Validation – mit Demenzkranken richtig umgehen

Eine Kommunikationsform ermöglicht den Zugang zu Menschen mit Demenz

Naomi Feil arbeitet seit 1954 mit alten Menschen und lehrt eine besondere Methode, das Wohlbefinden von dementen Menschen zu fördern und so die Pflege zu erleichtern.

Längst ist Validation ein in der Altenpflege anerkanntes und angewendetes Handlungskonzept. Mit ihr gelingt es professionell Pflegenden, ihre Beziehung zu alten, verwirrten Menschen harmonischer zu gestalten und so den Umgang mit ihnen leichter zu machen. Der Ansatz ist so verblüffend wie einleuchtend: Man muss nur davon ausgehen, dass alles, was ein Dementer tut, für ihn selbst einen bestimmten Sinn hat. Um seine Beweggründe zu verstehen oder nachvollziehen zu können, muss man „in seine Schuhe schlüpfen“.

Validation hilft Angehörigen von altersverwirrten Menschen

Auch Angehörige von Menschen mit Demenzerkrankungen können durch die besondere Gesprächs- und Verhaltenstechnik lernen, eine Brücke in die Welt ihrer desorientierten Verwandten zu bauen. Denn sie leiden häufig unter den – vermeintlichen - Verletzungen, die ihnen als Fürsorgende zugefügt werden und sie deshalb besonders tief treffen. Validation hilft ihnen dabei, verletzende Äußerungen richtig einzuordnen, diese nicht persönlich zu nehmen und keinen Groll gegen ihre dementen Angehörigen zu entwickeln.

Um das Handlungsprinzip der Validation besser verstehen zu können, sind ein paar Grundkenntnisse nötig. Die Begründerin der Methode, Naomi Feil, wuchs nach der Flucht aus Deutschland in einem Altenheim in Cleveland auf, das ihre Eltern damals leiteten. Nach ihrem Studium der Sozialarbeit kehrte sie dorthin zurück und entwickelte von 1963 bis 1980 im Rahmen ihrer Gruppenarbeit mit alterverwirrten Menschen das Konzept der Validation.

Validation bedeutet „Wertschätzung“

Der Begriff Validation ist ein Kunstwort, das sich aus dem englischen value (Wert) oder to value (Wert schätzen) ableitet. Und so lässt sich auch das Grundprinzip der Methode erklären: Es geht um Wertschätzung, also darum, den verwirrten Menschen in seiner aktuellen Gefühlslage zu akzeptieren - in seiner Verwirrung, seiner Angst, seinem Zorn, seinem Ärger, seiner Hilflosigkeit. Und zwar auch dann, wenn diese Empfindungen von den pflegenden Personen nicht direkt nachvollziehbar sind.

Die erfahrene Gerontologin geht davon aus, dass Menschen in jeder Lebensphase bestimmte „Aufgaben erfüllen muss“. So müssen Säuglinge Vertrauen lernen, Kinder entdecken und Grenzen erkennen, als Jugendlicher rebellieren und Grenzen überschreiten, als junge Erwachsene und später im mittleren Alter wichtige Erfahrungen machen mit Glück, Liebe, Verlust und in Krisen.

In seiner letzten Lebensphase zieht der Mensch Bilanz. Er versucht, die Fäden seines Lebens zusammenzuführen, Durchlebtes abzuschließen, um schließlich in Ruhe und in Würde sterben zu können. Gibt es aber noch nicht bewältigte Aufgaben, unverarbeitete Erfahrungen oder lebenslang unterdrückte Gefühle, dann kann das zu psychischen Problemen führen.

So muss man das Verhalten im hohen Alter nicht allein als eine Folge anatomischer Hirnveränderungen sehen, sondern vielmehr als das Ergebnis körperlicher, sozialer und psychischer Entwicklungen im Laufe eines ganzen Lebens.

Dazu sagt die heute fast 70-jährige in einem ihrer Workshops: „Gefühle, die von den Pflegenden (Anm. der Autorin) ignoriert werden, gewinnen an Intensität und können giftig werden, sie verlieren ihre Intensität, wenn sie validiert werden.“

Existenzängste verfolgen manche bis ins hohe Alter

Um tatsächlich in die Schuhe eines verwirrten Menschen schlüpfen zu können, muss man bereit sein, mit in dessen Vergangenheit zu reisen. Verstehen wird man bestimmte Verhaltensweisen also nur vor dem Hintergrund seiner Biographie.

Dazu gibt Naomi Feil ein eindringliches Beispiel: Ein dementer Pflegeheimbewohner wird bei Gewitter oder Sturm ganz unruhig und will unbedingt das Haus verlassen. Das Pflegepersonal hat jedes Mal Mühe ihn davon abzuhalten, panisch in den Regen hinauszulaufen. Der Grund für sein Verhalten liegt in seiner Vergangenheit: Er war sein Leben lang Milchbauer, seine Existenzgrundlage also seine Kühe, die er vor Schaden durch Unwetter bewahren musste.

Durch validierendes Verhalten, durch das Zulassen dieser Erinnerung ("Sind Ihre Kühe noch auf der Weide?), durch Mitfühlen ("Ja, es muss schrecklich sein, die Kühe da draußen zu lassen") und durch ein Spiegeln seines Verhaltens erlebt der alte Milchbauer Verständnis, Mitgefühl und Trost: Zunächst packt er noch die Arme der Pflegerin und schüttelt sie, schreit dabei. Diese heftigen Hin- und Herbewegungen löst die validierende Pflegerin langsam und sanft in einem rhythmischen Hin- und Herschaukeln der Arme auf, dabei summt sie ein altes Bauernlied. Der Mann beruhigt sich, nimmt die Bewegungen auf und singt unverständlich mit.

Ein weiteres Zeugnis der Wirkungsweise von Validation lässt sich in einem Video von Naomi Feil erleben. Es wird auf Englisch kommentiert, ist aber auch ohne Englischkenntnisse sehenswert und verständlich.

Buch für Angehörige über Validation

Die Tochter von Naomi Feil, Vicki de Klerk-Rubin, hat speziell für die Angehörigen von demenzkranken Menschen ein Ratgeberbuch verfasst: „Mit dementen Menschen richtig umgehen: Validation für Angehörige“ ist bei Reinhardt, München, erschienen (ISBN-13: 978-3497020805) un kostet rund 15 Euro.

Ein ähnliche Herangehensweise wie die der Validation - mitfühlend und wertschätzend – zeigen übrigens die Aktivitäten von Demenzclowns. Die Prinzipien der Validation werden auch umgesetzt in den Filmen für Demenzkranke der Filmemacherin Sophie Rosentreter.

Marion Seigel, (Foto: Martin Seigel)

Marion Seigel - Marion Seigel ist Fachjournalistin, PR-Beraterin und Referentin - sie betreibt das journalistische Handwerk, ...

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