Vancouver gilt als "Hollywood North". Eine Stadt, in der große Filme gedreht werden und in der schon so mancher Leinwand-Held seinen Aufstieg oder ein Comeback gefeiert hat. Beides ist am Freitagabend auch den heimischen Vancouver Canucks im Stanley-Cup-Finale geglückt. Und was für eine Rückkehr das war. "L wie Lucky", also glücklich, könnte der Filmtitel heißen.
Vancouver Canucks wieder in der Erfolgsspur
Auf der Achterbahnfahrt der Emotionen zum Gewinn des Stanley Cups haben die Vancouver Canucks mit einem 1:0-Triumph gegen die Boston Bruins im 5. Spiel der Finalserie zurück in die Erfolgsspur gefunden. Nach zwei verheerenden Auswärtspleiten sind die Canucks nur noch einen Sieg vom erstmaligen Gewinn der begehrtesten Mannschaftstrophäe der Welt entfernt. Wenn Vancouver am Montagabend in Boston um 20 Uhr Ortszeit (Dienstag, 2 Uhr MESZ) mit einem 3:2-Vorsprung ins 6. Spiel der Best-of-Seven-Finalserie geht , wird erstmals in den diesjährigen Play-offs der National Hockey League (NHL) auch der Stanley Cup in der Arena stehen.
Maxim Lapierre erzielt Siegtor für Vancouver gegen Boston Bruins
Mehr noch als ihren Torschützen Maxim Lapierre, der nach 4:35 Minuten im Schlussdrittel die Torflaute beendete und zum umjubelten Helden der Canucks avancierte, hatten die 18.860 Fans in der wie immer ausverkauften Rogers Arena von Vancouver ihren Torwart Roberto Luongo lieb. Wieder, muss man sagen. Denn "Luuuu", wie der Goalie nach jeder Parade lautstark bejubelt wird, feierte im 5. Spiel gegen die Bruins ein noch größeres Comeback als sein Team als Ganzes. In den zwei derben Niederlagen in Boston in Spiel 3 und 4 musste der 32-Jährige gleich zwölfmal hinter sich greifen. Hohn, Spott und Zweifel an seinen Fähigkeiten waren in Vancouver die Folge. "Wie spät ist es? 12 Minuten nach Luongo" wurde angesichts von zwölf Gegentoren zum beliebten Witz nach den 1:8- und 0:4-Packungen bei den Bruins.
Jetzt haben Luongo und Vancouvers Team wieder Oberwasser im Stanley-Cup-Rennen. "A win is a win", sagte Luongo nach dem Spiel erschöpft, aber glücklich. "Hier zählen nur Siege, egal ob 1:0 oder 8:1", diktierte der Torwart den Journalisten nach seinen 31 Glanzparaden vom Freitagabend süffisant in die Blöcke. Luongo verzeichnete den insgesamt 4. sogenannten Shutout, also ein Spiel ohne Gegentreffer, in den NHL-Playoffs 2011, und bereits den zweiten in den Endspielen gegen Boston. Die Canucks hatten bereits das erste Finale 1:0 gewonnen und dann ein 3:2 nach Verlängerung nachgelegt. So steht es nun auch in der Serie gegen die Bruins - wen kümmert da schon eine Tordifferenz von 6:14 Treffern?
Stanley Cup: Vancouver Canucks nun psychologisch im Vorteil
Weit wichtiger als die nackten Zahlen ist der psychologische Vorteil, den die Canucks nun zurückerobert haben. Nach den beiden Auftaktsiegen träumten Vancouvers Fans bereits vom Final-Durchmarsch, die beiden blamablen Schlappen bei den Bruins hatten dann jedoch in ganz Kanada für lange Gesichter und ernsthafte Zweifel an der Cup-Reife des besten Teams der regulären NHL-Saison gesorgt. Nicht jedoch bei Cheftrainer Alain Vigneault: "Wir hatten keine Probleme, uns neu zu motivieren. Es geht schließlich um den Stanley Cup!"
"Jetzt sind wir nur noch einen Sieg vom ganz großen Ding entfernt. Das fühlt sich riesig an", blickt Vancouvers Verteidiger Kevin Bieksa dem Montagspiel bereits freudig entgegen. Dass es dann schon zum Triumph reichen könnte, glaubt auch sein Teamkollege Alexandre Burrows: "Heute war es Maxim, beim nächsten Mal ist es ein anderer Held, der für uns das Spiel aus dem Feuer reißt." Canucks-Kapitän Henrik Sedin war ebenfalls glücklich und zufrieden. "Wir haben nichts geschenkt bekommen, sind aber immer konzentriert geblieben. Ich bin wirklich stolz", sagte der 30-jährige Schwede. In einer harten und schnellen 5. Finalpartie stand Vancouvers deutscher Nationalspieler Christian Ehrhoff 24:36 Minuten auf dem Eis. Sein Bostoner Pendant Dennis Seidenberg brachte es auf 27:39 Minuten.
Sieg im 5. Finalspiel des Stanley-Cup-Finales enorm wichtig
Wie wichtig ein Sieg im 5. NHL-Finalspiel ist, wenn zuvor jede Mannschaft jeweils zweimal gewonnen hat, zeigt auch ein Blick in die Historie. In den 21 Stanley-Cup-Finalserien, die zwischenzeitlich 2:2 standen, holte 15mal das Team den "Pott", das die 5. Partie gewann. Nur sechsmal drehte eine Mannschaft einen 2:3-Rückstand noch um: 1950 die Detroit Red Wings, 1964 die Toronto Maple Leafs, 1971 die Montreal Canadiens, 2001 die Colorado Avalanche, 2004 die Tampa Bay Lightning sowie 2009 die Pittsburgh Penguins.
Gelingt auch Boston dieses Kunststück noch? Wer die beiden imposanten Heimsiege der Bruins gegen Vancouver gesehen hat, kann getrost auf einen Ausgleich in der Endspielserie wetten. Doch dem Gesetz der Serie zu Folge holen die Canucks den knapp einen Meter hohen Silberpokal in diesem Jahr erstmals seit 18 Jahren wieder nach Kanada. In den Stanley-Cup-Finalspielen 2011 hat bisher stets die Heimmannschaft gewonnen. Vieles deutet daher darauf hin, dass die Trophäe erst nach einem 7. und entscheidenden Endspiel am kommenden Mittwoch in Vancouver an den Kapitän der siegreichen Mannschaft überreicht wird: Henrik Sedin.
