ulmer Zelt: Sprachwitz par excellence

Ursus mit Schlagzeug - Elvira Lauscher
Ursus mit Schlagzeug - Elvira Lauscher
Ursus und Nadeschkin sind schon Stammgäste im Ulmer Zelt. 1995 zum ersten Mal unter der Zeltkuppel, kamen sie immer wieder. Jetzt mit dem Programm „Zugabe!"

Nicht alles war neu an diesem neuen Programm, das am 05. Juni 2011 präsentiert wurde. Sollte es auch nicht, denn die beiden Schweizer beschreiben das Programm selbst als die „Versammlung der schönsten Nonsens aus 22 Jahren Ursus & Nadeschkin – die Trüffel unter den Nummern". Und es ist ein bisschen spartanischer von der Ausstattung her gehalten als das Programm „Weltrekord“, mit dem sie 2008 im Ulmer Zelt waren. Die zwei Clowns, die sich selbst als „Bühnenkünstler“ beschreiben, vertrauen auf ihre Bühnenpräsenz und den eigenen Sprach- und Bewegungswitz.

Zwei Menschen, zwei Stimmen, zwei Körper

Es braucht nicht viel dazu, um die Bühne auszufüllen. Nadeschkin (Nadja Sieger) im gelben Hosenanzug, Ursus (Urs Wehrli) mit blauem T-Shirt unter dem dunklen Anzug. Nicht mehr und nicht weniger. Hin und wieder ein schlichter Stuhl, der als Balkon für „Romeo und Julia“ dient oder auch als Arztstuhl in der Praxis, dann einmal – fast wie ein Ausrutscher durch die Vielzahl der Requisiten – das Schlagzeug von Ursus und einen Haufen Kissen dazu. Dann wieder eine einfache PET-Flasche mit „stillem Wasser“, mit dem man das Publikum ruhig bekommt, wenn man es ihm entgegenhält. „Und man kann es lange halten. Haltbar bis August 2012.“ Ansonsten gibt es auf der Bühne nur die beiden Künstler: Ursus und Nadeschkin.

Schweizer Meister der Pausen und des intelligenten Unsinns

Und sie sind sich ihrer Bühnenpräsenz bewusst. Seit 1987 stehen die beiden gemeinsam auf der Bühne, haben sich ihre ersten Publikumserfahrungen im Straßentheater angeeignet und sehr schnell durch ihre Spontaneität zahlreiche Preise (u.a. Deutscher Kleinkunstpreis 2002, NYC-Fringe-Comedy Awards 2000, oder Schweizer Kleinkunstpreis „Goldener Thunfisch" 1999...) und viele TV-Auftritte erspielt. Das gibt ihnen die Sicherheit, zu improvisieren und Pausen auszuhalten. Doch damit kann auch ein Bühnenpaar keinen Abend füllen. Die Improvisationen wechseln sich mit sekundengenauem Timing im Wort und Körperaktionen ab.

Begeisterte Besucher im ausverkauften Ulmer Zelt

Und so kommen sie auf die Bühne und nehmen sie für sich ein, ohne viel zu machen. „Wo fangen wir an?“ Tja, gute Frage, nachdem sie sich verändert hat, mit den nun anwesenden Zuschauern des Ulmer Zeltes. „Tagsüber sah das alles anders aus.“ Und so wird hin und her gewandert, nach dem rechten Platz gesucht, an dem man anfangen kann und will. Und es wird darüber in der üblichen Ursus und Nadeschkin-Manier diskutiert, ob das alles so richtig ist und man nicht am besten mit dem Rücken zu den Zuschauern anfangen sollte. „Die sitzen falsch“, meinte dann auch Nadeschkin und stellte fest, dass die Zelt-Besucher eigentlich auf der anderen Seite sitzen sollten. Und so erlaufen sie sich erst mal in zahlreichen Runden die Bühne, die für Schweizer Verhältnisse richtig groß ist. Knappe fünfzehn Minuten synchron im Kreis laufen und nur dabei sprechen, witzeln, aus dem Takt kommen, wieder neu beginnen und wieder gemeinsam sprechen. Eine Mischung aus einstudiertem Smalltalk und Improvisation – die Übergänge sind fließend und nicht bestimmbar. „Normalerweise laufen wir 185 Runden“, erzählt Ursus und beruhigt gleich wieder. „Das gehört nicht zum Programm, wir haben noch gar nicht angefangen. Das ist also alles noch gratis.“ Das Publikum fällt von einem Lacher in den nächsten – bezahlt oder gratis...

Runnings Gags tauchen immer wieder zwischen einzelnen Programmpunkten auf

Neben den einzelnen Programmpunkten, die oft lose aneinander gewoben wirken, sind immer wiederkehrende Themen, Tänze (wie der „Danke, Danke-Tanz“) oder Sticheleien („Sprachen bekommen dir nicht“) als Bindeelemente eingestreut, in denen sich der Zuschauer wiederfinden kann. Auch die Witze über die angebliche Unfähigkeit Ursus, Fremdsprachen zu sprechen, tauchen immer wieder in Laufe des Abends auf. Nadeschkin trumpft hier als Witzeerzählerin auf. „Was ist ein Antidepressiva aus Österreich? Klagenfurt. Und ein Vegetarier auf Russisch? Moskau.“ Doch sie wechseln sich ab, in der gegenseitigen Aufzählung der Schwächen. Mal ist der eine der „Dümmere“, mal der andere. Bei der englischen Präsentation von „Romeo und Julia“ zeigt sich Nadeschkin als der Kulturbanause: „Schiller von Goethe?“

Meister des Synchronsprechens und Synchronbewegens

Natürlich durfte auch der „Brabbel“-Dialog nicht fehlen, in dem die beiden sich mit Sprachfetzen synchron oder auch disharmonisch gegenseitig vorantreiben. „Ick han, also mir han dan a hü...“ Nadeschkin bot auch einige Gesangseinlagen, die durch ihre individuellen Interpretationen so einzigartig oder, wie sie selbst gern sagt, „ganz schön extrem“ waren. So sang sie den Marilyn-Song „I wanna be loved by you“ mit schluckaufartigen Unterbrechungen, ohne den Song dabei insgesamt zu veralbern. Das war schon große Klasse! Man wünscht sich mehr solche individuellen Künstler fern vom Mainstream und auch eine Comedy, die durch eigenen Sprachwitz wirkt, ohne auf Kosten anderer zu gehen. Das beherrschen die zwei Schweizer hervorragend. Wenn auch im zweiten Teil des Programms ein paar Längen waren, verzieh man das gerne für die sonstige professionelle Bühnendarbietung, die dem Bühnenpaar selbst wohl immer mehr Spaß macht. An manchen Stellen war man sich nicht sicher, ob hier spontan auf der Bühne gelacht wurde oder die Spontaneität so perfekt eingeprobt war, dass sie so rüber kam. Eines war klar: Der Humor von Ursus und Nadeschkin wirkt. Das Zeltpublikum ließ sich gerne davon anstecken!

Elvira Lauscher, Elvira Lauscher

Elvira Lauscher - Schreiben ist meine Leidenschaft, mein Beruf und meine Berufung. Ich war 28 Ausgaben für ein Ulmer Magazin Chefredakteurin und habe ...

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