Uta Braun und Juri Sachno: Die Entdeckung eines Pianisten

Juri Sachno - Yasmin Maierhofer
Juri Sachno - Yasmin Maierhofer
„Es war, als fände man in einem Sack Kartoffeln eine Trüffel!" Uta Braun will den russischen Pianisten in den internationalen Konzertbetrieb integrieren.

Für die Ärztin Uta Braun war es eine denkwürdige Reise: eine Wolgafahrt, die sie in vollen Zügen genoss. Und als dann noch eines Abends ein Pianist die Gäste verwöhnte, schien das Glück der leidenschaftlichen Musikliebhaberin vollkommen. Uta Braun lehnte sich zurück und lauschte dem sehr jungenhaft wirkenden Pianisten, einem gewissen Juri Sachno. Er spielte einen außergewöhnlichen Chopin. Und er spielte Beethoven. Einen beunruhigenden Beethoven, anders als sie ihn zu hören gewohnt war: Rauer, wilder, an manchen Stellen sehr sanft und elegisch, aber immer voll Leben.

"Er spielt wie der leibhafttige Beethoven "

So kann man doch nicht Beethoven spielen, dachte sie während einer besonders ungewöhnlich interpretierten Passage. Doch während sie noch darüber nachdachte, was sie eigentlich so sehr an der Interpretation störte, geschah etwas Seltsames. „Ich hatte eine Vision. Meine Umgebung verschwand, ich wähnte mich an einem anderen Ort, in einer anderen Zeit. In einem dunklen Zimmer saß ein Mann vor einem Flügel. Er spielte mit verbissener Wut, spielte seinen Schmerz, seine Verlassenheit, seine Zukunftsangst. Meine Beklemmung wurde riesig, als ich Beethoven erkannte. Genau in diesem Moment zerfiel das Bild vor meinem Inneren, und da saß wieder dieser junge Mann und zelebrierte unbeirrt ‚seinen‘ Beethoven. Es war ihm egal, ob man ihm zuhörte oder nicht.“

Höchstes Lob vom Top-Experten: Besser als Pollini

Dieser Abend im Sommer 2001 änderte das Leben von Uta Braun und von Juri Sachno. Die beiden kamen ins Gespräch. Uta Braun wollte wissen, wo Juri Sachno Konzerte gab und war bass erstaunt, als sie erfuhr, dass da nicht viel war. Ein wenig Kammermusik, ein paar Soloauftritte, alles in der südrussischen Provinz. Und seine Lehrtätigkeit. Sie gab ihm ihre Karte und versprach, ein Konzert in Österreich zu organisieren. Fünf Monate später spielte Juri in Wien vor, und sofort gab es ein Engagement im Rahmen der Laxenburger Schlosskonzerte. „Als Professor Buchmann, der Chef der Agentur Buchmann, der für die Philharmoniker die Künstler auswählt, Juris 1. Chopinkonzert gehört hatte, kam er zu mir. ‚Sagen Sie dem Künstler: Ich habe alle Größen dieser Welt dieses Chopinkonzert spielen hören, aber niemand, nicht einmal Pollini hat dieses Konzert, ganz besonders den 2. Satz mit soviel Herz und soviel Seele gespielt wie er!‘ Alle haben mich vor ihm und seinem Urteil gewarnt. Warte ab, was Prof. Buchmann sagt, hieß es, dann weißt Du was Dein Juri ‚wert‘ ist. Danach war klar: ich gründe eine eigene Agentur.

Die erste Bauchlandung - Grazer Konzert: 30.000 € Verlust!

Als erste Maßnahme, sozusagen als „Generalprobe“, wurde Juri Sachno auf Hauskonzerte geschickt. „Dann sind mir die Freunde mit Klavier ausgegangen. Dann ergab sich der Kontakt zu Gustav Sych, der nicht nur seinen Salon, sondern einen Fazioli zur Verfügung stellte. Dann die Auftritte im Konzerthaus, in der Streckervilla in Baden, im Rudolfiner Haus, und eine Reihe von CDs. Dann das 4. Klavierkonzert von Anton Rubinstein mit den Belgrader Philharmonikern im Grazer Stefaniensaal samt Gegeneinladung nach Belgrad. „Vierzehn Tage vor dem Termin waren zwei Karten verkauft!! Ich habe nicht abgesagt. Die Karten wurden verschenkt, der Saal war voll. Dreißigtausend Euro Verlust.“

Die Wiener Kritik hört weg

„2005 habe ich das Orchester nach Wien eingeladen. Mit Hilfe der serbischen Botschaft haben wir die 1800 Plätze im Großen Saal des Konzerthauses voll bekommen – ein wunderschönes Konzert, völlig unbeachtet von der Presse. Es gab absolut keine Reaktion, es war, als hätte dieses Konzert nie stattgefunden.“ Es scheint überhaupt so, als würde „das offizielle musikalische Österreich“ den nicht mehr ganz so jungen Russen „net amal ignorieren“, wie es so schön auf Wienerisch heißt. „Meine Anstrengungen, Juri weitere Konzertengagements zu verschaffen, wurden bis auf einmal freundlich, aber bestimmt abgelehnt. Zuletzt mit dem 3D in Raiding zum Lisztjubiläum.“

Das „3D-Projekt“: Klangdimensionen

„Als Juri zum ersten Mal bei diesem Konzert im großen Saal des Konzerthauses auf dem 278-iger Flügel von Fazioli gespielt hat – Vielen Dank noch mal, Gustav Sych! – sagte Juri, er brauche noch mehr Zeit zum Einspielen. Er war irritiert. Er sagte: ‚Ich schlage einen Ton an und sieben Töne kommen zurück, und mit sechs weiß ich noch nichts anzufangen.‘ Seitdem habe ich ein Jahr nach Medienkünstlern gesucht, die dieses Phänomen nachweisen sollten. Herausgekommen ist dann das 3D Projekt, gedacht für Jugendliche, um sie durch die Hintertür mit klassischer Musik zu konfrontieren. Wir beide glauben, dass für die jungen Menschen heute Musik und visuelle Eindrücke untrennbar zusammen gehört – Stichwort Videoclips. Man muss mit der Zeit gehen, ob man will oder nicht. Heuer im Juni haben wir erlebt, wie intensiv die jungen Leute die Verbindung Musik und ‚Vision‘ genossen haben, beim Movida-Festival in Salzburg.“

Vienna Summer Classic ...

Im Frühjahr 2009 wollte Uta Braun ein oder zwei Sommerkonzerte in Wien auf die Beine stellen. „Besonders im August hat es ein musikinteressierter Sommer-Tourist schwer in Wien: Die Top-Acts sind nicht da, und die Top-Locations, der Goldene Saal im Musikverein oder die Staatsoper, werden von zusammen gewürfelten, kostümierten Orchestern bespielt, die im wesentlichen Mozart bieten. Ich habe nichts gegen Mozart, er ist ein anbetungswürdiger Komponist. Aber wieso spielt niemand Beethoven? Beethoven hat mehr als dreißig Jahre in Wien verbracht, Mozart nur zehn!“ Und da kam die schwer wiegende Anregung. „Ein Hotelmanager – denn wenn man im Sommer Konzerte veranstalten will, muss man sich der Mitarbeit der Hotels versichern – seufzte und meinte: ‚Endlich etwas anderes als Strauss und Mozart! Aber wie: nur ein Konzert? Das lohnt sich ja nicht!‘“ Das Ergebnis: „Vienna Summer Classic“ in der zweiten Augusthälfte 2010. Die Bilanz: „Gewinn gab es keinen, außer dass alle diejenigen, die Juri spielen hörten, beeindruckt waren. Aber der Bedarf ist da, so werden wir ‚Vienna Summer Classic‘ im nächsten Jahr mit einem etwas anderem Konzept institutionalisieren. Vielleicht dann schon mit Gewinn!“

… und die Zukunft

„Die größte Schwierigkeit für mich liegt darin, dass die meisten Veranstalter abwinken, wenn sie Juris Alter erfahren. Mein Gott, darf man denn wirklich nur ein ‚Junges Talent‘ fördern? Ein Vierzigjähriger, und sei er ein Genie – was Juri zweifellos ist! – hat keine Chance mehr? Wo bleibt da die Gerechtigkeit? Soll ich mich jetzt zurückziehen? Nur weil auch im Konzertbetrieb der Jugendwahn herrscht? Ich fordere nur das ein, was ihm zusteht: Anerkennung. Und Gerechtigkeit!“

Interview mit Juri Sachno

Friederike C. Raderer, Hannes Czischek

Friederike C. Raderer - Friederike C. Raderer Autorin, Moderatorin, Redakteurin freie Mitarbeiterin bei Ö1 / ORF Hauptinteressensgebiete: Musik, ...

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