
- Vanillekipferln nach dem Originalrezept aus Wien - ©Stephan Haas
Uroma Gretl wurde zu Beginn der Goldenen Zwanziger in Wien geboren. Als junge Frau kam sie nach Deutschland, um hier zu heiraten - im Gepäck auch einige Familienrezepte aus ihrer Heimat. Zur Weihnachtszeit backte sie für ihre Kinder köstliche Vanillekipferln - und vererbte das Wiener Rezept weiter. Tatsächlich sollen die Kipferln der Legende nach ebenfalls aus Wien stammen.
Legenden und Geschichten rund um das österreichische Kipferl
Die Türken belagerten im Jahre 1683 die Stadt Wien bereits zum zweiten Mal. Eines Nachts hörten die Bäcker, die gerade mit Brotbacken beschäftigt waren, ein ungewöhnliches Schlagen und Hämmern: Die Türken waren dabei, einen Tunnel unter die Stadt zu treiben - weil sie nur so die Stadt hätten einnehmen können. Die Bäcker schlugen sofort Alarm und benachrichtigten die kaiserlichen Truppen. Durch diese Heldentat soll Wien endgültig von der türkischen Besatzung erlöst worden sein. Zur Erinnerung an die Befreiung Wiens von den Türken erfanden die Bäcker ein Gebäck in Form des türkischen Halbmondes und sollen aus ihrem Ruhm reichlich Profit geschlagen haben.
Eine hübsche Geschichte, aber ob sie wirklich wahr ist? Zu beweisen ist sie jedenfalls nicht. Aber das ist nun einmal typisch für eine Legende, schließlich dient sie in erster Linie der Unterhaltung und Erbauung. Immerhin hat sie einen wahren Kern, vielleicht sogar mehr als einen. Trotz der damaligen Lebensmittelknappheit in der Stadt ist es gut möglich, dass die Bäcker genug Mehl zur Verfügung hatten, um Brot zu backen. Denn die osmanischen Feldbäcker waren so sehr auf den Wein der Wiener erpicht, dass sie aus dem Feldlager Mehl entwendeten und gegen das Objekt ihrer Begierde tauschten. Auch begann die letzte entscheidende Schlacht am 12. September 1863 frühmorgens um 5.00 Uhr - mit dem Ergebnis, dass die Türken in die Flucht geschlagen wurden. Und überhaupt: Warum sollten nicht auch einfache Bäcker mal die Helden sein?
Kipferln können aus unterschiedlichen Teigsorten bestehen
Kipferln können übrigens aus unterschiedlichen Teigsorten bestehen, nämlich aus Hefe-, Mürbe- oder Blätterteig. In Frankreich heißen Kipferln aus Plunderteig (einem verfeinerten Blätterteig) Croissants (de lune). Angeblich wurde das Rezept erst durch die Habsburgerin Marie Antoinette bzw. einem ihrer Wiener Hofbäcker in Frankreich bekannt - und berühmt. Übersetzt ins Deutsche bedeutet der Begriff Hörnchen (wie auch das österreichische Kipferl) oder Mondsichel bzw. Halbmond. Womit sich der Kreis schließt und gleichzeitig die Frage aufgeworfen wird, ob die Form eines Kipferls nicht auch einem Tierhorn nachempfunden sein kann.
Besagte Vanillekipferln gelten in Österreich jedenfalls als saisonales Kleingebäck und werden selbstverständlich aus Mürbeteig hergestellt.
Und hier nun Uroma Gretls Familienrezept. Doch vorab noch ein Hinweis. Das Originalrezept ist leider verlustig gegangen und niemand kann mehr nachvollziehen, wieso die Mengenangaben so krumme Zahlen aufweisen. Uroma Gretl kann keine Auskunft mehr geben, denn die hat das Geheimnis mit ins Grab genommen. Man mutmaßt, dass die Mengen in Unzen angegeben waren, was für österreichische Verhältnisse zwar ungewöhnlich, aber immerhin eine halbwegs logische Erklärung wäre, denn eine Unze beträgt ca. 28,35 g. Und so wird wohl irgendein findiger Nachfahr das Originalrezept in Gramm umgerechnet und die Ergebnisse auf- bzw. abgerundet haben. Das Ergebnis „Vanillekipferln“ wird dadurch jedoch keinesfalls geschmälert.
Rezept: Wiener Vanillekipferln
Zutaten:
- 280 g Mehl
- 110 g geriebene Nüsse (Haselnüsse oder Mandeln)
- 80 g Zucker
- 200 g Butter
- 1 Spritzer Rum (oder 1 Fläschchen Rumaroma)
- 1 Teelöffel Bourbon-Vanille oder das Mark einer Vanilleschote
- Backpapier
- Puderzucker zum Bestäuben
Zubereitung:
Zuerst wird das Mehl fein gesiebt, anschließend mit den restlichen Zutaten sorgfältig verknetet. Sodann formt man die Masse zu einer Kugel und lässt sie für mindestens 2 Stunden in Ruhe. Dazu stellt man sie möglichst kühl. Anschließend nimmt man den Teig, teilt eine kleine Menge ab (je nach gewünschter Größe der Kipferln) und rollt diese zwischen den Handflächen zu einer kleinen, an beiden Enden sich verjüngenden „Wurst“. Diese legt man auf ein mit Backpapier ausgelegtes Backblech und biegt sie zu einem Hörnchen. Die Menge ergibt bei mittlerer Größe der Vanillekipferln ungefähr ein (eng) belegtes Backblech.
Das Gebäck wird im vorgeheizten Backofen bei 190 Grad 10 - 15 Minuten gebacken. Die Kipferln auf dem Backblech auskühlen lassen und Puderzucker darauf sieben.
Nach dem völligen Abkühlen möglichst rasch in Blechdosen umfüllen. Aber Vorsicht! Die anmutigen Gebilde sind äußerst empfindlich bzw. zerbrechlich, da der Teig keine Bindemittel wie Ei enthält. Jetzt gilt es, die Dose gut zu verstecken. Denn die Vanillekipferln duften verführerisch und schmecken himmlisch zart und mürbe! Und dann ist es - nebenbei bemerkt - jedem völlig gleichgültig, ob sie dem türkischen Halbmond, einer Mondsichel oder einem schlichten Tierhorn nachempfunden sind...
Wie das mit der Belagerung und Befreiung der Stadt Wien im Jahre 1683 wirklich war, erfahren Sie hier.
