Würde man es nicht besser wissen, geriete man in Versuchung anzunehmen, Werner Herzog hätte eine Fortsetzung zu seinem Meisterwerk "Aguirre, der Zorn Gottes" inszeniert. Anstatt der südamerikanischen Dschungelwelten sind es in "Valhalla Rising" skandinavische Hochländer und der völlig entfesselte Klaus Kinski wurde durch den stoischen Mads Mikkelsen ersetzt. Aber der ruhige Fluss der Bilder, unterbrochen von Szenen nackter Gewalt und des Wahnsinns, gemahnt an Herzogs 1972 produziertes Epos. Doch "Valhalla Rising" stammt vom dänischen Regisseur Nicolas Winding Ref, dem mit seinem jüngsten Film eine Gratwanderung zwischen Actionkino und Autorenfilm gelungen ist, deren Faszination sich der aufgeschlossene Betrachter kaum entziehen kann.
Reise ins Herz der Hölle
Irgendwo in Skandinavien, im Jahre 1000 nach Christus, wird ein einäugiger Mann (Mads Mikkelsen) wie ein Sklave gehalten. In Zweikämpfen auf Leben und Tod verdingt er seinem Herrn etwas Gold, was ihm dieser freilich nicht dankt. Der stumme Muskelprotz wartet nur auf die Möglichkeit zur Flucht, die sich ihm eines Tages tatsächlich bietet. Er tötet seine Wärter auf bestialische Weise und flüchtet. Ein blonder Junge namens Are (Maarten Stevenson), der ebenfalls kein Zuhause hat, schließt sich ihm an und benennt ihn fortan Einauge.
Die beiden unterschiedlichen Charaktere erreichen ein Lager christianisierter Nordmänner, die von Einauge ebenso fasziniert wie abgestoßen sind. Der Anführer der Männer glaubt sogar, in ihm ein Zeichen Gottes für die Rückeroberung Jerusalems aus den schändlichen Händen der Heiden erkannt zu haben. Einauge und Are schließen sich der kleinen Schar Gotteskrieger an und begeben sich auf ein Schiff, das sie an die Gestade des Nahen Ostens bringen soll. Doch die Mission droht zu scheitern: Das windstille Meer verschlägt das Schiff an einen völlig unbekannten Ort, der zunächst von Nebel umhüllt ist. Nachdem die Sicht klarer geworden ist stellt sich rasch heraus, dass sie sich keinesfalls im Heiligen Land befinden. Und mehr noch: Sie sind nicht alleine! Jemand oder etwas dezimiert die psychisch schwer angeschlagenen Männer. Nur Einauge behält die Ruhe und übernimmt langsam, aber sicher die Führung der Gruppe …
Unter den Blinden ist der Einäugige König
Wie nur wenige andere Filme zuvor lädt „Valhalla Rising“ zu allerlei Interpretationen ein. Vordergründig handelt es sich um die Geschichte des Aufeinanderprallens unterschiedlicher Glaubenssysteme. Dabei vermeidet Regisseur Nicolas Winding Ref eine offene oder versteckte Bewertung und enthält sich wie sein Hauptdarsteller der Stimme. Sind die „barbarischen“ Wikinger moralisch den christianisierten Volksgenossen über- oder unterlegen? Völlig klar scheint indes nur eines: Die Reinheit des Herzens hängt nicht mit dem Glauben zusammen, sondern mit der jeweiligen Persönlichkeit der Menschen. Vor allem hinter den salbungsvollen Worten der Neo-Christen drängen bei jeder sich bietenden Gelegenheit die nur mühsam unterdrückten Aggressionen hervor.
Protagonist Einauge – glänzend verkörpert von Mads Mikkelsen – entpuppt sich als die fleischgewordene Antithese des aufstrebenden Christentums. Seine geheimen Visionen, die er auf Grund seiner Stummheit nicht einmal dann verbreiten könnte, wenn er wollte, sind von Zerstörung und Apokalypse gekennzeichnet. Also elementaren Bestandteilen der urchristlichen Religion. Das reinigende Gewitter wischt den Abschaum weg, den freigewordenen Platz besetzt das Edle und Gute. Ob Einauge mehr als ein gleichgültig wirkender Todesengel ist, wird nicht geklärt. Wer er ist, woher er kommt, wohin er zu gehen beabsichtigt, bleibt ungelöst.
Einzig und allein der unschuldige blonde Junge Are vermag mit ihm zu kommunizieren und verrät seine Gedanken und Motive. Oder vielleicht doch nicht? Denn ob Are tatsächlich als Sprachrohr des stummen Kriegers dient, entzieht sich eindeutiger Erklärungen. Der Junge nimmt die Rolle eines Zuschauers ein, der möglicherweise lediglich interpretiert, was sich rationalen Überlegungen verweigert. Denn: Möglicherweise ist Einauge gar kein Mensch, sondern eine wilde Kreatur ohne jegliches Gewissen, gequält von düsteren Visionen, denen sie halbblind hinterher eilt.
„Valhalla Rising“: Purer Bilderrausch
Wie schon „Black Death“ taucht auch „Valhalla Rising“ seine Bilder in düstere Farben, wobei Erdtöne eindeutig dominieren. Rot, die Farbe des Blutes, der Sünde und der Schuld, taucht fast ausschließlich in Einauges Visionen auf und wirkt dadurch umso stärker. Gleich Popol Vuhs mystischem Soundtrack zu "Aguirre, der Zorn Gottes", untermalt der musikalische Score von „Valhalla Rising“ die Stimmung der Aufnahmen meisterhaft.
Nicolas Winding Ref gelang mit diesem Film nicht weniger als die beeindruckende Wiedergeburt des Herzog’schen Autorenkinos auf europäischem Format. Klassisch kopflastiges Kino ohne Scheu, die dunklen Seiten des Menschen auszuleuchten und dem Betrachter einen Spiegel vorzuhalten. Denn vor einem sollte sich der aufgeschlossene Zuschauer hüten, nämlich, „Valhalla Rising“ als intellektuelle Geisterbahnfahrt zu interpretieren. Schließlich wartet am Ende der mal längeren, mal kürzeren Reise durchs Leben eine dichte Nebelbank, hinter der sich – philosophische Sperenzchen hin oder her – unsere wahre Persönlichkeit verbirgt, die hoffentlich nicht jener Einauges gleicht …
Originaltitel: „Valhalla Rising“
Regie: Nicolas Winding Ref
Produktionsland und -jahr: GB/DK, 2009
Filmlänge: ca. 90 Minuten
FSK: Ab 16 Jahren
Verleih: Sunfilm Entertainment
Veröffentlichung auf DVD und blu-ray: 5. November 2010
