US-Atombehörde: Kaum Tote selbst bei schlimmster Kernschmelze

Die US-Atombehörde korrigiert sich selbst. Die entsprechende Studie allerdings sollte nicht vor April 2012 bekannt werden. Doch hier sind Details.

Da hat die "New York Times" aber in ein Wespennest gestochen, zumindest in atomfeindlichen Staaten wie Deutschland: Einem Bericht des angesehenen Blattes zufolge, der auf neuesten wissenschaftlich begründeten Erkenntnissen beruht, würde es selbst bei einer großen Kernschmelze in einem US-Atomkraftwerk kaum Tote geben – zumindest viel, zumindest weitaus weniger, als bisher angenommen worden ist. So wird es in einer Studie stehen, die zwar erst im April 2012 in ihrer Vollständigkeit veröffentlicht wird, die aber jetzt bereits in größeren Details vorliegt. Diese geradezu aufsehenerregende Studie der US-Atombehörde Nuclear Regulatory Commission wurde der "New York Times" seitens der Union of Concerned Scientists zugespielt, einer Organisation "besorgter Wissenschaftler", die auch immer und immer wieder vor den Gefahren der Kernkraft gewarnt hat.

Bisherige Unfälle wurden berücksichtigt

Die amerikanische Atombehörde hat an dem Bericht sechs Jahre lang gearbeitet. Ihm liegen auch Analysen der bisherigen drei Kernkraftwerksunglücke – Three Mile Island in Amerika, Tschnernobyl auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion (heute Ukraine) und im japanischen Fukushima – zugrunde. Berücksichtigt wurden aber auch insgesamt 20-jährige Erfahrungen mit den verschiedensten Aspekten der Kernenergie.

Statt 60 entweichen nur höchstens zwei Prozent Cäsium 137

Zugrunde gelegt wurde der angenommene Fall, dass in einem amerikanischen Atomkraftwerk plötzlich der gesamte zur Verfügung stehende Strom ausfällt, also auch Notaggregate und Batteriesysteme, wie das nach dem Erdbeben in Fukushima passiert war. Untersucht wurde dabei die Rolle, die Cäsium 137 spielt, ein gefährliches radioaktives Material, das bei der Uranspaltung entsteht. Die neuesten Erkenntnisse dazu – auch im Vergleich zu bisherigen Annahmen:

  • Lediglich ein bis zwei Prozent des Cäsium würden bei einer Kernschmelze entweichen. Bisher war von etwa 60 Prozent ausgegangen worden. Das würde auch dann gelten, wenn der Betonschutzschild des Reaktors gebrochen wäre.
  • Unter diesen Umständen – den schlimmst annehmbaren – gäbe es im Reaktorumfeld von 15 Kilometer kaum einen einzigen Toten.
  • Nur eine Person von 4.348 in diesem Radius lebenden Personen würde von freigesetzten Strahlen so sehr verletzt, dass sich im späteren Leben Krebs entwickeln könnte – bisher galt die Regel, dass eine Person von 167 im gefährdeten Gebiet lebenden Personen dermaßen betroffen wäre.

US-Atombehörde wird "rosiges Bild" vorgeworfen

In diesem Zusammenhang zitiert die "New York Times" den Wissenschaftler Charles G. Tinkler, der Co-Autor der entsprechenden Studie ist: "Die Folgen eines Unglücks breiten sich im Gegensatz zu früher angenommenen Werten langsamer aus, in einigen Fällen sogar viel langsamer. Das trifft auch auf die Freisetzung radioaktiven Materials zu".

Dem widerspricht in dem New Yorker Blatt sofort der Atomphysiker Edwin Lyman, Mitglied der Organisation Concerned Scientists: Die US-Atombehörde habe schon immer ein "rosiges Bild" vermittelt, so auch jetzt wieder in dieser neuesten Studie. Sie lege auch zugrunde, dass im Unglücksfall die Bevölkerung im 15-Kilometer-Bereich schnell und vollständig evakuiert werden könne, außerdem würden "durchschnittliche Wetterverhältnisse" zu Grunde gelegt. Allein schon Regen könnte beträchtliche radioaktive Gefahren verursachen.

Die Folgen im Umkreis von 75 Kilometer

Der Studien-Kritiker Lyman regt an, die Folgen in einem Gebiet von 75 Kilometer Umkreis zu berücksichtigen. In einem solchen Radius leben in den USA etwa fünf Millionen Menschen – in nur 15 Kilometer Abstand von einem Reaktor sind das in den USA nur 62.000 Personen. Die 75 Kilometer waren von der US-Atombehörde schon in einer früheren Studie genannt worden: Darin hieß es, pro 2.128 verstrahlten Personen, die Krebs entwickelten, würde es ein Todesopfer geben – die neuere Analyse geht dagegen von "nur" einem Toten auf jeweils 6.250 im Gefahrengebiet lebenden Menschen aus.

Die Studie, die jetzt entgegen den Wünschen der US-Atombehörde vorzeitig bekannt wurde, ist nicht endgültig. Sie wird bis April 2012 Revisionen unterzogen, es wird bis dahin auch Ergänzungen geben. Zu Grunde gelegt wurden mögliche Kernschmelzen in den beiden am meisten in den USA betriebenen Reaktordesigns. Das sind Peach Bottom Atomic Power Station Pennsylvania, übrigens vergleichbar dem Fukushima-Reaktor und Surry Power Station Virginia.

Wolfgang Will, Hermann Streuff

Wolfgang Will - Hallo, Hi, Grüß Gott, Guten Tag: Ich bin Wolfgang Will, Jahrgang 1931. Arbeite derzeit als Freier aus Berlin (Wissenschaft, ...

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